Abgasaffäre Der Ingenieur, der zu viel weiß

Der frühere Mitarbeiter Giovanni P. könnte Audi mit seinen Aussagen schaden. Anwälte des Herstellers versuchen offenbar, seine Aussage zu verzögern.

(Foto: Matthias Schrader/AP)
  • Im Arbeitsgerichtsprozess des früheren Audi-Ingenieurs Giovanni P. versuchen Awälte des Herstellers offenbar, eine Aussage zu verzögern.
  • Die Schilderungen des Ex-Mitarbeiters zu den Hintergründen des Abgasskandals könnten Besitzern manipulierter Diesel helfen.
Von Max Hägler und Klaus Ott

Am 26. September, zwei Tage nach der Bundestagswahl, würde Giovanni P. gerne wieder mal verreisen. Ein bisschen zumindest, von München nach Heilbronn. Der Ingenieur sitzt seit knapp zwei Monaten im Gefängnis, weil er zu denen zählen soll, die bei der VW-Tochter Audi die Abgaswerte von Dieselfahrzeugen manipuliert haben. Betrug von Autokäufern, so lautet der Vorwurf. Audi hat den Motorenexperten gefeuert. Giovanni P. klagt beim Arbeitsgericht Heilbronn gegen die Kündigung; in vier Wochen ist eine Verhandlung angesetzt. Für den Ingenieur wäre das eine Abwechslung zur tristen Untersuchungshaft in München-Stadelheim.

Doch Audi mag nach Informationen von SZ, NDR und WDR dem Ex-Angestellten den Ausflug nach Heilbronn nicht gönnen. Der Autohersteller hat, über eine Anwaltskanzlei, Giovanni P. einen Entwurf für eine "Ruhensvereinbarung" zukommen lassen. Das Arbeitsgerichtsverfahren solle ausgesetzt werden, zumindest bis zum 31. Dezember 2017. Das hieße: keine öffentliche Gerichtsverhandlung bis dahin, bei der möglicherweise Dokumente vorgelegt werden und Zeugenaussagen erfolgen, die Aufschluss geben über das ganze Ausmaß der Abgasaffäre bei Volkswagen und Audi. Es wäre womöglich Material dabei, das Autokunden helfen könnte, erfolgreich auf Schadenersatz zu klagen - doch ohne Verhandlung wird es nicht öffentlich.

Wie sich der Autobauer im Fall von Giovanni P. verhalte, sei "sehr durchsichtig", sagt der auf Verbraucherschutzprozesse spezialisierte Düsseldorfer Anwalt Julius Reiter. Audi und die Konzernmutter Volkswagen wollten vermeiden, dass beim Arbeitsgericht unangenehme Vorgänge bekannt und protokolliert würden: Details, die betroffene Dieselautobesitzer dann ihrerseits nutzen könnten, um gegen VW vorzugehen. Reiter betreibt seine Kanzlei zusammen mit dem früheren Bundesinnenminister und FDP-Politiker Gerhart Baum.

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Der ist bereits 84 Jahre alt, aber noch schwer aktiv und als Anwalt wie auch sonst sehr scharfzüngig. Baum sagt, Audi wolle Giovanni P. "ruhig stellen, zum Schaden der Autokäufer, um Zeit zu gewinnen". Das sei eine "perfide Strategie". Der frühere Audi-Techniker P. packt gerade bei der Staatsanwaltschaft München II aus und schildert in Einzelheiten, wer wann was von den Abgas-Manipulationen gewusst habe. Bis das alles in einem Strafprozess bei Gericht öffentlich wird, kann es noch Jahre dauern. Für die meisten der 2,5 Millionen betroffenen Diesel-Besitzer wäre das zu spät.

Die Ansprüche der Autokäufer gegen die Händler von Volkswagen und den VW-Töchtern verjährten bereits Ende 2017, sagt Anwalt Reiter. Exakt zu jenem Zeitpunkt also, bis zu dem Audi Termine beim Arbeitsgericht in Heilbronn vermeiden will. Danach und auch nur bis Ende 2018 können die Kunden noch Volkswagen beziehungsweise die VW-Töchter wie Audi direkt verklagen. Aber wer legt sich schon gerne mit einem Konzern an; noch dazu einem, der so groß und übermächtig erscheint.

Beim Händler vor Ort ist das etwas anderes. Und was sagt der so heftig angegriffene Autokonzern dazu? Wieder einmal fast nichts. Man möge doch Verständnis dafür haben, "dass wir uns zu Inhalten von laufenden arbeitsgerichtlichen Verfahren ... nicht äußern". Das gilt auch für die Vermutung, die Giovanni P. vorgeschlagene "Ruhensvereinbarung" solle verhindern, dass Autobesitzer zusätzliches Material für Klagen sammeln könnten. Man kommentiere "keine Spekulationen", antwortet Volkswagen auch im Namen von Audi auf eine entsprechende Anfrage. Der Konzern bestätigt lediglich eines: Bis Ende 2017 werde bei Schadenersatzklagen keine Verjährung geltend gemacht. Was im Umkehrschluss bedeutet: Ab 2018 wohl schon. Und es sieht so aus, als komme Volkswagen mit dieser Strategie durch.

Giovanni P. will reden

5000 Klagen sind laut VW hierzulande bereits bei Gericht anhängig. Die nächste Klagewelle steht im Herbst an, seitens Baum, Reiter & Kollegen aus Düsseldorf und deren Berliner Partnerkanzlei Gansel: 5000 Autokäufer haben den beiden Anwaltsbüros bereits das Mandat zur Klage erteilt. Reiter geht davon aus, dass noch einige tausend hinzu kommen. Und dann ist da noch die Kanzlei Hausfeld, die in den USA bereits erfolgreich gegen VW vorgegangen ist, allerdings auf ganz anderer juristischer Basis. Mit Sammelklagen, die es in Deutschland bislang nicht gibt. Das will Hausfeld jetzt trickreich umgehen. Ein Partner von Hausfeld hat sich von 25 000 VW-Käufern deren Schadenersatzansprüche abtreten lassen, für eine gemeinsame Klage beim Landgericht Braunschweig. "Wir peilen den September an", sagt Christopher Rother, Deutschlandchef von Hausfeld. Ob das funktioniert, ist ungewiss.

Am Ende kommen, hochgerechnet, vielleicht um die 50 000 Klagen zusammen. Die restlichen 2 450 000 Dieselkäufer in Deutschland gingen also leer aus. Abgesehen von der neuen Software, die VW aufspielt. Wobei der Konzern allerdings keine Garantie übernimmt, dass das keine nachteiligen Folgen haben könnte. VW spricht lieber von, rechtlich aber nicht bindenden, "vertrauensbildenden Maßnahmen"; und davon, sich gerne kulant zu zeigen. Was wohl auch leicht fällt. Im übrigen Europa sind laut VW noch viel weniger Schadenersatzprozesse anhängig als hierzulande.

Derweil erzählt Giovanni P. den Ermittlern immer mehr von dem, was er bei Audi erlebt hat. Und die "Ruhensvereinbarung" will er nach Angaben seiner Anwälte nicht unterschreiben. Sondern lieber nach Heilbronn fahren und auch dort reden.

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