Von Judith Raupp

Subventionierte Nahrungsmittel aus Europa ruinieren die Kleinbauern in Entwicklungsländern. Kamerun wehrt sich nun mit einem Einfuhrstopp für Geflügel.

(Foto: dpa)

Die rasant steigenden Preise für Lebensmittel treffen die Entwicklungsländer besonders hart. Sie produzieren zu wenig Getreide, Gemüse und Fleisch, um ihre Bevölkerung zu ernähren.

Deshalb sind sie auf Importe angewiesen. Angesichts der hohen Weltmarktpreise für Nahrungsmittel ist für viele Menschen in der Dritten Welt das Essen zu teuer geworden. Ihre Wut darüber entlädt sich in manchen Staaten in Gewalt. Die Bilder von den Hungerrevolten schrecken die Politiker in den Industriestaaten auf. Die Landwirtschaft in den Entwicklungsländern müsse ausgebaut werden, fordern sie.

Gleichzeitig zerstören die USA und die Europäische Union aber mit ihrer Subventionspolitik die Existenz vieler Bauern in den ärmeren Ländern.

Ein anschauliches Beispiel dafür, wie verheerend die Zahlungen wirken, ist das Schicksal der Tomatenpflanzer in Ghana: "Aus Verzweiflung über ihre aussichtslose Lage haben sich im Norden von Ghana einige Kleinbauern umgebracht", berichtet Francisco Mari, Agrarexperte beim Evangelischen Entwicklungsdienst (EED). Südeuropäische Konzerne exportieren Tomatenmark-Dosen nach Ghana und verkaufen sie dort für rund 29 Cent.

Zölle von 20 Prozent

Ghanaische Hersteller müssen die Dose für 35 Cent anbieten, wenn sie von dem Geschäft leben wollen. Weil sie teurer verkaufen als die Europäer, werden sie vom Markt verdrängt.

Die Europäer könnten sich den niedrigen Preis leisten, weil die EU die Tomatenproduzenten jährlich mit 380 Millionen Euro unterstütze, erklärt Mari. Außerdem erhielten die Firmen für einen Teil der Exporte eine Subvention von 15 Cent pro Kilo, wenn sie den Überschuss, den sie in der EU nicht absetzen können, außerhalb Europas verkauften. Insgesamt exportieren die Europäer jährlich 400.000 bis 500.000 Tonnen ihrer Produktion von elf Millionen Tonnen. Für 135.000 Tonnen bekommen sie die Exportvergütung.

"Die Subventionen führen dazu, dass das Tomatenmark aus der EU um die Hälfte billiger angeboten werden kann, als es die Herstellungskosten erlauben", sagt Mari. Mit anderen Worten: Ohne Subventionen müssten die EU-Bauern für die Tomatenmark-Dose in Ghana 58 Cent verlangen. Die ghanaischen Hersteller wären mit 35 Cent deutlich im Vorteil. Seit 1998 ist der Import von Tomatenmark aber um 650 Prozent auf 24.740 Tonnen gestiegen. Größtenteils stammt das Tomatenmark aus der EU.

Eine Studie der Hilfsorganisation Fian führt die Importflut auch darauf zurück, dass Ghana sich auf Druck der Weltbank und des Internationalen Währungsfonds nicht mit Zöllen wehre. Tatsächlich erhebt Ghana auf Tomatenprodukte nur Zölle bis zu 20 Prozent, obwohl es nach den Regeln der Welthandelsorganisation 99 Prozent verlangen könnte.

Doch nachdem die Proteste der heimischen Bauern immer lauter geworden sind, hat Ghana vor kurzem ein Importverbot für Tomatenprodukte erlassen. Offiziell begründet die Regierung das mit falschen Rechnungen, welche die europäischen Firmen gestellt hätten. Nun läuft eine Frist von 200 Tagen, in der die Angelegenheit geklärt werden soll.

Man komme den armen Ländern bei den Exportsubventionen entgegen, sagt ein Sprecher der EU-Landwirtschaftskommissarin Mariann Fischer Boel. Sie seien seit 2000 von mehr als fünf Milliarden Euro auf jetzt weniger als zwei Milliarden Euro pro Jahr gekürzt worden. Bis 2013 sollten sie ganz abgeschafft werden, und für Exporte in Entwicklungsländer würden "im Allgemeinen" jetzt schon keine Zuschüsse mehr bezahlt. Es könne aber Ausnahmen geben.

Entwicklungshelfer kritisieren allerdings, dass jede Finanzhilfe und nicht nur die Exportsubventionen für die EU-Produzenten unfaire Vorteile gegenüber den nicht subventionierten Kleinbauern in armen Ländern brächte. Als Beispiel nennt EED-Experte Mari den Geflügelhandel.

Für den Export von Hähnchen in die Dritte Welt erhalten die Schlachter zwar keine Subventionen. Aber wenn sie nach Russland oder Saudi-Arabien liefern, bekommen sie einen Zuschuss von 25 Euro pro 100 Kilo. "Diese Zahlungen tragen dazu bei, dass die Hähnchenteile in den Entwicklungsländern billiger angeboten werden können", stellt Mari fest.

Hähnchenbrust für Europa, der Rest für Afrika

Hinzu kommen geänderte Ernährungsgewohnheiten. Seit einigen Jahren verzehren die Europäer mit Vorliebe Hähnchenbrust, den Rest des Geflügels wollen sie nicht. Darum verkaufen die Produzenten die Teile billig an afrikanische Importeure. Dies führte zum Beispiel in Kamerun dazu, dass Importgeflügel für 1,44 Euro je Kilo angeboten wurde. Das heimische Huhn kostete 2,40 Euro pro Kilo. Allein 2004 gingen deshalb 120.000 Arbeitsplätze in Kamerun verloren.

Die Bürgerinitiative Association Citoyenne de Défense des Intérêts Collectifs hat wegen der Importschwemme bei der Regierung gegen die ausländischen Lieferanten lobbyiert - mit Erfolg. Kamerun vergibt kaum noch Lizenzen für Geflügelimporte. Im Gegensatz zu anderen westafrikanischen Ländern sind die Lieferungen aus dem Ausland deutlich zurückgegangen.

Fraglich ist allerdings, ob Kamerun das Importverbot aufrechterhalten kann. Denn die EU verhandelt mit den Staaten Afrikas, der Karibik und der Pazifikregion gerade neue Wirtschaftsverträge und drängt auf eine Marktöffnung.

Mute Schimpf, Handelsexpertin beim Hilfswerk Misereor, kritisiert die gesamte Agrarpolitik der EU: "Sie ist auf Überschussproduktion ausgelegt. Und solange es Überproduktion gibt, wird es eine gewisse Exportförderung geben, die den armen Ländern mehr schadet als nützt." Die EU müsse jetzt die Gunst der Stunde nutzen und angesichts der hohen Lebensmittelpreise die Subventionen kürzen: "Die braucht doch jetzt keiner mehr."

(SZ vom 18.4.2008/hgn)

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Leserkommentare (11)



18.04.2008 15:31:52

mona_7:

Tödliches Versagen

Hungerkrise in Haiti: Der Grund sind die neoliberalenEntwicklungsstrategien von Weltbank und USA. - Haiti ist ein klassisches Opfer westlicher »Politikberatung«. Es waren Weltbank und die US-amerikanische Entwicklungshilfeagentur USAID, die dem Karibikstaat in den 80er Jahren eine streng neoliberale Handels- und Wirtschaftspolitik aufgezwungen haben. Sie nutzten dazu die Umbruchsituation nach dem Sturz der Diktatorenfamilie Duvalier 1986. Noch im selben Jahr trat ein neues Handelsrecht in Kraft, das die Importsteuern auf Nahrungsmittel und andere Güter des täglichen Bedarfs drastisch senkte. Die Nahrungsmittelimporte sollten ansteigen, das Angebot vergrößert werden. Durch die Importflut von Grundnahrungsmitteln aus den USA sind diese auf lange Sicht nicht preiswerter geworden. Die Marktbereinigung zuungunsten der lokalen Produzenten und zugunsten der Importeure hatte letztlich den massiven Preisanstieg der importierten Waren zur Folge. Schon ab Ende der 80er Jahre setzte die – kurzfristig nach der Zollsenkung in eine Deflation umgeschlagene – Inflation wieder ein und stieg bis auf fast 40 Prozent in 2004. Seither ist zwar die allgemeine Inflationsrate auf 14,4 Prozent (2007) zurückgegangen, die Preise für Grundnahrungsmittel wie Reis explodierten jedoch geradezu.

Quelle: Junge Welt www.nachdenkseiten.de/?p=3162


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