Von Marc Widmann
Die Landwirte haben genug vom niedrigen Milchpreis und beginnen einen Lieferboykott. Doch der Handel gibt erst einmal Entwarnung.
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Gegen Dumping: Landwirt Heino Weyhofen lässt Milch aus einem Tank direkt in den Abfluss laufen.
Foto: dpa
Um höhere Milchpreise zu erkämpfen, sind am Dienstag Tausende deutsche Landwirte in einen unbefristeten Lieferstreik getreten. Schon in den kommenden Tagen könnten frische Milch, Joghurt oder Quark in den Supermärkten knapp werden, warnte ein Vertreter des Bundesverbandes Deutscher Milchviehhalter (BDM). Die Wirtschaft wirft den Bauern dagegen "Panikmache" vor.
"Im Laufe der Woche wird die Versorgung mit Frischmilchprodukten zum Erliegen kommen", sagte der stellvertretende Vorsitzende des BDM, Stefan Mann, der Süddeutschen Zeitung. Auch die Herstellung von Schokolade oder Eiscreme sei auf frische Milch angewiesen. Die Beteiligung der Bauern an dem Lieferstopp sei größer als erwartet und erreiche in einzelnen Gebieten Deutschlands mehr als 90 Prozent.
Warten auf ein Angebot
Der Schwerpunkt liege in Bayern, Baden-Württemberg und Hessen. Mann nannte den Streik "blanke Notwehr", da viele Betriebe kurz davor seien, "an die Wand zu fahren". Die Bauern fordern einen Milchpreis von 43 Cent pro Kilo, derzeit liegt er je nach Region zwischen 27 und 35 Cent. "Wir werden dem Spuk sofort ein Ende bereiten, wenn wir ein schriftliches Angebot auf die Hand bekommen", sagte Mann.
Die Milchbauern empfahlen Krankenhäusern, Altenheimen oder Schulen, "rechtzeitig ausreichend Frischmilch einzukaufen, da es zu Versorgungsengpässen kommen könnte". Von "Panikmache" sprach daher der Geschäftsführer des Milchindustrie-Verbandes, Eckhard Heuser, der etwa 95 Prozent der deutschen Molkereien vertritt.
Er rechnet damit, dass bundesweit zunächst etwa 20 Prozent der Lieferungen ausfallen dürften; das ergab eine Umfrage unter Molkereien. Genaue Zahlen können erst in den kommenden Tagen errechnet werden. "Ich denke nicht, dass es Lücken im Kühlregal geben wird", sagte Heuser. Die Lager seien noch gut gefüllt. Auch könnten die Molkereien ihre Produktion kurzfristig von Milchpulver oder Käse auf Frischmilch umstellen, sodass es vorerst zu keinem Engpass kommen werde. Schwierig werde es dagegen, wenn mehr als 60 Prozent aller Milchbauern streikten.
Unterstützung von Seehofer
Auch die Supermärkte rechnen bislang nicht mit Hamsterkäufen. "Milch ist derzeit in großen Mengen am Markt, da wird es keine Versorgungsengpässe geben", sagte Hubertus Pellengahr vom Hauptverband des Deutschen Einzelhandels. Zur Not würden die Ketten nicht zögern, Milch aus dem Ausland zu beziehen. Ein Sprecher der Deutschen Krankenhausgesellschaft sagte: "Wir mahnen zur Ruhe." Jedes Krankenhaus sei mit ausreichend Vorräten ausgestattet.
Die streikenden Milchbauern verfüttern ihre Milch nun an Kälber, verteilen sie als Dünger auf den Feldern - oder kippen sie direkt in die Güllegrube. Sie beklagen, dass ihre Produktionskosten vor allem für Futter im vergangenen Jahr um mehr als 20 Prozent gestiegen seien. Das treibe viele Höfe an den Rand des Ruins. Zudem sinkt der Milchpreis seit Monaten, nachdem er im vergangenen Jahr kurzzeitig stark gestiegen war. Viele Bauern hatten daraufhin ihre Produktion ausgebaut. Sie wurden überrascht, als die Supermärkte Ende April den Verkaufspreis kräftig senkten. 32.000 der 100.000 deutschen Milchbauern sind im streikenden BDM organisiert. Sie produzieren 45 Prozent der heimischen Milch.
Bundeslandwirtschaftsminister Horst Seehofer (CSU) versicherte den Streikenden "volle politische Unterstützung im Kampf um diesen fairen Preis". Er kündigte Widerstand gegen die Erhöhung der Milchproduktion in der EU an, um einen weiteren Preisverfall zu verhindern.
Auch Bayerns Ministerpräsident Günther Beckstein (CSU) zeigte Sympathie: "Angemessene Preise sind für die Milchbauern in unserem Land zur echten Überlebensfrage geworden", sagte er. Der Präsident des Deutschen Bauernverbandes, Gerd Sonnleitner, sagte der SZ, ein Lieferboykott sei gerechtfertigt, könne "aber nur auf europäischer Ebene etwas bewirken".
(SZ vom 28.05.2008/tob)