Von Gerhard Bläske

Frankreichs globalisierungskritische Bewegung Attac droht die Spaltung – doch Gründer Bernard Cassen gibt so schnell nicht auf.

 
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(SZ vom 8.11.03) — Es riecht nach frischer Farbe. Alles wirkt sauber und appetitlich in dem frisch renovierten, roten Klinkerbau aus dem 19. Jahrhundert.

Mitten in einem volkstümlichen Viertel in Paris bei der Place d’Italie schlägt das Herz der Globalisierungskritiker.

Das Büro Bernard Cassens, des Chefredakteurs der Zeitung Le Monde Diplomatique, ist unaufgeräumt. In dem Zimmer mit der Stuckdecke und dem knarrenden Parkettboden im ersten Stock liegen überall Bücher. Rauchschwaden hängen in der Luft.

Sozialforum in Paris beginnt

Ein Leitartikel der Le Monde Diplomatique hat 1997 die Gründung von Attac, der zentralen Organisation der Globalisierungskritiker, ausgelöst.

Seither hat Cassen viel um die Ohren. Und jetzt, wenige Tage vor Beginn des Europäischen Sozialforums in Paris, hat er noch mehr zu tun als sonst.

Vom kommenden Mittwoch an werden sich Zehntausende in Paris und Umgebung in 55 Konferenzen, 250 Seminaren und mehreren hundert Ateliers austauschen, Vorschläge gegen die "Herrschaft des Kapitals" und die "Vormacht des Neoliberalismus" entwickeln.

In der Grande Halle, einer riesigen Halle mit gusseisernen Säulen, in der einst der Pariser Viehmarkt stattfand, in Zelten und Gemeinderäumen werden sie über Gleichberechtigung der Frauen, über Frieden oder Bürgerrechte diskutieren. 1500 Organisationen aus der ganzen Welt haben sich angesagt, Gewerkschaften, Parteien, Friedens- und Umweltgruppen und Kirchen. So ein Massentreffen will organisiert sein.

Die Spaltung droht

Eines aber beschäftigt Cassen noch mehr: Das Forum steht unter Beschuss, bevor es auch nur begonnen hat. Es droht die Spaltung der globalisierungskritischen Bewegung in Frankreich.

Dabei ist die französische Organisation zahlenmäßig die stärkste und die aktivste in Europa. Schuld an dem drohenden Zerwürfnis ist der Genfer Islamist Tariq Ramadan.

"Zionistische Politik"


Auf der Internet-Seite des Forums hatte er "jüdische Intellektuelle" wie Bernard-Henri Lévy, Alain Finkielkraut und André Glucksmann vorgeworfen, reflexartig "die zionistische Politik" der USA und Israels zur Unterdrückung der Palästinenser zu verteidigen.

Führende Vertreter der Sozialistischen Partei, die die Bewegung als ihren natürlichen Verbündeten sieht, forderten daraufhin den Ausschluss des "moslemischen Le Pen". Das haben die Veranstalter aber abgelehnt.

So sah es auf dem Sozialforum in Porto Alegre, Brasilien, im Jahr 2000 aus. (Foto: AP)

Cassen gehört zu den Gemäßigten der Bewegung. Lange war er Vorsitzender der Attac. Immer noch gehört er zu den Führungspersonen. Er will weder eine Radikalisierung der Bewegung noch ihre politische Festlegung. "Wir wollen die Türen der Attac für alle Gruppen weit offen halten", sagt er.

Beginn der 70er ging es los

Die Bewegung hat einst im Kampf gegen die Schließung der Uhrenfabrik Lip und gegen die Erweiterung eines Militärlagers im südfranzösischen Larzac in den 70er Jahren ihren Anfang genommen. Jetzt will sie ihre soziale Basis erweitern.

Attac soll zum Beispiel eine Heimat werden für die arbeitslosen Jugendlichen in den heruntergekommenen Vorstädten. Meist sind sie arabischstämmig und werden diskriminiert. So geraten sie leicht unter den Einfluss islamischer Geistlicher.

Neue Heimat für Jugendliche

Als Intellektueller glaubt Cassen an die Macht seiner Ideale: "Unsere Ideen werden irgendwann Mehrheitsmeinung und wir können die Welt ändern, ohne die Macht übernehmen zu müssen." Cassen sitzt hinter einem mächtigen, abgewetzten Schreibtisch, auf dem sich riesige Papierstapel türmen.

Irgendwo dazwischen liegt die Maus seines Computers. Er druckt eine Presse-Erklärung aus, reicht sie über den Tisch, lehnt sich zurück und zieht genüsslich an der Zigarre, die in seinem Mundwinkel steckt. In dem Papier distanziert er sich explizit von radikalen Umtrieben.

Ideengeber Attac

Cassen trägt anders als die meisten Chefredakteure verwaschene Jeans und ein rot-kariertes Holzfällerhemd. Er ist überzeugt, dass die globalisierungskritische Bewegung bereits Ideengeberin für Gewerkschaften und Parteien ist. Natürlich stehe die Mehrheit der 30 000 französischen Attac-Mitglieder eher der Linken nahe.

"Unter den vielen Parlamentsabgeordneten, die uns unterstützen, haben wir aber auch einen Vertreter der rechtsliberalen UDF", stellt Cassen klar. Er gestikuliert wild: "Wir wollen, dass unsere Ideen Gemeingut auch in den rechten Parteien werden."

Vor allem Menschen wie der Bauernführer José Bové, Symbolfigur der Globalisierungsgegner und Liebling der Medien, finden im rechten Lager Unterstützung. Er argumentiert geschickt. Unlängst beim Cancun-Gegengipfel im südfranzösischen Dorf Cancon, der "Hauptstadt der Haselnuss", hat er das wieder bewiesen.

Franzosen sind Globalisierungsgegner

Bei einem Glas Pflaumenschnaps hat er in der abendlichen Hauptnachrichtensendung vorgerechnet, dass 3000 Arbeitsplätze in der Landwirtschaft in Gefahr seien, wenn die Grenzen für Früchte aus Chile oder den USA geöffnet würden. So etwas verstehen auch rechte Wähler. Im Ideengut der Globalisierungsgegner findet fast jeder Franzose etwas für sich.

Alle Parteien, von Chiracs UMP bis zu den Trotzkisten, versuchen im Wählerreservoir der Bewegung zu schöpfen und haben einige ihrer Ideen wenigstens verbal aufgegriffen. Doch der zunehmend heterogenen Anti-Globalisierungsbewegung Frankreichs droht ihr eigener Erfolg zum Verhängnis zu werden.

In der sengenden Augusthitze dieses Sommers strömten zwar 300.000 Menschen in die karge Hochebene des südfranzösischen Larzac – doch jeder wollte etwas anderes. Neben Alt-Hippies, Ökobauern und Aussteigern kamen viele Schüler und Studenten.

Sie sorgten sich wegen des guten Wahlergebnisses des Rechtsradikalen Le Pen vom April 2002 und wollten "etwas dagegen unternehmen", wie die 16 Jahre alte Annie sagt.

Engagierte Menschen

Andere wollten vor allem die Konzerte des Begleitprogramms sehen. Wieder andere, vor allem Lehrer und junge Familien, demonstrierten ihre Ablehnung gegen die Renten- und Sozialreformpläne der Regierung. Die Menschen sind engagiert, schlafen bei den Attac-Treffen auf der blanken Erde, nehmen kilometerlange Staus hin.

Aber haben sie die Geduld, die "sehr langfristig wirkende" Sprengkraft der Ideen abzuwarten, auf die Cassen hofft? Der Gründer weiß um diese Zweifel. Er will sie nicht nähren und zeigt Optimismus: "Wir sind eine große Familie", sagt er. "Und das Sozialforum wird unser großes Familientreffen."

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