Der Wert des Geldes beruht zwar allein auf der Warenproduktion und dem Handel. Aber alle Akteure auf den Finanzmärkten übersehen das geflissentlich. Sie tun, als sei das Geld ein Wert an sich. Die scheinbare Entkoppelung der globalen Finanzmärkte von der Produktion in der "realen" Wirtschaft hat Marx dazu verleitet, das Geld als "Fetisch" zu bezeichnen. Dass die Aktivitäten der internationalen Finanzjongleure unausweichlich eine Krise herbeiführen müssen, hat er beschrieben.
Wer mit Marx argumentiert, wird nicht auf die Idee kommen, lediglich "Heuschrecken", pflichtvergessene Sparkassendirektoren und übergeschnappte Investmentbanker für die jetzige Finanzkrise verantwortlich zu machen.
Er wird sagen: Diese Entwicklung liegt in der Natur des Systems. Die Profitgier solcher Leute bewirkt zwar, dass die Krise schneller da ist. Kommen muss sie aber auf jeden Fall. Wer nicht mit Marx argumentiert, führt - in der Regel - ökonomische Krisen "auf vermeidbare wirtschaftspolitische Fehler, unvorhergesehene externe Zufälle und historische Kontingenzen, sprich bloße Zufälle, zurück". So fasste Elmar Altvater es Anfang dieses Jahres zusammen. Und so wird jetzt angesichts der Finanzkrise in der Tat argumentiert.
In einem Punkt sind neoliberal denkende Ökonomen, die meinen, der Markt werde alles regeln, mit Marx eines Sinns: Der sah das nämlich ganz ähnlich, er sprach von "Weltwirtschaftsgewittern". Die Selbstorganisation des Kapitalismus macht's möglich.
Guter Analytiker, schlechter Ratgeber
Jede Krise zwingt die Produzenten und Arbeitgeber dazu, sich an die neuen, zunächst widrigen Umstände anzupassen. Technische Innovationen helfen dabei. Zuallererst geht der Anpassungsprozess auf Kosten der Lohnabhängigen. Anders als die Neoliberalen hielt Marx das für ungerecht. Seine Lösung war die Revolution.
Leider war Marx als Analytiker besser denn als Ratgeber. Außerdem hat er seine Philosophie nicht für machtgierige und eigennützige Menschen entwickelt, und für diktatorial regierende Parteien schon gar nicht. Nicht gelöst hat Marx die Frage, wie der Kommunismus funktionieren könne.
Der Wirtschaftshistoriker Gareth Stedman Jones hat denn auch geschrieben, der erste Band des "Kapitals" - der einzige, den Marx vollendete - laufe letztlich auf die Idee hinaus, der Kapitalismus werde durch eine vor-marktwirtschaftliche Wirtschaftsform ersetzt werden. Die Ironie der Geschichte wollte es, dass der "real existierende" Sozialismus in der sowjetischen Einflusssphäre dem historischen Rückschritt in eine andere Form einer ungerechten Gesellschaftsverfassung recht nahe kam.
Der polnische Ökonom Michael Kalecki antwortete einmal auf die Frage, wie es denn mit Polens Übergang vom Kapitalismus zum Sozialismus bestellt sei: "Ja, den Kapitalismus haben wir abgeschafft. Unsere jetzige Aufgabe ist nur noch, den Feudalismus abzuschaffen."
(SZ vom 26.11.2008/hgn)
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In diesem Artikel:
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Wirtschaft ist witzig