Werden Niedrigpreise und Billiglöhne am Ende zu teuer bezahlt? Amerikanische Konsum-Imperien geraten in das Visier von Aktivisten, die versuchen, den größten Konzernen zuzusetzen.
"Wir wollen bis 2008 eine Million Amerikaner gewinnen": Einzelkämpfer und kleine Gruppen wollen Druck auf Großkonzerne ausüben. Das Bild zeigt Aktivisten vor einer Wal-Mart-Filiale im Bundesstaat Illinois. Foto: AFP
In kleinen Rinnsalen läuft Mike Psaty der Schweiß von der Stirn. Seit zwei Stunden steht der junge Mann an der Zufahrt zum Wal-Mart-Supermarkt in Fort Myers. Die Sonne brennt von einem tiefblauen Himmel im US-Bundesstaat Florida. Psaty hält ein großes Pappschild hoch, auf dem in roter Schrift steht: „Kauft nicht bei Wal-Mart – Wal-Mart betrügt seine Mitarbeiter“.
Der Student aus Florida verkörpert an diesem Tag so etwas wie das antikapitalistische Gewissen Amerikas. In dem öden Vorort, in dem sich der nüchterne Betonbau des Einkaufscenters wie ein gestrandeter Riesentanker zwischen Parkplätzen und sechsspurigen Highways erhebt, ruft er zum Boykott gegen den weltgrößten Einzelhandelskonzerns auf.
Die meisten Kunden, an diesem Mittag vor allem junge Mütter mit quengelnden Kindern an der Hand, gehen allerdings achtlos an ihm vorüber. Sie interessieren sich mehr für die bunten Jogging-Hosen und die Familienpackungen Kartoffelchips – im Sonderangebot.
„Wal-Mart zahlt Hungerlöhne und drückt sich vor der Krankenversicherung für seine Beschäftigten“, ruft der 24-Jährige ihnen zu. Psaty schlägt sich mit Gelegenheitsjobs durch, um sein Politik-Studium zu finanzieren, betätigt sich ansonsten als Anti-Wal-Mart-Aktivist.
„Ich will etwas für das bessere, soziale Amerika tun“, sagt der schlacksige, junge Mann in seinen verwaschenen Jeans. Wie ein Laienprediger kurvt Psaty in seinem 20Jahre alten, verrosteten Buick von einem Wal-Mart-Center zum nächsten, um dort sein Pappschild hoch zu halten.
Psaty ist nicht der einzige im Lande des grenzenlosen Konsums, der sich gegen den Strom wendet. Zwischen New York und San Francisco, Miami Beach und Chicago formiert sich eine Protestbewegung, die sich in das traditionelle politische Schema Demokraten versus Republikaner nicht einordnen lässt. Sie hat auch keine millionenschweren Parteikassen.
Doch es sind um so emsigere Aktivisten, die über Handy und E-Mail kommunizieren und so ein höchst effizientes Netzwerk entwickelt haben. Sie organisieren sich vorzugsweise in Internetforen, treffen sich in kleinen Gruppen in Starbucks-Cafés oder machen wie Mike Psaty ihren Ein-Mann-Demonstrationsbetrieb auf. Es ist ein bunte Truppe von jüngeren Studenten, mittlerweile ergrauten Protestlern der Anti-Vietnam-Bewegung und versprengten Grünen. Aber auch Gewerkschafter gehören dazu, die erkannt haben, dass sie beim klassischen Arbeiter im blauen Monteursanzug kaum noch Erfolg haben. Solche Arbeitnehmer sind ohnehin in nicht nur in den USA eine aussterbende Spezies.
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Wirtschaft ist witzig