Von Claus Hulverscheidt

Offiziell bleibt die Bundesregierung optimistisch, doch hinter den Kulissen brodelt es. Im zweiten Quartal wird das Bruttoinlandsprodukt offenbar um ein Prozent sinken.

Hamburger Hafen, APGrossbild

Hamburger Hafen: Für das zweite Quartal erwarten Experten desaströse Wirtschaftszahlen. (Foto: AP)

Die deutsche Wirtschaftsleistung ist im Frühjahr noch stärker gesunken als ohnehin befürchtet. Nach Informationen der Süddeutschen Zeitung ging das Bruttoinlandsprodukt (BIP) zwischen April und Juni im Vergleich zum ersten Quartal des Jahres um ein Prozent zurück. Die endgültige Zahl wird kommende Woche veröffentlicht.

Bislang hatten die meisten Experten ein Minus von etwa 0,5 Prozent erwartet. Ein Rückgang um 1,0 Prozent würde demgegenüber einen Ausfall von noch einmal zwölf Milliarden Euro bedeuten.

Sollte die Wirtschaft auch im dritten Quartal schrumpfen, wäre Deutschland - zumindest nach technischer Definition - binnen kürzester Zeit vom Aufschwung in die Rezession gerutscht.

Das deutliche Minus im zweiten Quartal ist allerdings zum Teil auch eine Reaktion auf das unerwartet kräftige Wachstum zu Jahresbeginn. Im ersten Quartal hatte das BIP rasant um 1,5 Prozent zugelegt. Grund war unter anderem der milde Winter, der die Bauinvestitionen angekurbelt hatte. Die grundlegenden weltwirtschaftlichen Probleme wie die anhaltende Finanzkrise, die Wirtschaftsflaute in den USA sowie die kräftig gestiegenen Preise für Energie und Lebensmittel waren dadurch übertüncht worden.

Regierung bleibt bei ihrer Prognose

Angesichts der Entwicklung im zweiten Quartal befürchtet die Bundesregierung, dass sich die Konjunkturaussichten deutlich stärker eintrüben könnten als bisher angenommen. Aus Regierungskreisen verlautete, die offizielle Wachstumsprognose für 2009 von 1,2 Prozent sei kaum mehr zu halten. "Die Abwärtsrisiken überwiegen die Aufwärtsrisiken bei weitem", hieß es. Das bedeutet: Die Wahrscheinlichkeit, dass das BIP weniger stark zulegt als erwartet, ist deutlich größer als eine Überraschung in positive Richtung. Für 2008 erwartet das Wirtschaftsministerium ein Plus von 1,7 Prozent, was wegen des starken Wachstums zu Jahresbeginn auch nach wie vor realistisch erscheint. 2007 war die gesamtwirtschaftliche Leistung um 2,5 Prozent auf rund 2,4 Billionen Euro gestiegen.

Offiziell sieht die Regierung noch keine Veranlassung, ihre Schätzung für 2009 zu korrigieren. Zwar nehme man die jüngsten Signale zur Kenntnis. "Es gibt aber weder für dieses noch für nächstes Jahr einen Grund, die Prognose zu ändern", sagte ein Regierungssprecher. Er verwies darauf, dass die Koalition noch kürzlich für ihre angeblich zu pessimistischen Voraussagen kritisiert worden sei. Zudem entwickelten sich einige Bereiche wie der Export weiter sehr positiv. Die nächste turnusgemäße Wachstumsschätzung der Regierung steht im Oktober an.

Tatsächlich ist die Entwicklung in den einzelnen Wirtschaftszweigen noch so unterschiedlich, dass eine Gesamtprognose schwierig ist. So berichtete der Automobilverband VDA am Montag, dass die Exporte der deutschen Hersteller im Juli um sechs Prozent auf knapp 340.000 Fahrzeuge gesunken seien. Im Inland gebe es zwar noch Wachstum, auch hier zeige die Kurve aber nach unten.

Maschinenbau bleibt optimistisch

Auch die Zahl der Flugpassagiere wuchs im Juni so langsam wie seit Jahren nicht mehr. Die Nachfrage habe sich weltweit gegenüber 2007 um lediglich 3,8 Prozent erhöht, erklärte der Branchenverband IATA. Dies sei das niedrigste Wachstum seit 2003, als die lebensbedrohliche Lungenkrankheit Sars die Fluggastzahlen einbrechen ließ. Zugleich verschickten die Unternehmen weniger Güter.

Dagegen erwartet der Maschinenbau als größte deutsche Exportbranche keine massiven Beeinträchtigungen durch eine Konjunkturabkühlung. Ralph Wiechers, Chefvolkswirt des Verbands VDMA, sagte, es gebe "nach wie vor Wachstumsphantasien". Zwar sei eine konjunkturelle Abschwächung in den Auftragseingängen zu spüren. Die Firmen hätten aber noch hohe Auftragsbestände. Selbst wenn es nach zwei Rekordjahren wieder normale Wachstumsraten oder gar ein leichtes Minus gäbe, "wäre das nicht der Untergang des Abendlands und auch nicht des Maschinenbaus", so Wiechers.

Ähnlich uneinheitlich sind die Aussagen von Volkswirten. Während der Konjunkturchef des Münchner Ifo-Instituts, Kai Carstensen, in der Bild-Zeitung erklärte, die Erwartungen der Betriebe seien "grottenschlecht", zeigten sich andere Ökonomen optimistischer. Beim Essener Wirtschaftsforschungsinstitut RWI hieß es, das Wachstum könne Mitte 2009 wieder anziehen. Auch der Deutsche Industrie- und Handelskammertag erklärte, man werde "nicht in den Chor der Schwarzmaler einstimmen".

(SZ vom 05.08.2008/tob)

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Leserkommentare (4)



05.08.2008 13:03:29

Ruediger_Kalupner: den Wachstumszwang-Absolutismus entsorgen ...

Die Überlebensperspektive für ein 2%-Wachstumszwang-Regime gibt es nicht. Der rechtzeitige Zeitpunkt für den Exodus aus dem Kartenhaus der HighTech-Export-Konsum-Investitionszwang-Stabiltät zu wählen, das ist die Kunst, die heute gefragt ist.

Wie Erich Honecker im Gefolge der Gorbatshcowschen Perestroika uns gezeigt hat, leiden die Mächtigen an Blindheit gegenüber dem evolutionsprozess-gesetzlich Neuen. Das galt auch für die absolutistischen Herrscher, die die Französische Revolution 1789 beseitigt hat.

Es muß ein Wunder geschehen, um die Spitzengremien in Deuschland von ihrer Blindheit zu heilen. Wer entsorgt den deutschen Wachstumszwang-Absolutisten?

Vielleicht beherrscht Angela Merkel diese Kunst des rechten Augenblicks. Sie denkt ja bekanntlich vom evolutionsprozess-logischen Ende her und hat den Mut zu machtstürzenden Tat bewiesen.


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