Personalpolitik eigener Art: Der französische Präsident befördert Vertraute auf Spitzenposten in der Wirtschaft, andere Top-Manager bringt er zu Fall. Manchmal unfreiwillig.
Für Nicolas Sarkozy scheint Machtpolitik vor allem Personalpolitik zu sein. Den Finger an der Atombombe? Im Moment eher langweilig. Minister hin- und herrücken? Eher herkömmlich. Viel lohnender ist es doch, den Chef des öffentlich-rechtlichen Fernsehen auszuwählen und Einfluss auf das Programm zu nehmen oder den Geheimdienstchef zu bestimmen und bald vielleicht auch die Direktoren der staatlichen Krankenhäuser und die Staatsanwälte.
Ja, sogar in die Wirtschaft reicht der lange Arm des französischen Präsidenten, und zwar nicht nur in Staatsunternehmen. Zu spüren bekam das zum Beispiel Daniel Bouton. Der Chef der Privatbank Société Générale machte ein Jahrzehnt lang gute Arbeit.
Dann überrollten ihn der Skandal um die Milliardenverluste des Händlers Kerviel, die weltweite Finanzkrise und schließlich auch die eigene Dummheit. Mitten in der Krise wollte sich Bouton ordentlich Aktienoptionen sichern. Sarkozy forderte seinen Kopf - mit Erfolg. Bouton trat erst als Vorstandsvorsitzender und dann auch als Verwaltungsratschef zurück. Ohne Druck aus dem Elysée wäre es dazu kaum gekommen.
Große Pantoffeln
Etwa zur gleichen Zeit bugsierte Sarkozy seinen direkten Wirtschaftsberater an die Spitze der zweitgrößten Bank Frankreichs. François Pérol übernahm die Leitung der gerade fusionierten Volksbanken- und Sparkassen-Gruppe. Er gilt als fähig, das bestreitet kaum jemand.
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Wer steigt auf - wer ab: Der Einfluss des Präsidenten reicht weit. Kollage: SZ
Aber fast alle außerhalb der Partei des Präsidenten staunen, mit welcher Nonchalance Sarkozy den gerade 45-Jährigen befördert hat. Denn immerhin hatte Pérol die Fusion der Volksbanken- und Sparkassengruppe selber eingefädelt. So wurde die Ethikkommission eingeschaltet. Deren Vorsitzender räusperte sich zwar, aber nicht so laut, dass er seinerseits um seinen Posten hätte fürchten müssen. Und die letztlich entscheidsbefugten Mitglieder in den Verwaltungsräten beider Banken kochte die Regierung so lange weich, bis sie den Kandidaten Pérol akzeptierten.
Pérol aber kam der Absprung gerade recht. Wirtschaftsberater für Sarkozy zu spielen, war für den ehemaligen Partner der Rothschild-Bank stets ein Übergangsposten gewesen. Sarkozy hatte den Mann vor zwei Jahren, nach der Wahl, in die Politik gelockt, mit dem Versprechen, ihn während seiner Amtszeit auf den Sessel eines Großunternehmens zu katapultieren. Gesagt, getan.
Der Wechsel von der Politik in die Privatwirtschaft oder in ein Staatsunternehmen mit Unterstützung des Präsidenten oder einer Partei ist in Frankreich nichts Neues. Es gibt sogar einen Begriff dafür: "pantouflage". Und doch hat sich der Akzent leicht verschoben. Nicht mehr die Treue zu einer Partei ist entscheidend, sondern die zum Präsidenten. Und es reicht auch nicht mehr, eine Eliteschule - wie etwa die Ena - absolviert zu haben.
Im Gegenteil: Das könnte sich sogar nachteilig auswirken. Sarkozy soll selbst die Aufnahmeprüfung nicht geschafft haben. Seither wird ihm nachgesagt, die "Enarchen" nicht übermäßig zu schätzen. So versetzte er fast alle Präfekten des Landes, welche in der Regel Absolventen der Ena sind, seit seinem Amtsantritt auf einen neuen Posten. Sarkozy lässt die Puppen tanzen und schafft sein eigenes System der "méritocratie". Offiziell fördert der Präsident danach jene, die sich "Meriten" verdient haben. Andere nennen es Vetternwirtschaft.
Auch Stéphane Richard wird vor der Ethikkommission erscheinen müssen. Vergangene Woche fiel die Entscheidung, dass er 2001 Chef von France Télécom werden soll - gerade rechtzeitig bevor in Frankreich ein neuer Präsident gewählt wird. Richard ist ein ähnlich kluger Kopf wie Pérol, und auch er ließ sich vor zwei Jahren von Sarkozy aus der Wirtschaft in die Politik locken. Noch leitet er, ehe er Ende des Jahres zunächst als Generaldirektor zur Télécom geht, das Büro der Wirtschaftsministerin. Auf diesen Job hätte sich der ehemalige Topmanager des Versorgers Veolia kaum eingelassen, hätte der Präsident ihm nicht höhere Weihen versprochen.
Nicht immer ist Parteibuch entscheidend
Richard galt lange als Anwärter auf den begehrten Chefposten beim Stromkonzern EDF, der Ende des Jahres vakant wird. Aber da gibt es viele Kandidaten. Und einen der größten Telekom-Konzerne Europas zu leiten, ist auch schön. Derzeit hält der Staat noch etwa ein Viertel des Kapitals der französischen Telekom. Und Sarkozy ist überzeugt, kraft dieser Beteiligungen die Chefs bestimmen zu dürfen. Mit Spannung wird nun erwartet, wen er auf den EDF-Posten hieven wird.
Ein Dauerthema ist aber auch die Verweildauer von Anne Lauvergeon als Chefin des staatlichen Atomkonzerns Areva. Sarkozy ist bei seiner Wahl unberechenbar. Nicht immer verfährt er nach Parteibuch. EADS-Chef Louis Gallois hält sich beispielsweise nach wie vor respektabel im Sattel und Air-France-Chef Cyril Spinetta rückte vorige Woche sogar zum Aufsichtsratschef von Areva auf. Andere wiederum fallen eher nebenbei Sarkozys Industrie-Monopoly zum Opfer. Denis Ranque zum Beispiel.
Weil der Präsident wollte, dass der Flugzeugbauer Dassault mit dem Rüstungselektronikkonzern Thales fusioniert, muss nun der Thales-Chef seinen Posten räumen. Ranque sind keine gröberen Management-Fehler anzukreiden. Nur der Wunsch des Präsidenten wurde im zum Verhängnis. Andererseits: Wer weiß, was noch aus Ranque wird? Derzeit wird auf allen Ebenen nach einem adäquaten Posten für ihn gesucht. Vermutlich hat Sarkozy schon eine Idee.
(SZ vom 12.05.2009/hgn)



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