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"Die Debatte ist unehrlich"
Ärzte ohne Grenzen
18.05.2007, 07:57
Jährlich sterben 15 Millionen Menschen an Infektionskrankheiten, die meisten in Entwicklungsländern. Die Bundesregierung hat daher das Thema "Afrika" auf die Agenda des kommenden G-8-Gipfels gesetzt. "Die Debatte ist unehrlich", sagt Tido von Schön-Angerer, Direktor bei der Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen. Er wirft der Regierung vor, einseitig der Pharmaindustrie den Rücken zu stärken.
SZ: Herr von Schön-Angerer, die Industrienationen haben beim kommenden G-8-Gipfel das Thema Afrika auf die Agenda gesetzt. Bis 2015 soll dort die Ausbreitung von Infektionskrankheiten wie Aids, Malaria oder Tuberkulose gestoppt werden. Ist das realistisch?
Schön-Angerer: Das ist kaum zu schaffen, etwa bei Tuberkulose. Daran sterben jährlich zwei Millionen Menschen, ein Drittel der Weltbevölkerung ist infiziert. Mit den zur Verfügung stehenden, sehr alten Arzneimitteln können wir der Krankheit nicht Herr werden. Durch die Aids-Epidemie hat sich TB wieder rasant ausgebreitet. Beide treten in tödlicher Kombination auf - und es fehlen innovative Mittel und verlässliche, einfache Tests.
SZ: Was müsste die deutsche Regierung denn tun?
Schön-Angerer: Deutschland ist weltweit nur an Nummer 13 bei der Förderung neuer Tuberkulose-Mittel. Keine der deutschen Pharmafirmen investiert ausreichend in TB, und die Regierung tut es auch nicht. Wie kann man über Innovationen und Afrika diskutieren - und die fehlenden Innovationen bei Arzneien gegen Infektionskrankheiten außer Acht lassen? Das ist eine unehrliche Debatte.
SZ: Den Kampf gegen Aids will Bundeskanzlerin Angela Merkel in Heiligendamm thematisieren - was müsste dabei mindestens herauskommen?
Schön-Angerer: Von den sieben Millionen HIV-Patienten, die eine Behandlung brauchen, können inzwischen zwei Millionen mit Arzneien versorgt werden, weil diese unter großem öffentlichen Druck günstiger geworden sind. Jetzt muss der Zugang ausgeweitet werden, um Menschen am Leben zu erhalten.
SZ: Was begrenzt den Zugang?
Schön-Angerer: Menschen, die länger in Behandlung sind, brauchen neue Medikamente. Die Pharmafirmen berufen sich aber auf Patentschutz für ihre Präparate und verhindern die Produktion von Nachahmermitteln. Die Preisnachlässe der Konzerne reichen nicht aus, um die Aids-Programme zu finanzieren.
SZ: Die Regierung will auf dem Gipfel über eine Harmonisierung von Patenten reden, um geistiges Eigentum besser zu schützen. Sie kritisieren, dass striktere Arznei-Patente die Bekämpfung von Infektionskrankheiten verhindern.
Schön-Angerer: Wenn man den Patentschutz vorantreiben will, muss man die spezielle Situation bei Arzneimitteln berücksichtigen. Es gibt ein Übereinkommen der Welthandelsorganisation (WTO) über handelsbezogene Aspekte der Rechte am geistigen Eigentum, kurz Trips. Trips erlaubt es, dass Patente gebrochen werden dürfen, um die Gesundheitsversorgung zu gewährleisten. Wenn Schwellen- oder Entwicklungsländer diese Regel anwenden, sollte die Bundesregierung das unterstützen.
SZ: Patente ermöglichen aber, dass Firmen langfristig Innovationen liefern.
Schön-Angerer: In der Pharmaindustrie stimmt das schon lange nicht mehr. Hier hat der verbesserte Patentschutz in den letzten Jahren nicht zu mehr Innovationen geführt. Im Gegenteil: Die Kosten für die Forschung sind gestiegen und die Zahl wirklicher Innovationen ist gesunken. Die Industrie ist in einer Krise.
» Die Pharmaindustrie entwickelt keine Medikamente für Länder, wo die Menschen arm sind. « |
SZ: Welche Rolle spielt der afrikanische Kontinent für die Industrie?
Schön-Angerer: Der Absatz in Afrika macht ein Prozent des pharmazeutischen Weltmarktes aus. Deshalb bestehen kaum Anreize, die Entwicklung von Medikamenten gegen armutsbedingte Krankheiten voranzutreiben.
SZ: Wie viel investieren die Konzerne in Arzneien gegen Tropenkrankheiten?
Schön-Angerer: Sehr wenig. Nur ein Prozent von allen echten Innovationen galten in den letzten Jahren den vernachlässigten Krankheiten.
SZ: Erforscht wird nur, was zahlungskräftige Kunden kaufen?
Schön-Angerer: Die Pharmaindustrie entwickelt keine Medikamente für Länder, wo die Menschen arm sind. Das ist die Konsequenz eines Systems, das Innovationen nur über Patentschutz stimuliert. Es wird nur dort investiert, wo ein großer Markt besteht.
SZ: Pharmakonzerne investieren dreistellige Millionensummen in neue Präparate. Ohne Patentschutz fehlt ihnen die Sicherheit, ihre Investitionen zurückzubekommen - das ist das Geschäftsmodell der Arzneimittelhersteller. Was gibt es denn für Alternativen?
Schön-Angerer: Experten wie der Nobelpreisträger Joseph Stiglitz diskutieren Versuche und Modelle, um die Entwicklungskosten einer Arznei nicht über den Preis gegenzufinanzieren. Sie können die Entwicklung etwa vorfinanzieren lassen. Möglich ist auch das Ausschreiben von Preisgeldern - bevor an einem Medikament geforscht wird. Wer das Mittel in solch einem Forschungswettbewerb liefert, bekommt das Geld.
SZ: Das klingt sehr vage. Wer soll die hohen Investitionskosten tragen?
Schön-Angerer: Dieselben Menschen, die die hohen Investitionskosten heute schon bezahlen. Menschen wie Sie und ich, über Steuern und Versicherungen. Und wir geben beileibe genug aus und kriegen nicht genug Innovationen zurück. Die Firmen sollten umdenken: Die stecken doch nur zehn Prozent ihrer Umsätze in die Forschung und erzielen hohe zweistellige Renditen. Die bestehenden Ausgaben sind besser zu priorisieren.
SZ: Sie kritisieren die Profitgier der Pharmafirmen. Ist es nicht anmaßend, Konzernen zu verordnen, wann sie genug Gewinn gemacht haben?
Schön-Angerer: Es ist anmaßend, Menschen die Arzneimittel durch hohe Preise vorzuenthalten.
SZ: Die neuen Initiativen, die Sie ansprechen, beziehen den größten Teil ihrer Gelder von der Bill Gates Stiftung. Damit hat ein US- Milliardär die Arzneimittelversorgung für Afrika übernommen.
» Indien ist die Apotheke der Armen « |
Schön-Angerer: Wir sehen, dass sich Politiker im Sessel zurücklehnen, weil ja Gates schon Gelder zur Verfügung stellt. Staaten wie Deutschland müssen ihrer Verantwortung stärker gerecht werden.
SZ: Der brasilianische Präsident Luiz Inácio Lula da Silva hat ein günstiges Nachahmermittel eines Aids-Präparats zugelassen, nachdem der US-Hersteller Merck den Preis für das Original nicht um mehr als 30 Prozent senken wollte. Lula begründet das mit "nationalem Notstand" und beruft sich auf Trips. Merck hält das für "geistige Enteignung".
Schön-Angerer: Enteignung ist wirklich das falsche Wort, denn die Regierungen haben sich im Trips-Abkommen darauf geeinigt, dass die Durchführung von Zwangslizenzen legal ist. Brasilien hat ja seit einigen Jahren mit der Verhängung von Zwangslizenzen gedroht und es ist bezeichnend, dass sich Konzerne erst bewegen, wenn es ernst wird.
SZ: Brasilien ist kein armes Land. Wieso soll ein Pharmakonzern in die Bresche springen, wenn das Land seine Gesundheitspolitik nicht finanzieren kann?
Schön-Angerer: Das umstrittene Mittel von Merck ist lange auf dem Markt, und es hat Milliardenerlöse erwirtschaftet. Die Forschungskosten sind längst zurückbezahlt durch die Einnahmen in den USA und Europa. Wieso soll Brasilien da den hohen Preis bezahlen, wenn sein Aids-Programm nicht finanzierbar ist?
SZ: Der Schweizer Pharmakonzern Novartis hat gegen das indische Patentrecht geklagt. Der Konzern sieht den Absatz des patentgeschützten Krebsmittels Glivec bedroht, weil Indien eine leichte Veränderung des Mittels für nicht patentierbar hält. Welche Folgen hätte es, wenn Novartis den Prozess gewinnt?
Schön-Angerer: Das hätte extreme Auswirkungen. Weil in Indien kleinere Änderungen an Patenten nicht so leicht patentierbar sind, wie in Deutschland, hat Indien eine große Industrie an Nachahmerfirmen. Indien ist das Produktionsland für billige Generika für Entwicklungsländer, Indien ist die Apotheke der Armen. Gewinnt Novartis den Prozess, würden mehr Patente erteilt - und die Produktion für Afrika eingeschränkt.
SZ: Daran, dass indische Generikafirmen hohe Gewinne erzielen, stören Sie sich in diesem Fall nicht?
Schön-Angerer: Ich störe mich überhaupt nicht daran, wenn Menschen Geld verdienen, solange den Gesundheitsinteressen gedient wird. Es ist klar, dass indische Generikafirmen keine humanitären Organisationen sind. Auch in Indien wird die Debatte ambivalent geführt, weil einige forschende Firmen mehr Patentschutz wollen.
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![]() 18.05.2007 12:25:50 filus: Zitat : "Wir sehen, dass sich Politiker im Sessel zurücklehnen , weil ja Gates schon Gelder zur Verfügung stellt ." ...Eine schallendere Ohrfeige für die G8-Länder-Regierungen kann es eigentlich nicht geben : -...da geht B.Gates ,ein US-Milliardär hin und stiftet einen Teil seines Vermögens ,um etwas gegen millionenfaches Elend zu tun , das seit langem für alle sichtbar u. hörbar zum Himmel schreit !! In Kürze wird ja wieder der G8-Berg kreißen ... und wieder nur ein paar Mäuslein gebären . Zum vorliegenden Thema wird man eher vermuten dürfen , dass der "Super-Aufsichtsrat" die Regeln zum Schutz der Profite weiter ausbauen wird , als etwas ähnlich "Unmögliches" wie B. Gates anzupacken wagen ... ![]() ![]() Wir wollen die Qualität der Nutzerdiskussionen stärker moderieren. Bitte haben Sie deshalb Verständnis, dass wir die Kommentare ab 19 Uhr bis 8 Uhr des Folgetages einfrieren. In dieser Zeit können keine Kommentare geschrieben werden. Dieser "Freeze" gilt auch für Wochenenden (Freitag 19 Uhr bis Montag 8 Uhr) und für Feiertage. |
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