Von Alex Rühle

Ein Inuit-Dorf in Alaska fordert Ausgleich für seinen Untergang: Der Ort hat Klage gegen 24 amerikanische Energiefirmen, darunter Exxon und BP eingereicht. Die Konzerne würden mit ihrem Beitrag zur globalen Erwärmung die Existenz der Gemeinde gefährden.

Die 400 Bewohner der winzigen Siedlung erinnern an das gallische Dorf von Asterix, das sich gegen die Übermacht der Römer auflehnt: Man muss Kivalina auf der Karte mit der Lupe suchen, seine Einwohner hausen am äußersten Rand des Imperiums, leben vor allem von der Jagd und nehmen es jetzt alleine mit den mächtigsten Konzernen auf: Der Ort, 80 Kilometer nördlich des Polarkreises in Alaska gelegen, hat Klage eingereicht gegen 24 amerikanische Energiefirmen, darunter Exxon und BP.

Das Dorf wirft den Unternehmen vor, mit ihrem Beitrag zur globalen Erwärmung die Existenz der Gemeinde zu gefährden.

Dass das Dorf unter den Folgen der Erderwärmung zu leiden hat, wurde in Berichten des Obersten Rechnungshofes und des Army Corps of Engineers festgestellt.

Häuser stürzen ins Meer

Der Permafrostboden taut, der einst steinharte Untergrund ist dadurch in Bewegung geraten, Häuser stürzen ins Meer. Durch das Abschmelzen der Gletscher und den steigenden Meeresspiegel kommt es immer häufiger zu Überschwemmungen.

Außerdem war Kivalina, das am Ende einer schmalen Landzunge zwischen der rauen Tschuktschensee und dem Kivalina-Fluss liegt, früher den Großteil des Jahres über durch Packeis vor den Winterstürmen geschützt. Da das Wasser aber jedes Jahr später gefriert, ist das Dorf inzwischen starken Stürmen und damit auch rasant fortschreitender Erosion ausgesetzt.

Längst steht fest, dass die Dorfbewohner umgesiedelt werden müssen und somit bald zu den ersten Klimaflüchtlingen der USA zählen: Ingenieure der Armee schrieben bereits 2006, all ihre Maßnahmen gegen die Erosion könnten "die unvermeidliche Eroberung der Insel durch das Meer" im besten Fall verlangsamen.

Millionen Tonnen Treibhausgase

Die Umsiedlungskosten werden auf 400 Millionen Dollar geschätzt. Das sollen nun die Energieunternehmen bezahlen, schließlich, so heißt es in der Anklageschrift, seien diese hauptverantwortlich für Millionen Tonnen Treibhausgase.

Da rund 180 Inuit-Dörfer von Winterstürmen und Erosion betroffen sind und viele Gemeindeverwaltungen ebenfalls schon Umsiedlungspläne erarbeiten, wird die Klage in Alaska sehr aufmerksam verfolgt.

Trotzdem glauben amerikanische Juristen nicht, dass das Dorf Aussicht hat, vor Gericht zu gewinnen. Die Klage ist ein typisches Produkt der US-Anwalts-Industrie.

Erfolgreiche Prozesse gegen die Tabakindustrie

Einige der Anwälte von Kivalina waren beteiligt an den erfolgreichen Prozessen gegen die Tabakindustrie. Während es aber damals gelang, den Schaden von Nikotingenuss zu beweisen, dürfte es schwerfallen, den beklagten Unternehmen nachzuweisen, dass ihre Produkte unmittelbar und ursächlich für die Unbill verantwortlich sind, die das Dorf erleiden muss.

Der Fall erinnert an den Kampf von Tuvalu, der kleinen Inselgruppe im Südpazifik, die aufgrund der Erderwärmung im Meer verschwinden wird. Die Regierung von Tuvalu strengte vor einigen Jahren beim Internationalen Gerichtshof eine Klage gegen die Länder und Unternehmen an, die am meisten Kohlendioxid ausstoßen.

Geändert hat das weder etwas an den Emissionen noch am Ansteigen der Meeresspiegel. Inzwischen hat Tuvalu für seine gesamte Bevölkerung in Neuseeland und Australien Asyl beantragt. Für die Bewohner von Kivalina in Alaska wird es, anders als bei Asterix und seinen Freunden, am Ende kein Festessen daheim an der großen Tafel am Dorfplatz geben - sondern im besten Fall ein Gelage in einem provisorischen Wohncontainer.

(SZ vom 28.02.2008/pak)