Abgasskandal Warum der Fall VW an die Deutsche Bank erinnert

Ein alter Volkswagen Polo mit Logo in Teufelsoptik.

(Foto: dpa)

Der Schmu in der Autoindustrie reicht weit über Volkswagen hinaus. Das ganze System hat versagt - nicht nur einige wenige. Wer hier etwas ändern will, darf nicht bloß in Wolfsburg ansetzen.

Von Ulrich Schäfer

Von Andreas Brehme stammt ein Aphorismus, mit dem sich in diesen Tagen auch sehr schön die Situation bei Volkswagen beschreiben lässt: "Haste Scheiße am Fuß, haste Scheiße am Fuß." Der Fußball-Nationalspieler fasste damit in der Saison 1995/96 die desolate Lage bei seinem Klub, dem 1. FC Kaiserslautern, zusammen. Denn damals lief so ziemlich alles schief, was nur schieflaufen konnte, und am Ende stieg der Klub ab.

Auch die Volkswagen AG hat gerade ziemlich viel, naja, Dreck am Fuß. Und ständig kommt neuer hinzu. Auch in der abgelaufenen Woche wieder. Es begann am Montag: Da teilte die amerikanische Umweltbehörde Epa mit, dass der Konzern nicht bloß bei 1,6-Liter- und 2,0-Liter-Motoren die Stickoxid-Werte manipuliert hat, sondern auch bei großen 3,0-Liter-Motoren. Am Dienstag rauschte der Aktienkurs deswegen nach unten.

Am Abend des gleichen Tages räumte VW ein: Nicht nur beim Stickoxid, sondern auch beim Ausstoß von Kohlendioxid und beim Spritverbrauch habe man "Unregelmäßigkeiten" entdeckt. Am Mittwoch stürzte der Kurs der VW-Aktie deshalb nochmals ab, der Konzern stoppte den Verkauf weiterer Modelle in den USA, um am Nachmittag des gleichen Tages publik zu machen, dass man wegen ganz anderer Probleme - nicht beim Abgas, sondern an den Bremsen - in den USA weitere 92 000 Autos in die Werkstätten zurückrufen muss.

Ach herrje! Was sagte Brehme noch?

VW ist "too big to fail"

Alle zeigen nun auf Volkswagen und schütten Kritik und Spott über den Konzern aus, der seine Probleme so gar nicht in den Griff bekommt. Die Frankfurter Allgemeine Zeitung bezeichnet den zweitgrößten Autobauer der Welt als "Fälscherwerkstatt", das Handelsblatt geißelt die Wolfsburger "Wir-haben-Benzin-im-Blut-Kultur". Am Ende, argwöhnen manche, könnte VW gar im Strudel dieser Affäre untergehen. Natürlich ist diese Sorge übertrieben, denn Volkswagen ist, so wie die Deutsche Bank in der Finanzkrise, too big to fail - zu groß, als dass man diesen Konzern untergehen lassen könnte. 600 000 Arbeitsplätze, ein beträchtlicher Teil davon in Deutschland, wo direkt oder indirekt jeder siebte Job an der Autoindustrie hängt: So etwas nennt man systemrelevant.

Auch sonst erinnert das Schicksal von Volkswagen in mancherlei Hinsicht an das der Deutschen Bank, auf die ebenfalls alle zeigten, weil sie vor, während und nach der Finanzkrise so vieles falsch gemacht hat. Sie ist ebenfalls ein Symbol der deutschen Wirtschaft; ein Inbegriff der wirtschaftlichen Stärke und Macht, aber auch der Hybris ihrer Manager.

Illustration: Lisa Bucher

Was Josef Ackermann oder Anshu Jain bei der Deutschen Bank waren, das waren Martin Winterkorn oder Ferdinand Piëch bei VW: Hier wie dort trachteten die Konzernchefs danach, im globalen Wettbewerb ganz vorn mitzuspielen; hier wie dort konnten die Führungskräfte vor Selbstbewusstsein kaum gehen, und dennoch entglitt ihnen nach und nach die Kontrolle über das komplexe Unternehmen, das sie zu steuern versuchten, während die Kultur verlotterte.