Von Marc Widmann

In Niederaußem lässt der RWE-Konzern gegen den Widerstand von Umweltschützern alte Braunkohlemeiler weiterlaufen - entgegen früherer Zusagen zur Stilllegung.

RWE-Braunkohle-KraftwerkGrossbild

Dampfwolken quellen aus den Kühltürmen und Schornsteinen des RWE-Braunkohle-Kraftwerks Niederaußem. (Foto: dpa)

Von außen gleicht das größte Braunkohlekraftwerk der Republik einer Festung. Fleckige Mauern umschließen die alten Blöcke. Der neueste Turm des Braunkohlemeilers in Niederaußem ist in eine silberne Aluhülle gekleidet, so hoch und glatt, als könne jegliche Kritik dann besser abperlen. Doch längst sind die Anfeindungen im Innersten angekommen, vorgedrungen bis zum Arbeitstisch von Joachim Haase.

"Man hört immer nur, dass die Braunkohle schlecht ist", schimpft Haase, er kann das nicht verstehen. Im blauen Polohemd sitzt der Blockführer im Neonlicht der Leitwarte der Blöcke G und H, Baujahr 1974. Unter seinen Arbeitsschuhen vibriert der Boden vom Lärm der Kühlwasserpumpe. Kaum einer dürfte die acht Blöcke aus den sechziger und siebziger Jahren so gut kennen wie er. Und wahrscheinlich leidet niemand so sehr unter den Vorwürfen, die in den vergangenen Monaten immer lauter wurden rund um Niederaußem. Erbittert streiten Werksbetreiber RWE und andere Stromkonzerne mit Umweltschützern darüber, dass sie viele neue Kohlekraftwerke bauen wollen - und die alten Blöcke weiterlaufen lassen, anstatt sie abzuschalten. Denn das hatten die Konzerne mehrfach versprochen.

Ein Symbolbild des Klimawandels

Die Braunkohle ist der wichtigste deutsche Rohstoff, man könnte auch sagen: das deutsche Erdöl. Gewaltige 77 Milliarden Tonnen lagern in der Erde der Lausitz oder im Rheinischen Revier zwischen Köln und Aachen, an dessen Rand auch Niederaußem liegt. Abgebaut wurde bislang nur ein Bruchteil. Die Vorräte reichen rechnerisch noch Hunderte Jahre. Doch die Braunkohle hat ein Problem: Verheizt man eine Tonne, entsteht etwa eine Tonne CO2 - mehr als bei jedem anderen fossilen Energieträger.

Deshalb sind die dampfenden Kühltürme von Niederaußem seit Monaten in den Medien zu sehen, als Symbolbild des Klimawandels. Die Umweltschützer des WWF attackierten die Anlage in einer Studie über die 30 schmutzigsten Kraftwerke: In Niederaußem steht demnach Deutschlands klimaschädlichste Stromfabrik. Gewaltige 27,4 Millionen Tonnen CO2 hat sie vergangenes Jahr in die Atmosphäre gepustet.

Ärger über die "alten Möhren"

Den ganzen Tag über löst Blockführer Haase Probleme, mal beschäftigen ihn defekte Kohlemühlen, mal gerissene Wagenseile. Nur gegen das Imageproblem ist er machtlos. "Viele Leute fahren Oldtimer", sagt er, "da hängt das Herz dran." Und seine Blöcke sind eben auch Oldtimer. "Genauso, wie man nicht jeden Tag ein neues Auto fährt, kann man hier nicht auf einmal alles abreißen und neu aufbauen", sagt er.

Dirk Jansen kann dagegen stundenlang wettern über die "alten Möhren", wie er die Kraftwerke von RWE Power nennt. Der Geschäftsführer des Bundes für Umwelt- und Naturschutz (BUND) in Nordrhein-Westfalen ist ein energischer Mann, aus dem Fakten sprudeln. Er schimpft über den schlechten Wirkungsgrad der Stromfabriken: "60 Prozent des Heizwerts der Braunkohle nutzen wir, um unser Klima aufzuheizen."

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Am allermeisten regt den Umweltschützer der "groß angelegte Kraftwerksschwindel" auf: Die "gebrochenen Versprechen" von RWE, alte Anlagen stillzulegen. Ein stolzer Bundeskanzler Gerhard Schröder stand im Jahr 2003 in Niederaußem, eröffnete den silbernen Block, "Deutschlands modernstes Braunkohlekraftwerk". 1000 Megawatt liefert er ins Netz. Abgeschaltet hat RWE allein einen 150 Megawatt-Block aus den fünfziger Jahren im benachbarten Frimmersdorf. Mitarbeiter erzählen, er sei so marode gewesen, dass sich die Reparatur nicht mehr gelohnt habe.

Das ist an sich kein Problem für RWE. Angriffe von Umweltschützern ist der Konzern gewöhnt. Gäbe es da nicht diese Dokumente, die sie dem Konzern jetzt unter die Nase halten. Etwa die Erklärung von RWE Power an den Regionalrat in Köln aus dem Januar 2004. Für den silbernen Turm in Niederaußem werde man "im Zeitraum bis 2007" sechs alte Blöcke aus dem Betrieb nehmen, schrieb RWE.

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