Für britische Hausbesitzer schienen zweistellige jährliche Wertzuwächse ihrer Immobilien in den letzten Jahren selbstverständlich. Jetzt kommt das böse Erwachen nach der durchzechten Partynacht.
Sally Croy sitzt auf gepackten Koffern. Die 32-jährige Sekretärin hat ihren Hausstand zusammengeräumt. Kleidung, Geschirr, DVD-Sammlung - alles ist in Umzugskisten verstaut. Kühlschrank und Waschmaschine stehen noch in der Küche. Der alte Fernseher kam auf den Sperrmüll. "Es ist zum Heulen. Jetzt muss ich hier raus", sagt sie.
Bild vergrößern
Aus der Traum vom Eigenheim - für die Briten geht mit den sinkenden Immoblienpreisen ein Rausch zu Ende. Foto: ddp
Man sieht ihr an, dass sie schlaflose Nächte hinter sich hat. Um ihre müden Augen haben sich tiefe, dunkle Ränder gebildet. In ihre Stirn haben sich Falten gegraben. Die zierliche Frau verschränkt die Arme, als wollte sie einen Schutzpanzer um sich bilden. Mit ihrem fünfjährigen Sohn Robin war Croy erst vor kurzem in eine bescheidene Zwei-Zimmer-Wohnung im Londoner Stadtteil Hackney gezogen. Sie war ihr ganzer Stolz - ihr Eigentum.
Eisern hatte Croy darauf gespart. Eine Erbschaft ihres vor zwei Jahren verstorbenen Großonkels erleichterte die Finanzierung. Dennoch musste die junge Frau ein Darlehen aufnehmen, um sich ihren Traum vom eigenen Zuhause leisten zu können. Umgerechnet etwa 300.000 Euro kostete die Wohnung in dem ehemaligen Mietshaus, das vor einigen Jahren in Eigentumswohnungen umgewandelt wurde.
Der schäbige Kasten wirkt abweisend. An der Fassade zeigen sich Risse wie die Fäden großer Spinnweben. Durch die morschen Fensterrahmen pfeift kalter Wind. Wärmeisolierung gibt es nicht - wie in vielen britischen Häusern. Die rissigen Kacheln im düsteren Treppenhaus sind mit Graffiti besprüht.
Hackney gilt als sozialer Brennpunkt in London, einer der Hinterhöfe der Stadt. Hier gibt es nicht die glitzernden Fassaden, die Luxus-Boutiquen und herausgeputzten Stadtvillen wie in Kensington und Chelsea. Die Arbeitslosigkeit ist in Hackney mit fast zehn Prozent doppelt so hoch wie in anderen Stadtteilen. Viele Menschen leben von Sozialhilfe. Jugendbanden machen das Viertel unsicher. Erst im November wurde ein 17-Jähriger brutal erstochen - von einem zwei Jahre älteren Rivalen. Dennoch war Croy mit ihrem Heim zufrieden.
Alle ihre Bemühungen seien auch für ihren Sohn gewesen, der es einmal besser haben solle als sie. Doch im vergangenen Herbst kam der Schock für die alleinstehende Mutter: In einem Brief teilte ihr die Hypothekenbank mit, dass das Darlehen teurer würde. Die Zinsen am Kreditmarkt seien leider gestiegen, schrieb der Unterzeichner höflich. Dann die übliche Floskel: Trotzdem hoffe man auf eine Fortsetzung der Geschäftsbeziehungen.
"Geldmärkte im Koma"
Für Croy war klar: Sie kann sich ihre eigene Wohnung nicht mehr leisten. Die monatlichen Mehrkosten kämen auf umgerechnet fast 250 Euro. Nicht zu schaffen für eine Mutter, die jeden Penny umdrehen muss. Jetzt zieht Croy in eine billige Mietwohnung außerhalb Londons. "Das ist bitter für mich", sagt sie.
Es knirscht nicht nur bei Sally Croy, sondern am gesamten britischen Immobilienmarkt. Hypotheken werden teurer, Häuserpreise fallen, und das Vertrauen der Kunden sinkt. Die staatliche Finanzaufsicht FSA warnte gerade davor, dass in diesem Jahr für 1,4 Millionen Briten die Anschlussfinanzierung ihrer Hypothekendarlehen auf wackeligen Füssen steht. Viele Verträge laufen aus, deren Zinsen nur kurzfristig festgelegt sind.
Während noch vor zwei Jahren Hypothekendarlehen mit Zinsen von knapp mehr als vier Prozent zu haben waren, sind jetzt 6,5 bis 7,5 Prozent die Regel. Die steigenden Kreditkosten seien für viele Hausbesitzer "einfach zu viel", meint FSA-Direktor Clive Briault. Zudem sind Banken seit den Unsicherheiten an den Welt-Finanzmärkten zurückhaltender geworden bei der Kreditvergabe. "Wenn die Geldmärkte im Koma bleiben, werden nicht alle, die ein Darlehen wollen, auch eins erhalten können", sagt Michael Coogan, Generaldirektor beim Verband der Hypothekenvermittler.
(Sie sind jetzt auf Seite 1 von 2) nächste Seite
In diesem Artikel:


Wirtschaft ist witzig