Viele Nutzer spenden für die Internet-Enzyklopädie - doch das Geldausgeben ist ein Problem.
Wikipedia, das ist für Computerkenner der Inbegriff der Gemeinnützigkeit. Kostenlos stellt die globale Internet-Community hier ihr Wissen zur Verfügung. Selbst auf Werbung verzichtet die "Wikimedia"-Stiftung - weil Spender helfen.
Davon gibt es genügend. So viele, dass sie den deutschen Ableger des Vereins inzwischen in eigenartige Probleme bringen. Der hat mittlerweile mehr als 170.000 Euro an Spenden erhalten - und weiß nicht wohin damit. Seit Jahren lässt der Verein die deutschen Wikipedia-Fans im Glauben, er sammele für das große gemeinsame Projekt, ansässig in St. Petersburg, Florida. Und wer in Deutschland für Wikipedia spenden will, kann sich aussuchen, ob er sein Geld nach Florida oder nach Berlin überweist.
In Berlin sitzt der Wikimedia e.V., der als gemeinnützig anerkannt ist. In fetter und kursiver Schrift weist die Spenden-Webseite darauf hin, dass Zahlungen an den Verein von den Steuer abgesetzt werden können. Allein im Jahr 2005 nahm der erst 2004 gegründete Verein mehr als 120.000 Euro an Spenden ein. Aber nur zwölf Prozent davon konnte er selbst verwenden, hauptsächlich für Reisekosten, eigene Veranstaltungen und Rechtsberatung.
Doch während die Wikimedia-Dachorganisation in den USA online detailliert jede einzelne Ausgabe aufzählt, verzichtet der deutsche Verein auf solche Transparenz. So steht auf der Spenden-Seite nirgendwo, dass der Großteil des an den Verein gespendeten Geldes bei der Bank schlummert - und Tag für Tag wird es mehr. "Früher oder später müssen die Spenden eines Vereins gemeinnützigen Zwecken zugeführt werden, sonst droht die Aberkennung der Gemeinnützigkeit", sagt Matthias Kolbeck, Sprecher der Berliner Senatsverwaltung für Finanzen.
Ursache für den Geldüberschuss sind rechtliche Probleme. Das Berliner Finanzamt für Körperschaften I beschied den Vorstand: Weil Wikimedia in Deutschland als gemeinnützig anerkannt sei, dürften die Mittel auch nur für gemeinnützige Zwecke verwendet werden. Schließlich dürfen die Spender ihre Zuwendungen nur deshalb von der Steuer absetzen. "Die teilweise Weitergabe von Mitteln" an die Wikimedia-Dachorganisation in den USA sei "nicht zulässig", heißt es in einem Schreiben der Beamten, das der Süddeutschen Zeitung vorliegt.
Das zeigt nicht nur, wie starr die Regeln der Abgabenordnung sind. Es wirft auch ein eigenartiges Licht auf den Verein. Denn der weiß schon seit längerem, dass die meisten Spenden auf dem Bankkonto bleiben. Dennoch lässt er seine Gönner im Glauben an den edlen Zweck der Spende.
Die deutsche Wikipedia hat zwar gut 450.000 schlaue Lexikon-Einträge erstellt, aber noch keinen Text über die eigenen Probleme, das Spendengeld auszugeben. Im Prinzip müsse man das verbessern, findet Vorstandsmitglied Arne Klempert, doch "der ganze Bereich Kommunikation leidet unter einem Personaldefizit. Um die Seite müsste sich mal jemand kümmern und wenn man das dort ändert, dann will man das ja auch richtig machen."
Derzeit sucht der Vorstand nach einer Lösung, um das Spenden-Versprechen doch noch einzulösen. Denn das Finanzamt wird es nicht unbegrenzt hinnehmen, dass das Geld auf der hohen Kante bleibt. Es gebe für die gemeinnützige Verwendung von Spenden aber keine eindeutige Frist, erklärt Senatssprecher Kolbeck.
Die Ämter würden immer prüfen, was der Grund für den "Verwendungsrückstand" ist und wie der Vorstand die Rücklagen auflösen will. Wikimedia Deutschland plant nun, mit dem Geld eigene Computer aufzustellen. Diese könnten dann etwa die Datensicherung oder die besonders rechenaufwändige Suchfunktion der Seite übernehmen.
Eines aber hat die Spendenaktion gebracht: genug Geld für hauptamtliche Funktionen. Ab dem ersten Oktober leistet sich der Verein nun einen fest angestellten Geschäftsführer in der Hauptstadt Berlin, der sich dann um Organisation und Kommunikation kümmert - als erster bezahlter Wikipedianer Deutschlands.
(SZ vom 31.8.2006)



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