Zwei Einäugige unter Blinden tun sich zusammen, um einen Riesen zu jagen: Microsoft plus Yahoo gegen Google. Es ist eine Geschichte von Niedergang und Hoffnung. Es ist ein Märchen wie aus dem digitalen Entenhausen des Bill Gates.
Microsoft-Gründer Bill Gates: Die Herausforderer niederexplorert. Foto: ddp
Microsoft, der Vergleich muss jetzt sein, entwickelte sich zu einer Art Disney-Konzern der IT-Branche. Ebenso familienfreundlich wie omnipräsent und ebenso märchenhaft suggeriert uns der Konzern aus Redmond seit langem, dass nur er immer und überall da zu sein hat, wo wir einen Computer starten und benutzen. Microsoft schaffte das digitale Entenhausen.
Und wenn wir unser Rechnerlein dann also auch einmal ausmachen, dann klingelt uns der Windows-Bye-bye-Sound in den Ohren schöner, ach: tausendmal schöner als jeder Apple-Start-Tusch es vermöchte.
Computer und Microsoft, das war für die meisten Normalnutzer seit den neunziger Jahren auf allen seinen Wegen immer ein und dasselbe: Ob Betriebssystem, ob Office-Anwendung, ob Internetbrowser. Was man anfasste, bewegte, ansurfte, immer prangte irgendwie der Microsoft-Stempel auf der Rückseite. So heiter und kinderzimmerbunt, dass man nichts Böses dabei argwöhnen konnte. Und weil Software und Hardware so unbedingt eins sein mussten für den Konzern, deswegen wurde das Betriebssystem gleich mit fast jedem neuen PC mitgeliefert.
Und wenn die Geschichte vom tapferen Schneiderlein noch nicht erzählt wäre, dann hieße sie heute: Die Biographie von Bill Gates, dem frühvollendeten, frühvergreisten Gutmenschen und CEO und reichsten Mann der Welt (bitte in der Reihenfolge!). Bill Gates war Dagobert Duck in seinem Reich, in welchem wir die Untertanen sein dürfen.
Dagobill Gates also stellte sich jahrelang vor seinen Spiegel und fragte: "Spieglein, Spieglein an der Wand! Wer ist der erfolgreich-gewiefteste im ganzen Land?" Und der Spiegel antwortete immer: "Niemand kann das so schön wie Ihr." Einmal aber, da warnte der Spiegel vor Netscape, dem Browserherausforderer von Marc Andreessen, der es im jugendlichen Leichtsinn gewagt hatte, an anderer Stelle als Dagobill erfolgreich zu sein, im jungen Internet.
Aber da schickte Gates seine Mannen los, und sie explorerten den Herausforderer nieder - was übrigens mittelbar zu Prozessen mit dem US-Justizministerium führte, weil Microsoft vielleicht nicht ganz sauber Betriebssystem und Browser auf neuen Rechnern voneinander trennte. Bill bügelte das nieder - und schon war wieder niemand mehr im Spiegel erfolgreicher als er.
Dann kamen die Computerspiele und die Konsolen: Dagobill eierte ein wenig, nahm die Herausforderung an und setzte gegen Sonys Playstation eine Xbox mit Spielen, auch aus dem eigenem Studio - es sollte ja auch hier wieder alles in einer Hand bleiben, in Bills Hand selbstredend.
Dann aber kam das Internet mit Macht, dann kam Google - und plötzlich wurde Geld verdient an Stellen, die Dagobill nie für möglich gehalten hatte - der Spiegel übrigens auch nicht. Und seitdem vermeldet der Spiegel jeden Tag: "Hinter den Bergen, bei den vielen O-Zwergen, da leben welche die sind tausendmal erfolgreicher als du in deinen besseren Zeiten.“
Und das ärgerte den Dagobill gar mächtig, und dann ging er in Rente.
Zuvor aber schickte er sein Schneewittchen gegen die O-Zwerge, und das war Steve Ballmer. Steve, der Mann, der sich die Haare nicht ausraufte, weil der Microsoft-Konzern das letzte Geschäftsjahr erstmals seit dem Börsengang 1986 mit einem Umsatzminus beendete, versuchte und tat und baggerte rum, um - wenn schon nicht aus eigener Kraft, so doch mit Hilfe eines Google-Kontrahenten - verlorenes Terrain im Online-Business wettzumachen.
Ein erster Versuch, seine Online-Enzyklopädie Encarta zum Honigtopf für alle Suchenden im Netz zu machen, nun ja, scheiterte. Dann setzte Schnee-Ballmer auf die eigene Suchmaschine Live.com, dann auf die Kombination aus Online-Encarta und Live.com. Aber wie im Märchen vom Hasen und dem Igel, war der Googleigel immer schon da, da konnte Ballmer sich aufführen, wie er wollte.
Es ändert nichts: Vista, der Betriebssystem-Nachfolger von Windows, geht nicht so raketenmäßig ab wie seine Vorversionen, Sony hat mit der PS3 eine, nun ja, ziemlich sehr gute Spielekonsole gegen die Xbox gerammt und Google googelt immer weiter, weil die ungerechte böse Welt eben googelt und nicht microsoftelt.
Seit all diesen unerfreulichen Botschaften, die aus Virtualien ins einstmals heile-bunte Entenhausen der Closed-MS-Computer dringen, baggert der grame Ballmer an Yahoo rum: Die haben auch eine Suchmaschine und eine Community mit Namen Flickr.
Und wäre es also nicht schön, wenn man die große greise MS-Office-Welt mit so was internettig Flottem wie Yahoo ... Yahoo wollte nicht. Wollte sich nicht kaufen lassen, auch nicht für 47,5 Milliarden Dollar. So kratzte Schneesteve bislang vergeblich an dem Yahoo-Türchen. Bislang.
Denn seit heute sind Schneesteve und Yahoo sich einig. Nein, kaufen ließ man sich yahooseits immer noch nicht, vielleicht wollte auch MS gar nicht mehr kaufen.
Denn Yahoo ist im Netz mindestens so einäugig unterwegs wie Microsoft. Auch der nun kooperationsmäßig von Microsoft angeflanschte Internetportal- und Suchmaschinenbetreiber gilt als angeschlagen. Darum wollte sich Yahoo ja auch schon Google darbieten, das aber ist wettbewerbsrechtlich gescheitert.
Darum willigt der kränkelnde Riesenzwerg Yahoo nun ein, mit Microsoft zu kooperieren, wenn auch mit eigenwilligem Geschäftsmodell. Microsoft nun, der andere Einäugige, hat sich mit Yahoo zusammengetan, weil es Bing, das direkte und gar nicht mal schlechtere Konkurrenzprodukt zur Google-Suche, nun prominenter im Markt platziert sieht - wenn auch eben nur mit einem Auge. Denn eigentlich ist der Microsoft-Yahoo-Deal ein Optionsschein für die Internet-Suche-Zukunft. Und darauf, dass mit Suche auch noch in aberhundert Jahren so viel Geld verdient wird wie heute.
Noch bietet der Verbund der Einäugigen dem Platzhirsch nicht wirklich die Stirn: Sechs von zehn Suchanfragen laufen weltweit über Google, und den Rest müssen sich alle Verfolger auch noch teilen. Bing aber hat Potential möchte Schneesteve wohl denken, der sich noch lange nicht im Glassarg wähnt. Obwohl sich MS wohl gerade an purer Hoffnung wärmen will, ist eines klar: Das alte Entenhausen des Dagobill ist wohl doch etwas abgebrannt und wartet sehnsüchtig auf Sanierung des alten Glanzes - vielleicht durch die Scheiben von Windows 7.
Die Schrumpfung des alten Digihausen vor unser aller Augen, das könnte auch eine gute Nachricht sein. Ob wir aber jetzt, vielleicht nur in einer Zwischenzeit, mit den Don’t-be-Evils aus dem Google-County glücklich werden, darf bezweifelt werden.
(sueddeutsche.de/tob)





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