Seit Jahren bereitet Michael Otto die Amtsübergabe vor - jetzt ist es so weit, aber vom Schreibtisch kann er sich nur schwer trennen. Mit Otto geht einer der erfolgreichsten Unternehmer Deutschlands. Und auch ein Gutmensch.
Foto: dpa
14.09.2007, 11:032007-09-14T11:03:00 CEST+0200
Seit Jahren bereitet Michael Otto die Amtsübergabe vor - jetzt ist es so weit, aber vom Schreibtisch kann er sich nur schwer trennen. Mit Otto geht einer der erfolgreichsten Unternehmer Deutschlands. Und auch ein Gutmensch.
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Ein lässiger Rückzug sieht wohl anders aus. In gut zwei Wochen wird Michael Otto den Vorstandsvorsitz seiner Versandhandels-Gruppe offiziell an Hans-Otto Schrader übergeben und an die Spitze des Aufsichtsrats wechseln. Doch der Spielraum des Neuen ist vergleichsweise schmal und klar umrissen. Nein, ins Tagesgeschäft werde er sich nicht einmischen, versichert Otto.
Aber die Strategie des Familienunternehmens bleibt auch in Zukunft seine Sache. Dass Otto direkten Zugriff hat, wird schon die räumliche Nähe sicherstellen: In der Konzernzentrale in Hamburg-Wandsbek wird der neue Oberaufseher sein altes Büro behalten, mitten unter den Ex-Vorstandskollegen.
Gewiss hat Schrader Ottos Vertrauen, schließlich kennt der ihn seit 30 Jahren als Mitarbeiter im eigenen Haus und hat ihn sorgsam ausgewählt. Aber die ,,Otto Group‘‘ ist nun mal ein Familienunternehmen, und der größte Wunsch des scheidenden Chefs ist, dass die Firmenleitung in der Familie bleibt.
Zu einem reibungslosen Generationswechsel sollte es aber nicht kommen. Die Tochter beschäftigt sich lieber mit Umwelt- und sozialen Themen. Und Sohn Benjamin, 32, will erst beweisen, dass er auch auf eigenen Füßen stehen kann. Was er seit Jahren wohl auch sehr erfolgreich tut: Benjamin Otto hat in Berlin eine Firma mit 50 Mitarbeitern, die intelligente Haustechnik entwickelt. Irgendwann will er zwar den Familienkonzern übernehmen, heißt es, aber unter Zeitdruck möchte er sich nicht setzen lassen.
Sicher könnte der 64 Jahre alte Michael Otto noch einige Jahre weitermachen, aber das würde wohl nicht zu seinem Verständnis von einer ordentlichen Amtsübergabe gehören.
Otto ist ohnehin schon ,,überfällig‘‘, denn die hausinterne Altersgrenze liegt bei 60 Jahren. Insofern kommt dem 50 Jahre alten Schrader auch die Rolle eines Platzhalters zu. Michael Ottos heimliche Hoffnung: Wenn Benjamin in ein paar Jahren beim Konzern einsteigt, braucht er noch ein paar weitere Jahre zum Einarbeiten und kann dann, wenn Schrader 60 wird, an die Spitze rücken.
Um seinen Wechsel in den Aufsichtsrat zu feiern, hatte Otto am Donnerstagabend 350 Gäste zum Dinner in die prächtigen Börsensäle der Hamburger Handelskammer eingeladen. Zwar leben die Ottos in der Hansestadt eher unauffällig und unprätentiös, aber sie feiern gern und sind daher auch fester Bestandteil der Gesellschaftsspalten der Lokalpresse.
Ottos Abschiedsabend, der kein Glamour-Abend werden sollte, wie ein Sprecher versichert, geriet dennoch zum Promi-Auflauf. Bundespräsident Horst Köhler stand nebst Gattin auf der Gästeliste, wie auch die Models Eva Padberg und Tatjana Patitz, Schauspielerin Liz Hurley, Adidas-Chef Herbert Hainer, Verlegerin Friede Springer, ihr Konzernchef Mathias Döpfner und der Verleger Hubert Burda.
Durch den Abend führte Nina Ruge, es gab hausgemachte Tagliatelle mit Sommertrüffeln und pochiertes Kalbsfilet, und zwischen den Gängen hielten - unter anderen - Hamburgs Bürgermeister Ole von Beust und der Altkanzler und Ur-Hamburger Helmut Schmidt Reden.
Schließlich gilt Otto als einer der erfolgreichsten Unternehmer Deutschlands und hat die Firma, die sein heute 98 Jahre alter Vater Werner 1949 gegründet hatte, zur größten Versandhandelsgruppe der Welt ausgebaut. Sein Vater, sagt man, habe Deutschland erobert, der Sohn die Welt. Doch zunächst machte Michael Otto eine Banklehre, studierte Volkswirtschaft und promovierte, bevor er mit 28 Jahren ins Familienunternehmen einstieg und mit 38 Jahren die Leitung übernahm. Mittlerweile ist der Konzern nach Amazon auch zweitgrößter Online-Händler der Welt im Geschäft mit Endverbrauchern.
Der Vorzeige-Unternehmer Otto hat nebenher auch noch als Gutmensch Karriere gemacht. Politisch unkorrekte Produkte hat er schon vor Jahrzehnten systematisch aus den Katalogen verbannt, und Ottos Lieferanten werden stets auch auf ihre Umweltbilanz hin abgeklopft. Mitarbeiter, die etwas werden wollen, müssen nach dem Vorbild des Chefs in ihrer Freizeit Engagement für soziale oder ökologische Themen zeigen.
Seinen Stiftungen will Otto bald mehr Zeit widmen. Die eine, die seinen Namen trägt, kümmert sich um Gewässerschutz. Die andere, FSAF, fördert den Baumwollanbau von Kleinbauern in Afrika und die Schulbildung vor Ort. Mit anderen Unternehmern hat Otto außerdem die Initiative 2 Grad gegründet, die die Erderwärmung begrenzen will.
Fest steht schon, was Otto an seinem ersten Tag als Aufsichtsratschef tun wird: Zusammen mit seiner Frau und Freunden startet er in einen dreiwöchigen Urlaub, der mit Wandertouren in Österreich beginnt. Das scheint er sich besonders hart verdienen zu wollen, denn auf seinem Schreibtisch liegt für die verbleibende Zeit noch ein Berg Arbeit, sagen Mitarbeiter.
Otto hat seinen Rückzug in den Aufsichtsrat zwar seit fünf Jahren ganz rational vorbereitet, aber die Entscheidungskraft des Vorstandschefs will er bis zum letzten Tag behalten. Das ist dann wohl doch eine ziemlich emotionale Sache.
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