Von Norbert Sturm

Schnäppchenjäger sollten auf der Hut sein: Seit der Liberalisierung des Wettbewerbsrechts ist der Sommerschlussverkauf zu einer inofziziellen Veranstalung geworden. Kunden laufen Gefahr, für relativ viel Geld minderwertige Ware einzukaufen.

Hohe Preisnachlässe sollen locken: doch Kunden sin dieses Jahr bewusster in den SSV gestartet, der zum erstenmal inoffiziell vom Handel organisiert war. Foto: ddp

Endlich einmal wieder eine gute Nachricht: Verbraucher glauben nicht mehr alles, was ihnen die Werbung suggeriert. Sie sind kritischer geworden und geben ihr Geld überlegter aus als noch vor wenigen Jahren. Das jedenfalls sind die Erfahrungen aus dem soeben beendeten ersten inoffiziellen Sommerschlussverkauf nach der Reform des "Gesetzes gegen unlauteren Wettbewerb (UWG)" vor vier Wochen.

Nach dem neuen Wettbewerbsrecht sind Schlussverkäufe das ganze Jahr über erlaubt. Die Aktion musste deshalb diesmal vom Handel auf freiwilliger Basis organisiert werden. Die Bilanz hat enttäuscht. Die Funktionäre sprechen zwar von einem Erfolg, obwohl sie einräumen, Vorjahresergebnisse nicht ganz erreicht zu haben. Doch wurden auch schon früher Minusresultate als Durchbruch gefeiert. Die ungeschönten Urteile werden meist erst Monate später präsentiert.

Die jetzt vom Handel trotz der Verluste demonstrativ zur Schau gestellte Zufriedenheit entspringt einem Zweckoptimismus. Verschiedene Handelshäuser würden das Instrument des Schlussverkaufs zu einem festen Termin gerne weiter nutzen, weil sie dabei die Kunden relativ bequem zur Kasse bitten können.

Das funktioniert aber nur noch bedingt. Qualitätsbewusste Käufer suchen Sommerkleider und Bademoden vor den Ferien und nicht danach. Anbieter feinerer Waren reduzierten ihre Preise deshalb meist auch schon mehrere Wochen vor dem eigentlichen Schlussverkauf. Zum offiziellen Termin wird oft nur noch eigens für diese Aktion bestellte Ware, also minderwertige Artikel, losgeschlagen.

Die Lagerräumung von Verkaufsobjekten, die unmodern zu werden drohen, spielt entgegen früheren Gepflogenheiten heute schon lange keine Rolle mehr. Das Nachsehen haben Verbraucher, die der Werbung trauen und Okkasionen suchen, wenn die meisten schon vergeben sind.


Doch Kunden haben dazugelernt. Sie lassen sich nicht mehr so leicht über den Tisch ziehen. Der Gesetzgeber sah übrigens auch deshalb die Zeit für gekommen an, um die von der Praxis längst überholten Regeln, wie die des Schlussverkaufs, außer Kraft zu setzen. Mit der Reform des Gesetzes gegen unlauteren Wettbewerb am 8. Juli wurden verstaubte Auflagen ersatzlos gestrichen.

Seitdem können Händler nach freien Belieben Aktionen starten, Rabatte gewähren, wann immer sie wollen und jedes Jahr Geschäftsjubiläen begehen und auch sonst jeglichen Anlass nutzen, um Preise herabzusetzen. Werbegemeinschaften, Innenstadtgeschäfte oder Einkaufszentren dürfen auch einen gemeinsamen Termin nach Belieben für Sonderverkäufe festlegen.

Doch damit brechen für Verbraucher nicht automatisch bessere Zeiten an. Das modernisierte Wettbewerbsrecht fordert vom Kunden mehr Eigenverantwortung. Und das kann Kraft kosten. Oder Lehrgeld. Jedenfalls besteht die Gefahr, dass der Handel die Liberalisierung nutzt, um noch ungehemmter als früher Kunden zu übervorteilen.

Bezeichnend ist jedenfalls, dass neuerdings sogar der Hauptverband des Deutschen Einzelhandels (HDE) vor Fehlgriffen warnt. Er hat ganz offiziell vor nur scheinbaren Preisnachlässen beim ersten freiwilligen Sommerschlussverkauf gewarnt. Es komme immer mal wieder vor, heißt es da, dass Geschäfte bei den Rabatten schummeln. Händler gäben zunächst höhere Preise an, als sie zuvor für die Ware tatsächlich verlangt hätten. Auf diese Mondpreise würden dann scheinbar besonders große Rabatte gewährt, sagt der HDE.

Da diese Praxis auch nach der neuen Gesetzgebung verboten ist, fordert der Verband die Kunden auf, Betrugsfälle zu melden. Das kommt einem Armutszeugnis gleich. Letztlich trickst sich der Handel dabei selbst aus. Emanzipierte Verbraucher strafen Übervorteilung mit Kaufboykott ab. Will der Handel den SSV retten, muss er erst einmal Ehrlichkeit lernen.