Von Joachim Käppner

Berthold Beitz rettete im Krieg als kaufmännischer Leiter einer Erdölfirma viele Juden und sprach später nicht darüber. Wir zeigen Auszüge aus Briefen an ihn.

"Warum hätte ich über die Zeit in Polen reden sollen? Um mich selber zu belobigen?" Jahrzehntelang hat Berthold Beitz, einst als Lenker des Krupp-Konzerns einer der mächtigsten deutschen Industriellen, über eine dramatische Lebenserfahrung geschwiegen.

Erst nach drei Jahrzehnten erfuhr die Öffentlichkeit, dass Beitz als junger Industrieangestellter von 1942 bis 1944 im polnischen Boryslaw Hunderte Juden gerettet hat. Mindestens 1500 Opfer der Rassenverfolgung holte Beitz 1942 bis 1944 aus Deportationszügen, stellte ihnen die nötigen Papiere aus oder half anderswie; viele überlebten. 1973 zeichnete ihn die israelische Holocaust-Gedenkstätte Jad Vaschem als "Gerechten unter den Völkern" aus.

Beitz hat der SZ-Redaktion eine Reihe von persönlichen Briefen überlassen, in denen Überlebende über Verfolgung und Rettung berichten, die hier in Auszügen wiedergegeben werden.

"Leon Morski,

Szczecin (Stettin), 23. Januar 1947

Lieber Herr Beitz!

Ich sehe Ihr liebes Gesicht, voll staunender Erwartung, hoffe auch Freude, über die Zeilen, die Sie lesen. Bin gesund, lebe, das ist wichtig, sonst alles andere Nebensache. Soll ich Ihnen über meine Erlebnisse schreiben? Es hat keinen Zweck, das ist, wie man zu sagen pflegt, vorbei. Meine Haare sind grau, aber mein Gesicht hat sich nicht geändert. Nach vielen herumreisen bin ich in Szczecin gelandet, wo ich als Direktor der städtischen Brotfabrik tätig bin(...)

Habe mehrmals mit meinen Landsleuten über Sie gesprochen, aber niemand, im Sinne des Wortes Niemand, hat Grund gehabt, (sich) über ihr persönliches Vorgehen zu beklagen. Es ist eben eine Lebenskunst, immer nur Gutes zu schaffen, eines anderen Unglück zu verstehen, (...) speziell in einer Zeit, wo wir Menschen uns eher als Wölfe gegenüber treten."


"Jan Jaworski

Waldenburg, den 18.1.1947

Mit warmen und herzlichen Worten erinnern wir uns und erzählen was hatten Sie und Dir Radeke für sämtliche Beschäftigte ohne Ausnahme für uns getan. Wir haben in unseren Gedanken, wie haben Sie Brot umsonst für polnisches Waisenhaus gegeben. Keinen Beschäftigten, durch seine Schuld oder Verbrechen, in die Hände der Herren von Gestapo ausgeliefert. Oder diese unglücklichen Bluttage, wo Sie aus Henkershänden unschuldige Frauen gerissen haben. (...) Was hatten Sie gesehen auf dem Metzelplatz hinter dem Schlachthaus. Oder was hatten Sie zusammen mit Dir. Radeke gesagt, wer will das zahlen? Deutsches Volk will das zahlen."

Zwei Briefe, in stockendem, aber doch gut verständlichem Deutsch geschrieben. Zwei Briefe über die Vergangenheit. Eine Vergangenheit, über die Berthold Beitz, später Generalbevollmächtigter des Essener Krupp-Konzerns und einer der wichtigsten Wirtschaftslenker der Bonner Republik, jahrzehntelang nicht sprechen wird, nicht einmal mit Alfried Krupp von Bohlen und Halbach, seinem Vertrauten, dem Firmenerben, den die Amerikaner 1951 begnadigt hatten.

Beitz schwieg.

Viele Deutsche haben das auch getan, freilich aus einem ganz anderen Grund. Sie haben sich, vielleicht, geschämt. Sie haben, das ist gewiss, vergessen und verdrängt. Sie haben so getan, als habe es das alles nicht gegeben, Angriffskrieg, Massenmorde und Holocaust, oder als sei es die Schuld einiger weniger gewesen, gewiss aber nicht die eigene.

Berthold Beitz hat Hunderten Menschen das Leben gerettet. Und er schwieg. Tue Gutes und rede darüber: Das war seine Sache nicht. Seine Rettungsmission wurde erst 1973 überhaupt bekannt, als ihn die Holocaust-Gedenkstätte Jad Vaschem in Jerusalem mit ihrer höchsten Auszeichnung zum "Gerechten unter den Völkern" erklärte - als einen von heute nur 443 Deutschen. Im Jahr 2000 erhielten Berthold und Else Beitz den Leo-Baeck-Preis des Zentralrats der Juden in Deutschland.

Nur sehr selten berichtete Beitz Historikern und Buchautoren über das Geschehen in Boryslaw (Bernd Schmalhausen: Berthold Beitz im Dritten Reich, Essen 1991; passagenweise auch in Thomas Sandkühler: Endlösung in Galizien, Bonn 1996; sowie in Stefan Aust, Gerhard Spörl: Die Gegenwart der Vergangenheit. Hamburg 2005). Ein ausführliches Zeitungsinterview über seine damaligen Erlebnisse und Gefühle hat er nun erstmals der SZ gegeben; die Briefe der Überlebenden, die ihm ihre Rettung verdanken, stammen aus einer Privatedition für seine Familie und sind bisher meist unveröffentlicht.

Berthold Beitz hat 1941 bis 1944 im besetzten Polen viele Juden gerettet. Beitz war dabei, als junger kaufmännischer Leiter der Karpathen-Öl AG in der Stadt Boryslaw, sehr allein; geholfen hat ihm, seitens der Deutschen, eigentlich nur seine Frau Else. Und er hat die vielen gesehen, die am Massenmord beteiligt waren: die Mörder von der SS, die Schreibtischtäter der deutschen Zivilverwaltung, die polnischen und ukrainischen Kollaborateure.

Die Gestapo verhörte ihn, er entkam durch Glück und Zufall. Seine Einsamkeit in Boryslaw war der Spiegel, in dem Schuld und Mitschuld so vieler anderer nur um so deutlicher zu erkennen sind; ein Beispiel von vielen, das erklärt, dass der Holocaust nicht allein das Werk der SS war.


"Ing. Engelberg Henryk

Krakau, den 25. Jänner 1947

Sehr geehrter Herr Beitz!

Sie werden es vielleicht gar nicht glauben, wie oft und mit welcher Dankbarkeit ich und meine Tochter Ihren Namen genannt haben, seitdem wir wieder als freie Menschen leben können. Wir haben und werden es nie vergessen, dass Sie aus eigener Initiative meine Tochter aus dem plombierten Wagon - dessen Ziel uns damals schon bekannt war - herausgeholt haben, aus demselben Zug, der meine Frau und meinen damals 15-jährigen Sohn in den schrecklichen Tod führte.

Ich wusste es immer zu schätzen, dass Sie in dieser für uns so fürchterlichen Zeit der allgemeinen Verachtung uns, trotzdem wir Juden, also schon durch unsere Geburt ,Verbrecher‘ waren, als Menschen behandelt haben. (...) Unsere ewig betrunkenen SS-Lagerführer, was für eine Menschengattung! Wie gut konnte ich es verstehen, dass Sie sich als Deutscher und Nazigegner geschämt haben."

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