Abgasskandal Bundesregierung verurteilt Tests an Menschen und Affen

Besonders im VW-Konzern sorgen die Abgastests an Menschen und Affen für Ärger.

(Foto: imago/Geisser)
  • Regierungssprecher Steffen Seibert zeigte Verständnis für die Empörung vieler Menschen: "Diese Tests an Affen oder sogar Menschen sind ethisch in keiner Weise zu rechtfertigen."
  • Volkswagen-Aufsichtsratschef Hans Dieter Pötsch verlangt Aufklärung über die Versuche, die im Auftrag der deutschen Autoindustrie stattfanden.

Die Bundesregierung hat die durch Medienberichte bekannt gewordenen Abgastests der Automobilbranche an Affen und Menschen scharf verurteilt. Diese seien ethisch in keiner Weise zu rechtfertigen, sagte Regierungssprecher Steffen Seibert. Die Tests müssten sofort ein Ende haben, erklärte ein Sprecher des geschäftsführenden Bundesverkehrsministers Christian Schmidt (CSU). Man habe "keinerlei Verständnis" für Versuche, "die nicht der Wissenschaft dienen, sondern ausschließlich PR-Zwecken", sagte er.

Die Sprecher forderten von den Beteiligten Aufklärung. Gefordert seien die Kontrollgremien der Auftraggeber dieser Tests, sagte Seibert. Er verurteilte auch die Zielrichtung dieser Tests, die Berichten zufolge die Schädlichkeit von Abgasen beziehungsweise die Wirksamkeit von Filtern beweisen sollten. Die Automobilbauer sollten Schadstoffe begrenzen und Grenzwerte einhalten, nicht die vermeintliche Nichtschädlichkeit beweisen, sagte er.

Führende Vertreter des VW-Konzerns fordern ebenfalls Aufklärung. Der Autobauer steht nach Bekanntwerden der Tests unter besonderem Druck. Denn VW war dem Studienleiter zufolge federführend bei der Untersuchung, die die "Europäische Forschungsvereinigung für Umwelt und Gesundheit im Transportsektor" in Auftrag gegeben hatte. Neben dem Wolfsburger Konzern finanzieren Daimler und BMW die Lobby-Initiative.

Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil verlangte umfassende Informationen. Geklärt werden müsse, ob es weitere Testreihen dieser Art an und mit Menschen gegeben habe, sagte der SPD-Politiker, der auch im VW-Aufsichtsrat sitzt. Bereits am Wochenende habe er die Versuche als "absurd und widerlich" bezeichnet - dies gelte erst recht, wenn es zu Versuchen an Menschen gekommen sein sollte. Die Vertreter des Landes Niedersachsens im Aufsichtsrat wollten "noch heute" eine dringliche Aufforderung zur Aufklärung an den Volkswagen-Vorstand richten.

Betriebsratschef ist erschüttert

Weil betonte, das Verhalten des Konzerns müsse in jeder Hinsicht auch ethischen Ansprüchen genügen. Es wäre im Interesse aller gewesen, wenn der Vorgang früher bekannt geworden wäre. Maßgeblich sei der Zweck solcher Testreihen - gehe es darum, die Belastung am Arbeitsplatz zu testen, lasse sich das vertreten. Dienten die Testreihen aber Marketing und Verkaufsförderung, "fällt mir keine auch nur von ferne akzeptable Begründung für ein solches Vorgehen ein". Das Land Niedersachsen ist VW-Großaktionär.

Volkswagen-Aufsichtsratschef Hans Dieter Pötsch hat die Diesel-Schadstofftests mit Affen als "in keinster Weise nachvollziehbar" bezeichnet. "Im Namen des gesamten Aufsichtsrates distanziere ich mich mit allem Nachdruck von derlei Praktiken", sagte Pötsch. Die Vorgänge müssten "vorbehaltlos und vollständig aufgeklärt werden". Er kündigte an, dass sich der Aufsichtsrat bald mit dem Thema beschäftigen werde. "Ich werde alles dafür tun, dass der Vorgang umfassend untersucht wird. Wer auch immer dafür Verantwortung zu tragen hat, ist selbstverständlich zur Rechenschaft zu ziehen."

VW-Betriebsratschef Bernd Osterloh hat sogar kurzfristig personelle Konsequenzen gefordert - sollten Verantwortliche noch bei VW beschäftigt sein. "Der Aufsichtsrat ist sich einig: Hier muss schnellstmöglich lückenlos aufgeklärt werden", betonte Osterloh. "Als VW-Konzernbetriebsrat sind wir erschüttert. Hier sind offensichtlich ethisch-moralische Grenzen überschritten worden." Für die Volkswagen-Beschäftigten distanziere er sich klar.

Auch Menschen wurden Schadstofftests ausgesetzt

Die deutsche Autoindustrie hat nicht nur Affen, sondern auch Menschen Dieselabgase einatmen lassen. Daimler ist im Nachhinein entsetzt. Von Hanno Charisius, Stefanie Dodt, Max Hägler und Klaus Ott mehr...