In Berlin gibt es die erste Schule Deutschlands, die von einer Aktiengesellschaft geführt wird. Die Eltern sind begeistert, doch Kritiker sprechen von einer Eliteanstalt für Reiche.
Foto: fotostudionurfuerkinder.de
23.02.2007, 16:192007-02-23T16:19:00 CEST+0100
In Berlin gibt es die erste Schule Deutschlands, die von einer Aktiengesellschaft geführt wird. Die Eltern sind begeistert, doch Kritiker sprechen von einer Eliteanstalt für Reiche.
Foto: fotostudionurfuerkinder.de
Mitten in Berlin gibt es eine Schule, die gar nicht aussieht wie eine Schule. Groß, rot und mit einem mächtigen Eingangstor. Früher hat das Tor jeden Morgen die Arbeiter der Allgemeinen Elektricitäts-Gesellschaft verschluckt, heute gehen Kinder mit Schulranzen hindurch.
Die Schule befindet sich in einem Klinkerbau aus dem Jahr 1888, einem jener Industrieschlösser, in denen sich gerne junge Leute einrichten, die etwas mit Musik, Design oder Medien machen.
Das macht hier niemand und trotzdem: Es sieht genauso aus. Schick, aber nicht nobel. An der Längsseite der Eingangshalle glotzen drei rote kindsgroße Bullaugen. Zwei von ihnen führen zu einem kleinen Spielseparée, das dritte öffnet sich zum Sekretariat. Darin sitzt eine junge blonde Frau mit einer Strickkrawatte, und alles - die Frau, ihre Krawatte und das Bullauge - sagt sehr deutlich: Das ist keine gewöhnliche Schule.
Es fängt schon mit dem Namen an. Phorms Mitte heißt die Schule. Phorms kommt von Form und Metamorphose, was auf ein wenig angestrengte Weise vermitteln soll, dass es hier um Dynamik geht. Mitte wiederum kommt vom Stadtteil Mitte, aber das würde ein Berliner nie sagen. Für sie ist das hier trotz Stadtteilreform Wedding, einen Steinwurf von der Grasnarbe entfernt, die sich durch die Stadt zieht. Früher stand hier die Mauer.
Die Phorms- Schule ist die erste Schule Deutschlands, die von einer Aktiengesellschaft geführt wird. Und das ist in Deutschland ein Tabu. Privatschulen gibt es viele, doch sind sie meist gemeinnützig organisiert, als Verein oder Stiftung. Im Ausland ist das anders, da verdienen Unternehmen wie die Firma Gems aus Dubai mit Bildung viel Geld.
In einem Büro in der Nähe des roten Bullauges sitzt Béa Beste, die Vorstandsvorsitzende der Phorms AG. Alle paar Minuten stecken Menschen ihren Kopf zur Tür herein, ach du, ja toll, ein großes Hallo. Das Ganze erinnert mehr an eine Kaffeehausszene als an gewöhnlichen Bürobetrieb.
Beste lehnt sich weit in ihrem Stuhl zurück. ,,Die Eltern fliegen uns nur so zu.‘‘ Dann zählt sie auf: Ganztagsbetrieb, zweisprachiger Unterricht, individuelle Förderung. So was wünschten Eltern für ihre Kinder, meint Beste. Es in staatlichen Schulen zu finden, sei schwierig. Begonnen hat die Phorms AG im vergangenen Sommer, damals waren es noch 48 Schüler.
Mittlerweile sind es 90, von der Vorstufe bis zur fünften Klasse, und Beste ist sich sicher: Es werden mehr werden. Schon bald sollen eine sechste, siebte und achte Klasse hinzukommen. Ob die Schule dann zur Gesamtschule oder zum Gymnasium werde, sei noch nicht entschieden, sagt Beste. Sicher ist indessen eines: ,,Die magische Zahl liegt bei 140 Schülern. Dann wird sich die Schule selbst tragen.‘‘
Beste denkt an Expansion, und die soll sich nicht nur auf Berlin beschränken. ,,In den nächsten zehn Jahren wollen wir 40 Schulen in ganz Deutschland eröffnen.‘‘ In Köln, München und Frankfurt steht die Phorms AG bereits in Verhandlungen. Die Gesellschafter um Aufsichtsratschef Alex Olek, den Gründer des Biotech-Unternehmens Epigenomics, haben ein Geschäftsmodell entwickelt, mit dem sie namhafte Investoren überzeugen konnten, zum Beispiel den Sony-BMG-Chef Rolf Schmidt-Holtz.
24 Anteilshaber hat die Phorms AG, die über ein Startkapital von einer Million Euro verfügt. Das Geld fließt als Kredit an die Schulen, bis diese in der Lage sind, sich selbst zu tragen. Die einzelnen Schulen müssen nicht profitabel wirtschaften, sie sollen lediglich in der Lage sein, sich über Elterngebühren und staatliche Zuschüsse selbst zu finanzieren.
Je nach Bundesland werden die Schulen als Gesellschaft mit beschränkter Haftung oder aber als gemeinnützige Gesellschaft mit beschränkter Haftung organisiert sein, denn die Gesetzeslage ist von Bundesland zu Bundesland unterschiedlich.
Geld machen möchten die Gesellschafter mit der den Schulen übergeordneten Phorms AG. Sie ist als Dienstleistungsunternehmen konzipiert, das den Phorms-Schulen, aber auch anderen Bildungseinrichtungen alle wesentlichen Leistungen anbietet: Vom IT-Service bis zur Lehrerfortbildung.
Gong. Neun Uhr. Die Schüler versammeln sich in der Halle. Rektorin Celia Budge erzählt den Kindern die Geschichte von der kleinen Eule, die Angst vor der Dunkelheit hat. Sie tut das, weil ,,es immer ein paar Kinder gibt, die diese Angst teilen‘‘.
Danach lässt sie einen Jungen vortreten, der im Winterurlaub ein Skirennen gewonnen hat. Die Medaille ist golden, der Junge wird rot, ein wenig aus Verlegenheit, ein wenig aus Freude. Stolz zeigt er seinen Mitschülern die Medaille. ,,Wir wollen den Schülern das Gefühl geben, dass sie etwas können‘‘, sagt Budge später und fügt einen Satz hinzu, der so auch in einer Werbebroschüre stehen könnte: ,,Wir wollen eine Schule für das 21. Jahrhundert schaffen.‘‘
Um zu zeigen, wie die Schule des 21. Jahrhunderts aussehen soll, führt Budge in das Zimmer der gemeinsamen vierten und fünften Klasse. Es gibt dort eine Kuschelecke, und statt einer Tafel hängt ein Smart-Board an der Wand. Das lässt sich als Tafel und als überdimensionierter Computer benutzen: Die Kinder können etwa ins Internet gehen, sich Filme oder Projektionen ansehen.
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