SZ: Und sie ist dann wirklich zurückgegangen?
Beitz: Ja, sie ist zurückgegangen in den Waggon und zu ihrer Mutter und in den Tod. Das werde ich nie vergessen. Und diese Geschichte habe ich Ignatz Bubis erzählt, bei der Verleihung der Josef-Neuberger-Medaille in Düsseldorf, als er die Laudatio hielt. Und als ich ihm das erzählte, begann er zu weinen. Ich habe ihn gefragt, warum, und er sagte mir, dass er daneben gestanden habe, als sein Vater verhaftet wurde, und er blieb zurück. Und das hat ihn sein ganzes Leben lang belastet.
SZ: Sie konnten nur jenen helfen, die Sie glaubhaft als Arbeiter ausgaben oder die es wirklich waren.
Beitz: Manchmal kamen abends Juden auch zu uns nach Hause; sie saßen mit ihren Kindern vorne auf der Treppe und baten um Hilfe. Meine Frau hat die Kinder im Haus versteckt. Mit Kindern war es schwer, denn ich konnte die Leute ja nur rausholen, indem ich sie als unabkömmliche Arbeitskräfte ausgegeben habe; sie bekamen einen Ausweis mit meiner Unterschrift. Das ging mit Kindern leider nicht. Aber einige haben wir im Haus verborgen. Wir konnten diese Hilfe nicht verweigern. Es war irgendwie selbstverständlich. Meine Frau hat das alles mitgemacht.
SZ: Es war auch gefährlich.
Beitz: Ich bin mehrfach angezeigt worden und kam einmal ins Gefängnis nach Breslau. Der Mann, der mich dort bei der Gestapo verhörte, begrüßte mich mit den Worten: "Berthold, was machst du denn hier? Bist du verrückt?" Es war tatsächlich ein früherer Freund von mir aus Greifswald. Er hatte Theologie studiert, war aber durchgefallen und zur SA gegangen und von dort zur Gestapo. Er hat in Breslau gehört, ein gewisser Beitz sei angezeigt worden, und gleich gesagt: "Den übernehme ich." Er ließ mich dann gehen. Nur deshalb lebe ich wahrscheinlich noch. Die hätten mich ins Konzentrationslager verschleppt. Das war Glück. Reines Glück.
SZ: Haben Sie gewusst, wer Sie angezeigt hat?
Beitz: Ja, das wusste ich. Er hat mir die Namen gezeigt.
SZ: Der Gestapomann?
Beitz: Ja. Der Mann aus Greifswald ließ mich die Anzeige sehen, wo sie alle unterschrieben hatten. Sogenannte Volksdeutsche aus Boryslaw und Deutsche, die wie ich dort hingekommen waren. Auf kariertem Papier hatten sich mich angezeigt: "Der Feldwebel der Reserve Beitz begünstigt Juden." Ich war Feldwebel, weil ich vor dem Krieg einige Wehrübungen gemacht hatte. In Galizien unterstand ich dem OKH, dem Oberkommando des Heeres. Den Polenfeldzug 1939 hatte ich nicht mitgemacht. Ich kam ja von der Shell, und das OKH hatte Personal für die Erdölwirtschaft in Polen gesucht und mich dorthin geschickt. Ich berief mich immer auf das OKH, das machte Eindruck. Sonst wären die Rettungsaktionen in Boryslaw gar nicht möglich gewesen.
SZ: Sie lebten in einer aus den Fugen geratenen Welt ohne Moral.
Beitz: Alle Beteiligten verhielten sich, als sei es ganz normal, am hellichten Tag in einer kleinen Stadt eine Jüdin zu erschießen, während ihr Kind neben ihr stand. Wenn Sie das sehen, wie ein Polizist aus Wien, der immer in diesem freundlichen Akzent sprach, am Bahnhof eine Frau erschießt, die den Arm gebrochen hatte und deshalb nicht mehr arbeiten konnte, sind Sie fassungslos. Unter den Tätern waren nicht nur Deutsche, sondern auch Österreicher, Ukrainer und andere.
SZ: Sie reden selten darüber. Warum?
Beitz: Warum hätte ich über die Zeit in Polen reden sollen? Warum? Um mich selber zu belobigen? Ich habe das nicht getan, weil es mir vielleicht irgendwann einmal nützen könnte. Und ich habe nach dem Krieg nie darüber geredet, bis 1973, als ich die Auszeichnung als "Gerechter der Völker" von Jad Vaschem, der Holocaust-Gedenkstätte in Jerusalem, erhielt. Damals schickte mir Spiegel-Herausgeber Rudolf Augstein ein Telegramm: "Berthold, Du hast nie darüber geredet, das rechne ich Dir hoch an." Aber ich habe schon bald nach dem Krieg Briefe von Überlebenden bekommen, die mir viel bedeuten. Diese Briefe erzählen die Geschichte viel besser, als ich es kann. Aus ihnen spricht die Erfahrung der Angst, die Not. Es waren ja nicht meine Ängste und Nöte, ich war ja, trotz allem, ein Außenstehender.
SZ: Viele Menschen haben auch aus Furcht Verfolgten nicht geholfen. Hatten Sie Angst?
Beitz: Nein. Ich habe keine Angst gehabt; merkwürdig vielleicht, aber so war es. Wenn ich Angst gehabt hätte, wäre mir das gar nicht gelungen.
SZ: Angst wäre sehr nachvollziehbar gewesen.
Beitz: Ich durfte keine Angst haben. Das feste Auftreten hat mir im Umgang mit der SS sehr geholfen: Die waren überzeugt, ich hätte beste Verbindungen nach Berlin, zum OKH, vielleicht gar zu Himmler, wenn ich durch den Ort gelaufen bin und Forderungen gestellt habe, wirkliche und angebliche Mitarbeiter meiner Ölfirma nicht zu deportieren. Anders konnten die sich mein Auftreten gar nicht erklären, erst recht nicht, als ich dann aus Breslau von der Gestapo zurückkam. Ich habe keinen Zweifel daran gelassen, dass ich an höherer Stelle intervenieren würde, wenn sie nicht nachgeben, das hat oft funktioniert - aber nur, weil sie meinen Einfluss überschätzt haben. Ich kenne die Deutschen. Wenn man fest, klar und bestimmt auftritt, dann respektieren sie das. Wenn man weich ist oder verzweifelt, bringen sie einen um.
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