Die bebende Erde beschleunigt die Schließung der Gruben - das Ende der Epoche war abzusehen, doch die Zeit nach der Kohle hat längst begonnen.
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Es muss kein Zeichen der Hoffnung sein, dass aus einem der Sträucher, die auf dem großen Platz zwischen den Parkreihen stehen, schon gelb die Knospen quellen. Noch ist es für den Frühling zu früh, Februar-Tristesse liegt über der modernen Anlage Nordschacht im entlaubten Wald bei Fal-scheid, einem Stadtteil von Lebach. Singvögel zwitschern, dunkel fährt ein Rabe dazwischen, und sanft bewegt der Wind die Zweige sowie die bunten Stofffetzen, die an einem der etwa 40 abgestellten Autos von der Antenne baumeln. Sehr viele Plätze sind auf dem Parkplatz noch frei, und das wird vielleicht so bleiben. Vorne, wo das Neonlicht brennt, scheint die Betriebskantine zu sein. Sie ist leer, nur am Eingang hat sich ein halbes Dutzend Männer um einen Stehtisch gruppiert, auf dem drei halbe Dutzend leere Bierflaschen stehen. Keiner mag reden, "der Betriebsrat ist da vorne rechts". Vor dem Betriebsratsbüro hängt ein Zettel im Schaukasten: "Verkaufe Winterreifen." Und ein zweiter: "Ab Montag, dem 25.Februar sind alle Belegschaftsmitglieder bis auf weiteres von der Arbeit freigestellt."
Es ist still in dem großen Haus, keiner sagt hier heute "Glück auf". Drunten im Schacht ist eine Notbesatzung dabei, die Betriebssysteme in Gang zu halten, 200 Mann im ganzen, verteilt auf vier Schichten. Und droben auf dem hellgrauen Turm, der mit seinem abgestuften Aufbau wie eine abgebrochene Himmelsleiter den Betrieb und den Wald überragt, stehen die mit Stahlseilen bespannten Förderräder still. Die Anlage Nordschacht des Bergwerkes Saar der RAG Deutsche Steinkohle ist ein Ort der erzwungenen Untätigkeit, der Abwesenheit und der Trauer. Kein Mensch ist hier gestorben, aber eine Epoche.
Steine auf der Kirchentreppe
Der Betriebsrat mag sich nicht dazu äußern, doch wären seine Mitglieder sicher betrübt, wenn man hier von Begräbnisstimmung spräche. "Die Hoffnung stirbt zuletzt", hatte doch am Dienstag in der prall gefüllten Messehalle in Saarbrücken der Betriebsratsvorsitzende Hans-Jürgen Becker gerufen, ein Mann, der seinen Schnurrbart ebenso gezwirbelt trägt wie die saarländischen Bergleute vor hundert Jahren. Becker gab der versteckten Wut der 3400 Männer, die seit Montagmorgen nicht mehr einfahren dürfen, Worte. Mit einem Aufstand drohte er, mit Demonstrationen, und er rief: "Wir lassen uns nicht wie Vieh zur Schlachtbank führen." Doch von den versammelten Kollegen rührte kaum einer die Hand zum Applaus. Sie wissen, dass der RAG-Vorstandschef Bernd Tönjes vermutlich recht hat, wenn er sagt: "Der Wind weht den Bergleuten von vorne ins Gesicht. Wir stehen ziemlich alleine da."
Tatsächlich gibt es ein paar Fakten, die dem verständlichen Wunsch nach Erhalt der Arbeitsplätze entgegenstehen. Erstens war das Beben der Stärke 4,0 auf der Richterskala, das am vorigen Samstag um 16.30 Uhr die Primsmulde erschütterte, keine Fata Morgana. Schornsteine fielen um, Wände rissen auf, etwa 2000 Schadensmeldungen gingen ein. Die Treppe der St. Blasius-Kirche in Saarwellingen war mit gestürzten Steinen übersät, und außer einer Schule musste inzwischen auch das Rathaus in Nalbach evakuiert werden, dort wird jetzt aus Containerbüros regiert. Tausende Menschen erlitten einen Schock, und sie hatten zuvor schon in Serie kleinere Erschütterungen erduldet, 34 allein seit 1.Januar. Sie wären sicher ebenfalls zum Aufstand bereit, sollten das Bergamt und Ministerpräsident Peter Müller die Stilllegungsverfügung wieder aufheben.
Zweitens gibt es ja den historischen Kohlekompromiss, der vor einem Jahr geschlossen wurde. Demnach soll der deutsche Bergbau spätestens bis 2018 "sozialverträglich beendet werden" - am besten schon vorher, wenn es nach den CDU-Landesregierungen in Saarbrücken und Düsseldorf geht. Nur staatliche Milliarden-Subventionen erhalten den seit langem unwirtschaftlichen Betrieb aufrecht. Systematisch wurden deshalb schon seit Jahren die Förderung und die Zahl der Beschäftigten verringert.
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Wirtschaft ist witzig