Die Berichte des ehemaligen Personalmanagers Klaus-Joachim Gebauer enthüllen ein Sittengemälde des Autokonzerns VW, das den kühnsten Phantasien standhält.
Klaus-Joachim Gebauer war Personalmanager des VW-Konzerns Foto: AP
Hilflos steht Klaus-Joachim Gebauer im Kieler Hauptbahnhof vor einem Fahrkartenautomaten: "Wie löst man ein Ticket?", fragt er. Reisen im Dienstwagen oder im Firmenjet – das war viele Jahre seine Welt. Jetzt ist er 2. Klasse mit der Bahn unterwegs, und nicht nur dieser Wechsel des Verkehrsmittels lässt seinen Absturz ahnen. Der 61-Jährige ist nach eigener Wahrnehmung derzeit ziemlich weit unten angelangt. Als er neulich in Hannover an einer Bar von einem Vertreter der nadelgestreiften Welt erkannt wurde, hob der seine Augenbraue und wendete sich einfach ab, als habe Gebauer die Kleiderläuse oder eine ansteckende Krankheit.
Gebauers Welt war viele Jahre zwar innen porös und verlogen, aber nach außen strahlend und vor allem sehr exklusiv und fein. Als Bindeglied zwischen Vorstand und Betriebsrat in Europas größtem Autokonzern VW organisierte der Personalmanager, von drei Sekretärinnen unterstützt, die Treffen des Gesamtbetriebsrats in Europas größtem Autokonzern. Er war eine Art Kammerdiener der Herren Arbeitnehmervertreter. Für die da draußen leisteten sie unermüdlich Arbeit für das Wohl der Belegschaft. Sie trugen das Feldzeichen hoher moralischer Werte vor sich her und wetterten gegen die Auswüchse des globalen Kapitalismus.
Drinnen aber brauste das Leben: Gebauer organisierte Luxusreisen, Luxusfrauen, Luxusabsteigen in fernen Ländern – und alles natürlich auf Firmenkosten. Die Gewerkschafter "wollten immer nur das Beste", sagt er – für sich. Der VW-Gesamtbetriebsrat hatte eine Art heimliches Paradies aller Spesenritter geschaffen: Brüder, zur Wonne, zur Sause. Mehr als ein Jahrzehnt, sagt Gebauer, habe er "die Versorgung mit Prostituierten" organisiert. Das sei "absolut ohne Beanstandung gelaufen".
Gebauers Erzählungen, Berichte von Mitarbeitern des Konzerns und Papiere aus dem Hause VW verschaffen Einblicke in ein seltsames Milieu, das nicht nur Moralaposteln so merkwürdig vorkommt wie das der Kopfjäger im Großraum Melanesien. Wie eine Horde losgelassener Spätpubertierender tobte beispielsweise im Oktober 2000 nächtens eine VW-Betriebsratsrunde durch Hannover und vergnügte sich gemeinsam mit sechs oder sieben Sexarbeiterinnen. Körper an Körper.
"So was verbindet", erklärt Gebauer. "Darüber kann man später reden, und das schweißt zusammen." Kosten für das Ritual der gemeinsamen Männlichkeit: 30000 Mark. Das Bargeld überreichte Gebauer einem Halbweltler standesgemäß im Umschlag in einer Schwulenkneipe, und natürlich stammte das Geld von VW. Selbst Staatsanwälte und Polizisten, die in ihrem Berufsleben schon vieles erlebt haben, wirken ob solcher Erzählungen irritiert.
Sie ermitteln gegen Gebauer und ein halbes Dutzend weitere ehemalige Mitarbeiter des Konzerns wegen heutzutage im Wirtschaftsleben durchaus üblicher Delikte: Schmiergeld, Unterschleif, persönliche Bereicherung. Nichts ist bewiesen. Im Stadium solcher Ermittlungen gibt es nur einen Anfangsverdacht. Es gilt die Unschuldsvermutung, was in diesem Zusammenhang etwas deplatziert klingt.
Strafrechtlich wird möglicherweise am Ende gar nicht so viel herauskommen. Dennoch hat die Affäre unter den Beschuldigten schon reichlich Opfer gefordert: VW-Personalvorstand Peter Hartz trat ebenso zurück wie der Gesamtbetriebsratsvorsitzende Klaus Volkert. Der ehemalige Skoda-Vorstand Helmuth Schuster musste ebenso wie Gebauer gehen. Gefahr droht dem SPD-Bundestagsabgeordneten Hans-Jürgen Uhl sowie dem niedersächsischen SPD-Landtagsabgeordneten Günter Lenz. Gegen beide wird wegen der angeblichen Teilnahme an einer von VW bezahlten Sause ermittelt. Beide bestreiten jedoch diese Darstellung Gebauers.
Drei, vier weitere andere bislang noch nicht in diesem Zusammenhang aufgefallene hochrangige VW-Bedienstete könnte Gebauer mit Lustgeschichten noch in den Strudel reißen – sagt er, er weiß aber nicht, ob er das machen wird. Er unterscheidet fein zwischen Männern, die "in das System involviert" und solchen, die "aktiv dabei" waren. Die VW-Affäre jedenfalls rollt und rollt, und alle Beteiligten warten auf die nächste Etappe. Die beginnt vermutlich, wenn Schuster auspackt. "Dann wackelt der Konzern", sagt ein Insider. Schuster war eine echte Größe bei VW. Er war VW.
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