Abgasskandal VW sucht einen Außenminister

  • Volkswagen hat in den USA aufgrund der Abgasaffäre gewaltige Probleme - größere etwa als einst Siemens nach dem Skandal um die schwarzen Kassen.
  • Darum soll VW nun eine Art Außenminister bekommen, der die Wogen glätten soll.
Von Thomas Fromm und Klaus Ott

Als der frühere Finanzminister und CSU-Chef Theo Waigel in seinem späteren Berufsleben anfing, als Anwalt für die Siemens AG nach deren weltweiter Schmiergeldaffäre gut Wetter in den USA zu machen, erzählte er dort zuerst ein paar Anekdoten. Eine ging so: Vom einstigen US-Notenbankchef Alan Greenspan habe er, Waigel, mal scherzhaft zu hören bekommen, sein Englisch sei "not existing", aber sein Akzent sei "excellent". Er habe geantwortet, es sei ein ganz spezieller "Bavarian accent" irgendwo zwischen Franz Josef Strauß und Henry Kissinger. So habe er das Eis in Washington gebrochen, wo Siemens der Ausschluss von Staatsaufträgen drohte, erzählte Waigel später. Mit solchen Anekdoten könne man für eine gute Atmosphäre sorgen.

Jetzt hat Volkswagen wegen der Abgasaffäre große Probleme in den USA. Viel größere als sie Siemens je hatte. Was VW jetzt braucht? Ganz einfach: So jemanden wie Theo Waigel. Und ein paar Witze, über die selbst jene Politiker und Behördenchefs in den USA lachen könnten, die mächtig sauer sind auf den deutschen Autokonzern. Ob das mit den Anekdoten klappt, ist offen. Als sicher gilt: VW bekommt eine Art Außenminister für die USA. Das Unternehmen will nach Informationen von SZ, NDR und WDR eine in Übersee hoch angesehene Persönlichkeit engagieren, die einen Neuanfang glaubwürdig verkörpern, den Konzern in den USA repräsentieren und dort Türen öffnen soll. VW äußert sich dazu nicht.

Der Haupteingang des VW-Werkes in Chattanooga im US-Bundesstaat Tennessee.

(Foto: Erik S. Lesser/dpa)

Die Frau dahinter: Christine Hohmann-Dennhardt

Die treibende Kraft hinter diesem Plan ist nach Angaben aus Konzernkreisen in Wolfsburg die frühere SPD-Politikerin und Verfassungsrichterin Christine Hohmann-Dennhardt, die zu Jahresbeginn bei VW das neu geschaffene Vorstandsressort für Integrität und Recht übernahm. Die Juristin war zuvor in ähnlicher Funktion bei Daimler tätig gewesen und hatte dort geholfen, eine Schmiergeldaffäre zu bewältigen. Der Stuttgarter Autokonzern hatte, ähnlich wie Siemens, weltweit Geschäftspartner und Regierungen bestochen, um so an lukrative Aufträge zu kommen. Und genauso wie Siemens drohte Daimler, in den USA deshalb auf eine schwarze Liste gesetzt zu werden und einen der wichtigsten Märkte zu verlieren.

Es gibt noch eine Parallele zu Siemens: Auch Daimler engagierte einen Chef-Aufpasser, den die US-Behörden akzeptierten und der darüber wachte, dass die Geschäfte nun sauber liefen. Die Stuttgarter holten Louis Freeh, ehedem Chef der US-Bundespolizei FBI. Waigel und Freeh durchleuchteten mit einem Stab von Experten Siemens und Daimler und bescheinigten den Konzernen, aufgeräumt zu haben. Die US-Behörden glaubten das, beide Unternehmen kamen in Übersee ziemlich gut davon, nachdem zuerst horrende Strafzahlungen gedroht hatten.

Daimler habe "Gold-Standard" erreicht, lobte Ex-FBI-Chef Freeh später. Er hat dort bestens mit Hohmann-Dennhardt kooperiert, und die will dieses Beispiel offenbar nun auf Volkswagen übertragen. Aber nur teilweise. Die Persönlichkeit, die in den USA helfen soll, ist nach Angaben aus Konzernkreisen nicht oder zumindest nicht in erster Linie als Chef-Aufpasser vorgesehen. Sondern eben eher als eine Art Außenminister. So jemanden hat VW bitter nötig, um Fehler und Versäumnisse zu korrigieren.

Konzernchef Matthias Müller und VW-Markenchef Herbert Diess sind erst jetzt nach Übersee gereist. Vier Monate, nachdem die manipulierten Abgas-Tests bei Diesel-Fahrzeugen dort aufgeflogen sind, was die größte Krise in der Geschichte des Unternehmens ausgelöst hat. Die Umweltbehörden in den USA sehen sich belogen und betrogen, das Justizministerium hat eine Milliardenklage eingereicht, der Schaden ist immens.

Schafft es Volkswagen nicht, gründlich aufzuklären und aufzuräumen und das verlorene Vertrauen wiederherzustellen, dann könnte das den Wolfsburger Konzern am Ende einen zweistelligen Milliardenbetrag allein in den USA kosten. In dieser Lage reichen Kurzbesuche von Müller und Diess nicht mehr. "Wir brauchen einen Außenposten in den USA", heißt es aus Konzernkreisen. Staranwalt Kenneth Feinberg, den VW im Dezember für die anstehenden Prozesse in Übersee angeheuert hat, ist das nicht.

Absatz bricht ein Zum Jahresende bekommt der VW-Konzern noch einmal einen Dämpfer. Der Absatz der Kernmarke VW sackte im Dezember um 7,9 Prozent auf 487 700 Autos und im Gesamtjahr um 4,8 Prozent auf 5,82 Millionen Autos, teilte der Konzern mit. Insgesamt sanken die Verkäufe des Konzerns, zu dem unter anderem auch Audi und Porsche gehören, um zwei Prozent auf 9,93 Millionen Fahrzeuge. Damit verfehlt der Konzern sein Ziel, 2015 so viele Autos zu verkaufen wie im Jahr zuvor, als die VW-Marken zusammen noch knapp 10,14 Millionen Fahrzeuge losschlagen konnten. Die Staatsanwaltschaft von Connecticut wirft dem Konzern vor, sich der Zusammenarbeit zu widersetzen, indem er sich auf deutsches Recht berufe, teilte die Behörde mit. Ein Insider sagte, VW weigere sich, interne E-Mails an 48 Bundesstaatsanwälten zu übergeben. VW wollte sich nicht dazu äußern. dpa/reuters

Volkswagen braucht vielmehr jemanden, der mit Politikern der beiden großen Lager, Demokraten und Republikanern, mit Ministern und den Chefs der so schwer getäuschten und enttäuschten Umweltbehörden auf Augenhöhe sprechen kann. So jemanden hat VW schon vor Monaten gesucht. In der Konzernspitze kursierte eine Liste mit fünf, sechs Namen aus den USA. Damals konnte sich das Reformlager bei Volkswagen gegen die alten Kräfte offenbar noch nicht durchsetzen.

Später wollten Vorstand und Aufsichtsrat wohl abwarten, bis Hohmann-Dennhardt kommt, um der ersten Frau im Vorstand nicht vorzugreifen. Jetzt ist die frühere Verfassungsrichterin da und will jemanden an ihre Seite holen, der ebenso wie sie für einen Neubeginn steht, unbelastet von der Affäre. Jemanden, der von sich das behaupten kann, was einst Waigel über sich gesagt hat, als er bei Siemens anfing: "In Übersee weiß man, wer ich bin."