Von Markus Balser und Uwe Ritzer

Radikaler Arbeitsplatz-Abbau bei Siemens: Der Technologiekonzern will weltweit 16.750 Stellen kürzen. Allein in Deutschland sollen mehr als 5000 Stellen wegfallen. Besonders betroffen: die Zentrale in München.

Siemens-Zentrale in München: 20 Prozent der Stellen sollen gestrichen werden. (Foto: dpa)

In Deutschland sollen den Konzernangaben zufolge 5250 Jobs wegfallen. Weltweit will der Technologie- und Elektronikkonzern 16.750 Stellen streichen, davon allein 12.600 in der Verwaltung, wie Siemens-Chef Peter Löscher am Dienstag in München erläuterte. Die meisten Stellen will Siemens in den nach Mitarbeitern größten Standorten abbauen: Erlangen, München, Nürnberg und Berlin. Die übrigen 4150 Arbeitsplätze seien im Zuge von Restrukturierungsprojekten von den Plänen betroffen.

Von den Plänen sind alle drei Sektoren des Konzerns betroffen, also die Energiesparte, die Medizintechnik und der Industriesektor, den es wiederum am stärksten trifft. Alleine im Industriesektor sollen weltweit insgesamt 6350 Arbeitsplätze wegfallen.

"Schnell Verhandlungen aufnehmen"

Siemens will bis zum Jahr 2010 unter anderem durch den Personalabbau Kosten in Höhe von 1,2 Milliarden Euro eingespart werden. Weitere Punkte für diesen Sparplan seien Einsparungen bei der IT-Infrastruktur und bei Beraterverträgen.

"Wir wollen mit den Arbeitnehmervertretern schnell Verhandlungen aufnehmen, um den Stellenabbau so sozialverträglich wie möglich zu gestalten", sagte Löscher. Dazu solle "das gesamte uns zur Verfügung stehende Instrumentarium" genutzt werden, etwa Transfergesellschaften oder Altersteilzeitregelungen.

Betriebsbedingte Kündigungen sollten "nur das allerletzte Mittel sein", erklärte Siemens-Personalvorstand Siegfried Russwurm.

"Die Geschwindigkeit, mit der sich das Geschäft weltweit verändert, hat erheblich zugenommen. Wir stellen Siemens darauf ein", begründete Löscher den Arbeitsplatzabbau. Zudem müsse Siemens vor dem Hintergrund "einer sich eintrübenden Konjunktur“ effizienter werden", hob der Siemens-Chef hervor.

In den Medien war seit Wochen über das Ausmaß des Stellenabbaus spekuliert worden, jetzt wurden erstmals genaue Zahlen genannt.

Laut einem internen Papier, das der Süddeutschen Zeitung vorliegt, wird die Zahl der Stellenstreichungen sogar noch über die 5250 Jobs hinausgehen, von denen Siemens offiziell spricht. 6450 Arbeitsplätze sollen demnach in Deutschland gestrichen werden. Alleine am Münchner Hauptsitz sollen 20 Prozent der Stellen wegfallen.

Von gut 900 Arbeitsplätzen am noblen Hauptsitz des Milliardenunternehmens am Wittelsbacherplatz fallen 190 weg. Das geht aus den detaillierten Plänen des Managements zum radikalen Stellenabbau hervor. Damit würde sich Konzernchef Peter Löscher auch in Konflikt mit seinem mächtigen Führungszirkel begeben.

Kleinere Standorte trifft es hart

Mit harten Einschnitten müssen vor allem kleinere Standorte in Deutschland rechnen.

So sollen in der Niederlassung Regensburg 33 Prozent der Stellen wegfallen, in Bielefeld 28 Prozent, in den Niederlassungen Kiel und Kassel etwa 50 und in Wuppertal sogar 54 Prozent. Arbeitnehmervertreter warnten am Dienstag, der Konzern gebe in Deutschland seine Präsenz in der Fläche auf.

Hier streicht Siemens Stellen:
BetriebsratseinheitMitarbeiter gesamtArbeitsplatzabbauArbeitsplatzabbau in Prozent
Erlangen H 6806 540 8%
Erlangen G 10.724 530 5%
München P 5732 410 7%
München NL 1362 210 15%
Nürnberg M 2686 200 7%
München W 913 190 21%
Berlin NL 1017 180 17%
Stuttgart NL 1306 170 13%
Essen NL 1020 160 15%
Nürnberg NL 982 160 16%
PG Erlangen 3533 140 4%
Frankfurt NL 729 130 17%
München H 830 120 15%
Köln NL 681 120 17%
Braunschweig A 3041 110 4%
Hamburg NL 701 100 14%
Saarbrücken NL 264 90 34%
Hannover NL 779 90 11%
Fürth 1819 90 5%
Düsseldorf NL 514 80 16%
Duisburg 2236 80 4%
Leipzig NL 378 80 21%
Erlangen F 3020 80 3%
L&A KST 1000 80 8%
Mannheim NL 683 70 10%
München M 759 70 9%
Regensburg NL 194 60 33%
Berlin E 1089 60 6%
Karlsruhe OER 3915 60 2%
Amberg 4279 60 1%
Nürnberg H 822 60 7%
Weitere Daten - Siehe unten
64,10 €   -1,20   -1,83%  

Die bislang unter Verschluss gehaltenen Pläne, die seit Montag im Wirtschaftsausschuss diskutiert werden, erzürnen die Arbeitnehmerseite. Löscher verfehle sein Ziel, vor allem im oberen und mittleren Management zu kürzen, heißt es aus dem Betriebsrat. Entsprechende Äußerungen Löschers seien Augenwischerei.

Kürzungen in den unteren Ebenen

Denn außer dem symbolträchtigen Abbau in der Zentrale seien in der Mehrheit erneut die unteren Ebenen betroffen - und nicht das Management. "Es kann keine Rede davon sein, dass vor allem in Führungspositionen gestrichen wird", verlautete aus Arbeitnehmerkreisen.

Drei Viertel der betroffenen Mitarbeiter seien tarifgebunden, kritisierten Arbeitnehmervertreter am Dienstag. Das entspreche dem Konzerndurchschnitt.

Hier streicht Siemens Stellen - die weiteren Standorte
BetriebsratseinheitMitarbeiter gesamtArbeitsplatzabbauArbeitsplatzabbau in Prozent
Cham 737 10 1%
Mainz NL 14 10 71%
SBS Region Nord 128 10 8%
Dresden NL 73 10 11%
SBS Region Mitte West 409 10 2%
SBS Region Hannover/Bremen 180 10 3%
SMS HS St. Wolfgang 122 10 4%
FFM IP 359 <5 1%
SBS Region Ost 446 <5 1%
SAG Fürth 1253 <5 2%
Chemnitz NL 135 <5 3%
Aachen NL 36 <5 11%
Bayreuth NL 42 <5 7%
SBS Region Südwest 166 <5 2%
Dresden S 160 <5 2%
Rostock NL 32 <5 6%
Magdeburg NL 24 <5 8%
Kirchheim 243 <5 1%
Koblenz NL 29 <5 7%
PG Berlin Werk 1671 <5 0%
Wegberg-Wildenrath 226 <5 0%
Berlin ND/DW 630 <5 0%
A&D EA München 1241 <5 0%
PG Görlitz 825 <5 0%
Siegen NL 37 <5 3%
Bielefeld NL 183 50 28%
Bremen NL 365 50 14%
Paderborn 878 50 6%
Nürnberg V 2464 50 2%
Würzburg NL 161 40 27%
Kassel NL 86 40 50%
Karlsruhe NL 165 40 25%
Berlin SD 392 40 10%
Wetzlar Gst 75 40 51%
Berlin ND/SW 2471 40 1%
Nürnberg C 651 40 6%
TS Krefeld 2128 40 2%
Dortmund NL 183 40 20%
Kiel NL 70 30 47%
Offenbach FP 229 30 14%
PG Nürnberg 671 30 4%
Ulm NL 110 30 24%
PG Mülheim 3557 30 1%
München KM 562 20 4%
Augsburg NL 380 20 6%
Osnabrück NL 105 20 19%
Erfurt NL 71 20 28%
Braunschweig NL 143 20 14%
Münster NL 54 20 37%
Freiburg NL 118 20 16%
PG Essen 219 20 7%
PG Offenbach 999 20 2%
PG Berlin Vertrieb 586 20 3%
Nürnberg K 809 20 2%
Wuppertal GST 26 10 54%
SBS Region Nordrh.-Westf. 494 10 3%
Noch keiner Betriebsratseinheit zugeordnet 880
Mitarbeiter nicht betroffener BR-Einheiten 9739
Gesamtergebnis 102.176 6450 6%

Siemens

64,10 €    -1,20   -1,84%   20.11.09  

WKN: ISIN: Typ: Branche:
723610 DE0007236101 Aktie Elektro

(sueddeutsche.de/jkr/AFP/dpa/ddp-bay/mel/tob)

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Leserkommentare (18)



08.07.2008 17:16:25

pynchtom: Lehmschicht

Leider hat die Lehmschicht jetzt eine neue Aufgabe bekommen und entscheidet nun darüber, wer gehen muss. Sie bleibt also unverzichtbar.


2 Besucher haben diesen Kommentar bewertet




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