Von Steffen Uhlmann

Ungarn war das kapitalistische Vorzeigebeispiel im postkommunistischen Europa. Nun ist das Land ein Sanierungsfall mit einer der höchsten Selbstmordraten.

Ungarns Volkswirtschaft: Harte Therapie

Budapest: Die Stadt an der Donau besticht mit ihrem herrschaftlichen Charme. (Foto: AP)

Agnes Tordai ist genervt. Nicht mal 500 Meter ist sie von dieser verdammten Kreuzung entfernt, wo sie rechts abbiegen könnte, um den Stau zu entgehen. Doch der Lindwurm aus Autos kommt einfach nicht voran.

Die Hauptstraßen in Budapest sind dicht, wie jeden Tag.Ungarns Hauptstadt ohne Staus und Durchgangsverkehr gibt es nur in den Träumen der Einwohner. Zwar will die Stadtverwaltung nach dem Vorbild Londons mit Straßen- und Einfahrtsgebühren künftig wenigsten den City-Kern von der Blechlawine befreien, doch Agnes Tordai zweifelt daran.

"Obwohl sich jeder über die vielen Staus und die schlechte Luft beschwert, will kaum ein Budapester auf sein Auto verzichten‘‘, sagt die Chefin einer kleinen Werbe- und PR-Agentur. "Damit kommt Demszky nicht durch.‘‘

Gabor Demszky ist der Oberbürgermeister (OB) der Zweimillionenstadt und neben Regierungschef Ferenc Gyurcsany derzeit wohl der umstrittenste Politiker in Budapest.

Mit "viel Tamtam‘‘

Kurz vor den letzten Kommunalwahlen Anfang Oktober vergangenen Jahres habe der OB noch schnell und mit "viel Tamtam‘‘ die neuen großen Siemens-Straßenbahnen in Betrieb nehmen lassen, um für seine Wiederwahl zu punkten, erzählt Agnes Tordai.

Doch nun würden sie ständig ausfallen. "Und wenn sie fahren, dann ohne Klimaanlage, weil die Stadtverwaltung aus Kostengründen darauf verzichtet hat. Jetzt haben wir die längsten und wärmsten Trams der Welt.‘‘

Budapest ist voller Spott und Ärger. Die Regierenden sind nach Meinung der Bürger immer an allem Schuld, ob sich nun die Straßenbahnen verspäten oder die übernächste Fußball-Europameisterschaft nach Polen und die Ukraine und nicht nach Ungarn kommt.

Keiner der neuen EU-Mitglieder hat sich bislang so weit ins Europa des Westens vorgewagt wie Ungarn. Doch das Land der pessimistischen Lebenskünstler, das eine der höchsten Selbstmord- und eine der niedrigsten Geburtenraten hat, ist wie kaum ein anderes von Wut und Widersprüchen zerrissen.

Zum Sanierungsfall geworden

Einst war Ungarn das Vorzeigebeispiel im postkommunistischen Europa, nun ist das Land mit den zehn Millionen Einwohnern ein Sanierungsfall geworden.

Schon einmal hatte sich Ungarn nach der Wende im Ostblock an den Rand des wirtschaftlichen Abgrunds manövriert: 1994, im Jahr des Amtsantritts von Gyula Horn, stand das Land kurz vor der Zahlungsunfähigkeit.

Die Horn-Regierung zog damals die Notbremse und strich die Staatsausgaben radikal zusammen - mit allen Folgen für die Bevölkerung. Doch Horns Schocktherapie zeigte Wirkung.

Ungarn erholte sich schneller als gedacht und hat sich damals eigenständig aus dem Verschuldungssumpf gezogen. Den Preis dafür musste Horn jedoch selbst bezahlen. Seine Regierung wurde 1998 von den Ungarn abgewählt.

Der größte Budgetsünder

In der Zeit danach begann wieder der teure politische Populismus. So sieht es zumindest die Bürgerin Tordai. Horns Nachfolger hätten das Geld erneut mit vollen Händen ausgegeben.

"Im vorigen Jahr waren wir der größte Budgetsünder innerhalb der EU‘‘, sagt sie. Wie schlimm es um das Land steht, kapierten viele Ungarn aber erst, als im Herbst 2006 ein Tonband veröffentlicht wurde, auf dem der sozialdemokratische Wahlsieger Gyurcsany zugab, der Bevölkerung nicht die Wahrheit über den Reformbedarf gesagt zu haben.

Der Unmut der Bevölkerung über die von ihm eingeleiteten rigiden Reformmaßnahmen haben sich seitdem weiter verschärft. Doch Experten halten den Sparkurs für dringend notwendig.

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Leserkommentare (7)



24.06.2007 10:06:17

jazzbert: Na super...

... ein Land probiert den Kapitalismus aus und muss feststellen, dass er nicht funktioniert.

Messerscharfe Schlussfolgerung:

"Das Einzige was hilft ist noch mehr Kapitalismus".

Gehts noch?

fragt sich der jazzbert


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