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"Ich musste es einfach tun"
Interview mit Berthold Beitz
01.02.2008, 12:32
In den Parkanlagen nahe der zyklopischen Villa Hügel liegt, leicht versteckt, ein würdevoller Altbau: der Sitz der Alfried Krupp von Bohlen und Halbach-Stiftung. Berthold Beitz arbeitet hier, umgeben von Büchern, Gemälden, Fotografien und Auszeichnungen, darunter die Urkunde "Gerechter unter den Völkern".
Er hat durchaus Freude daran, dem Besucher diese Dinge zu zeigen. Beitz lässt Kaffee servieren, er ist ein höflicher, aufmerksamer Gastgeber, man merkt ihm die 94 Jahre nicht an. Und er hat eine starke, selbstgewisse Ausstrahlung, die ahnen lässt, warum er sich vor 67 Jahren frei genug fühlte, der SS entgegenzutreten.
SZ: Herr Beitz, es waren nicht viele Deutsche, die während des Krieges verfolgten Juden geholfen haben. Sie haben es in Polen 1941 bis 1944 getan, aber selten darüber gesprochen. Was hat den Ausschlag gegeben, dass Sie vor 67 Jahren als junger Manager einer Ölfirma im polnischen Boryslaw viele Juden als wirkliche oder angebliche Mitarbeiter aus den Deportationszügen geholt haben?
Berthold Beitz: Ich habe aber gar nicht viel nachgedacht, als ich versuchte, so viele Juden wie möglich für meinen Betrieb zu reklamieren und so zu retten. Nein, ich habe darüber eigentlich gar nicht nachgedacht. Ich habe spontan gehandelt, aus dem Gefühl heraus. Ich musste es einfach tun.
SZ: Das müssen Sie erklären.
Beitz: Man muss im richtigen Moment einfach handeln. Wenn ich viel nachgedacht hätte, hätte ich es vielleicht gar nicht gewagt. Ich bin vom Typ her immer ein Einzelgänger gewesen. Es kam darauf an, den Mut zu haben und zu entscheiden. Perikles, der vor 2500 Jahren Athen führte, hat gesagt: Das Geheimnis des Glücks ist die Freiheit, und das Geheimnis der Freiheit ist der Mut.
SZ: Sie haben die Gräuel in Polen fast vom ersten Tag Ihrer Ankunft miterlebt.
Beitz: Ja, sehr bald. Galizien hatte ja zum Ostteil Polens gehört, den Stalin nach seiner Übereinkunft mit Hitler 1939 besetzt hatte. Der Geheimdienst NKWD unterhielt dort Gefängnisse und tötete, als die Deutschen dann 1941 die Sowjetunion angriffen, sehr viele seiner Gefangenen. In dem NKWD-Gefängnis in Boryslaw also lagen lauter Tote, meistens Ukrainer. Die Juden mussten die Leichen waschen, und schon dabei haben Ukrainer viele Juden erschlagen, als ob diese etwas für die Morde des sowjetischen Geheimdienstes gekonnt hätten.
SZ: Es sind viele Deutsche ins Generalgouvernement gekommen, aber nur wenige haben sich verhalten wie Sie...
Beitz: Damals wusste ich von keinem. Aber stellen Sie sich vor: Es gab einen Landwirt Helmrich, der die umliegenden Güter bewirtschaftete und auch meinen Betrieb versorgte. Mit ihm saß ich oft zusammen. Wir redeten über dies und das - aber keiner von uns vertraute sich dem anderen an. Erst nach dem Krieg erfuhr ich, dass auch Helmrich mit seiner in Berlin lebenden Ehefrau Rettungsaktionen für Juden durchgeführt hatte. Misstrauen, Angst vor Denunziation verschlossen uns den Mund. Oft fühlte ich mich allein. Helmrich auch, wie mir seine Tochter später erzählt hat.
SZ: Sie kamen nicht aus einem dezidiert antifaschistischen Elternhaus, Sie waren ein Deutscher in einem besetzten Land, so wie viele andere auch.
Beitz: Es war einfach das, was ich dort sehen musste. Das können Sie sich heute gar nicht mehr vorstellen. Ich stand im November 1942 auf dem Bahnhof in Boryslaw, da waren diese Waggons voller Menschen, die Fenster vergittert mit Draht, und es rief jemand immerzu "Herr Direktor! Herr Direktor!" Ich bestand darauf, dass der Waggon geöffnet wurde, und sah eine meiner Mitarbeiterinnen vor mir, eine junge Jüdin aus Berlin. Sie war Ende der dreißiger Jahre nach Polen abgeschoben worden und saß nun in diesem Transport. Ich hatte sie schon aus dem Zug herausgeholt, da sagte sie zu mir: "Meine Mutter ist noch da drin." Ich habe sie auch geholt, aber da kam ein SS-Mann und sagte: "Was machen Sie hier?" Ich habe gesagt: "Ich hole meine Leute aus dem Zug." Aber in diesem Fall konnte ich nichts machen.
SZ: Warum nicht?
Beitz: Der SS-Mann sagte, die Mutter sei viel zu alt zur Arbeit, sie müsse zurück in den Waggon. Ich konnte sie nicht als Arbeiterin meiner Ölfirma ausgeben. Und er hat sie zurückgeschickt. Da sah das Mädchen mich an, ganz ruhig, Anfang 20, ohne Bewegung beinahe, große dunkle braune Augen, und fragte: "Ist es erlaubt, Herr Direktor, dann gehe ich auch zurück." Es war erschütternd.
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