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"Unsere Löhne werden nicht ewig niedrig bleiben"
Wirtschaftspolitik
15.05.2008, 17:34
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Rumäniens Premierminister Popescu-Tariceanu sucht auch deutsche Unternehmen, die in Rumänien investieren wollen. (Foto: AFP)
Calin Popescu-Tariceanu, 56, ist seit gut drei Jahren Premierminister von Rumänien. Der in Bukarest geborene Ingenieur, Informatiker und Mathematiker gründete 1990, nach dem Sturz der Ceausescu-Diktatur, einen privaten Radiosender sowie eine Autohandelsgesellschaft. Er ist Chef der National Liberalen Partei.
SZ: Herr Premierminister, warum sind Sie gerade in Deutschland?
Popescu: Ich möchte etwas tun, um die wirtschaftlichen Beziehungen zu Deutschland zu verbessern. Diesmal konzentrieren wir uns auf Bayern. Wir wollen die rumänische Wirtschaft vorstellen und zeigen, dass sie für Investoren attraktiv ist. Wir wollen aber auch von den schon ansässigen Firmen hören, welche bürokratischen Hürden wir noch abbauen müssen.
SZ: Werden Sie auch mit Unternehmen sprechen, um sie anzuwerben?
Popescu: Natürlich. Wir sprechen mit kleinen und mittleren Unternehmen, die neue Märkte suchen.
SZ: Was ist an Rumänien interessant?
Popescu: Unsere Wirtschaft wächst stark, in diesem Jahr mit 7,5 Prozent. Rumänien ist das siebtgrößte Land in Europa und wir haben gutausgebildete Arbeitskräfte. Der Markt ist attraktiv. Die Firmen, die sich bei uns angesiedelt haben, erreichen eine bei weitem höhere Profitabilität als in Westeuropa. Niemand hat den Schritt zu uns bedauert.
SZ: Der entscheidende Vorteil, die niedrigen Löhne, verliert aber an Bedeutung. Die Löhne steigen, es gibt sogar verstärkt Streiks.
Popescu: Sie haben recht. Die Löhne werden bei uns nicht für alle Zeiten niedrig bleiben.
SZ: Wie lange noch?
Popescu: Schwer zu sagen. Ich sage das aber auch den ausländischen Investoren offen. Wir kennen die Entwicklung der Textilindustrie, die zu uns kam und jetzt schon wieder weitergezogen ist nach China. Das interessiert uns nicht mehr. Wir suchen Investitionen mit hoher Wertschöpfung. Wer nur wegen der günstigen Löhne zu uns kommt, macht einen Fehler.
SZ: Die Schließung des Nokia-Handy-Werkes in Bochum und die Verlagerung der Arbeitsplätze nach Rumänien hat den Eindruck erweckt, Ihr Land schnappe den Deutschen die Arbeitsplätze weg.
Popescu: Dem kann ich nicht zustimmen. Die Sache war ganz einfach. Nokia hat vor einem Jahr mitgeteilt, bei uns ein Werk auf der grünen Wiese zu bauen und Arbeitsplätze in einer anspruchsvollen Industrie zu schaffen. Ich wusste davon, aber die Regierung war an der Sache nicht aktiv beteiligt. Dass ein Werk in Deutschland geschlossen wird, war uns nicht bekannt. Erst nach dem offiziellen Start des Projekts wurde der Skandal bekannt, dass Nokia ein Werk in Deutschland schließen wird.
SZ: Halten Sie diesen Wettbewerb der europäischen Regionen für sinnvoll?
Popescu: Wir wissen natürlich, dass es einen großen Wettbewerb in Europa gibt. Hier ist es aber so, dass Nokia in die Nähe einer sehr guten Universität kommen wollte, um dort qualifizierte Arbeitskräfte zu finden. Das war einer der Hauptgründe für die Entscheidung des Managements.
SZ: Nokia nannte aber Kostengründe.
Popescu: Die Firmen müssen auf die Kosten und die Löhne achten. Aber es geht nicht darum, Regionen gegeneinander ausspielen. Es gibt jedoch den Grundsatz der Solidarität in der EU, wonach neuen Mitgliedsländern beim wirtschaftlichen Aufholprozess geholfen wird.
SZ: Hat der Fall Nokia dem Ansehen Rumäniens geschadet?
Popescu: Wir haben in gutem Glauben gehandelt und hatten diese Folgen nicht erwartet. Ich habe von Nokia eine Erklärung verlangt. Sie haben uns gesagt, bei uns würden nicht dieselben Produkte erzeugt wie in Deutschland. Ich kann aber verstehen, dass die Menschen in Deutschland, vor allem diejenigen, die ihre Arbeitsplätze verloren haben, wütend sind.
SZ: Ausländische Firmen profitieren in Rumänen von günstigen Steuern und zahlreichen Subventionen aus Brüssel. Rumänien bekommt in den nächsten fünf Jahren 30 Milliarden Euro von der EU. Das macht es leicht, die Steuern niedrig zu halten.
Popescu: Bedenken Sie, Rumänien hat eine mehr als 12-jährige Periode der Umstellung von der Planwirtschaft auf die Marktwirtschaft hinter sich. Wir mussten viele Industrien schließen wie den Bergbau, die metallurgische Industrie oder den Schwermaschinenbau. Wir mussten ganze Industrien neu aufbauen. Andernfalls wäre Rumänien ein reines Konsumland geworden, das alle Produkte importiert. Wir hatten keine andere Wahl, um den wirtschaftlichen Abstand nach Europa zu verringern.
SZ: Viele deutsche Unternehmen beklagen heute die Unzuverlässigkeit des rumänischen Rechtssystems.
Popescu: Dem kann ich nicht zustimmen. Rumänien ist Anfang vergangenen Jahres der EU beigetreten. Das ging nur auf Basis eines Rechtssystems, das mit dem Prinzipien der EU vereinbar ist.
SZ: Es gibt auch Klagen über wachsende bürokratische Hürden.
Popescu: Die Bürokratie ist ein Problem in ganz Europa. Die Weltbank hat uns bescheinigt, dass Rumänien seine Reformen im Rekordtempo vorangetrieben hat und die Bedingungen für die Wirtschaft deutlich verbessert wurden.
SZ: Was tun Sie, um das schlechte Image von Rumänien zu verbessern? Das Land gilt noch immer als Hort von Korruption und Kriminalität.
Popescu: Ich glaube nicht an solche Propaganda. Ich will mein Land darstellen wie es ist. Es gibt in den deutschen Medien viele Artikel über Rumänien, die weit von der Wahrheit entfernt sind. Das macht mich traurig. Wir akzeptieren berechtigte Kritik, nicht aber reißerische Nachrichten.
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