Von Melanie Ahlemeier

Die Unternehmerfamilie Quandt macht Ernst und bricht ihr Schweigen: Die eigene Historie zu NS-Zeiten soll wissenschaftlich aufgearbeitet werden. Der Bonner Historiker Scholtyseck hat den Zuschlag erhalten.

In einem auf drei Jahre angelegten unabhängigen Forschungsprojekt soll der Bonner Historiker Professor Dr. Joachim Scholtyseck die Geschichte der Unternehmerfamilie nachzeichnen. "Wir werden an der Aufarbeitung mitwirken, indem wir die Akten und Dokumente, die sich in unseren Archiven befinden, Herrn Professor Scholtyseck zur Verfügung stellen", heißt es in einer Mitteilung im Namen aller Mitglieder der Familie Quandt.

"Dabei handelt es sich um eine direkte Beauftragung der Familie", sagte Jörg-Appelhans, persönlicher Referent der Unternehmerfamilie, zu sueddeutsche.de. Eine der Quandt-Stiftungen ist demnach nicht involviert.

Forschungsschwerpunkt Nationalsozialismus

Scholtyseck ist Professor für Neuere und Neueste Geschichte an der Universität Bonn. Der 49-Jährige soll über die Dauer von drei Jahren ein Forschungsprojekt übernehmen, das die Vergangenheit zwischen dem Beginn der unternehmerischen Aktivitäten im 19. Jahrhundert bis in die fünfziger Jahre des 20. Jahrhunderts aufklären soll - lückenlos. Scholtyseck studierte Geschichte, Politische Wissenschaften, Kunstgeschichte und Soziologie an der Universität Bonn. Zu seinen Forschungsschwerpunkten zählen unter anderem der Faschismus/Nationalsozialismus sowie der Widerstand gegen den Nationalsozialismus.

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Die Quandts reagieren damit auf eine Ende September in der ARD ausgestrahlte Dokumentation mit dem Titel "Das Schweigen der Quandts". Ohne Vorankündigung hatten die Programmverantwortlichen damals den 60-Minüter ins Programm gehoben – um eine Unterlassungsklage vorab zu verhindern, wie es in Medienkreisen hieß.

Verbindungen zum Nazi-Regime

Denn die Vorwürfe der Filmemacher waren immens: Es geht um Verbindungen zur Nazi-Diktatur im Allgemeinen und um die Vermehrung des eigenen Vermögens durch den Einsatz von Zwangsarbeitern im Besonderen. Mittelpunkt der filmischen Dokumentation: Der 1982 verstorbene Herbert Quandt, der Mann der heutigen Familienführerin Johanna. Er war unter den Nazis Vorstand in der Akkumulatorenfabrik AG Afa (Varta) des mächtigen Vaters Günter. Als Großhersteller von Batterien waren die Quandts damit entscheidende Figuren für die Rüstungs- und Kriegswirtschaft des NS-Systems. Tenor der ARD-Dokumentation: Am heutigen Vermögen der Quandts klebt das Blut anderer.

Akribisch und in einer fünf Jahre dauernden Recherche hatten die Autoren Eric Friedler und Barbara Siebert den durchaus brisanten Stoff zusammengetragen, der im Film als Generalanklage daherkam. Der TV-Beitrag hatte die Familie denn auch ohne Vorankündigung getroffen. "Wir sind von dem Film überrascht worden", sagte der Sprecher der Familie Quandt, Appelhans, nach der TV-Ausstrahlung zu sueddeutsche.de.

Die Forschungsergebnisse sollen der Öffentlichkeit "ohne Einschränkung" vorgelegt werden, teilte die Familie Quandt weiter mit. Die Quandts sind unter anderem Großaktionär beim Automobilhersteller BMW.

Das NDR-Fernsehen zeigt die um 30 auf 90 Minuten verlängerte Dokumentation "Das Schweigen der Quandts" an diesem Donnerstag um 21 Uhr. Weil sich die Familie nach der Erstausstrahlung für eine Aufarbeitung der eigenen Geschichte ausgesprochen hatte, wurde der Film überarbeitet.

(sueddeutsche.de/lala)

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Leserkommentare (6)



12.01.2009 17:43:14

Svensk: Was soll das bringen.

Dass das 3. Reich kein Ruhmesblatt für die Familie Quant und andere war ist hinreichlich bekannt. Dass nicht alle ihre gerechten Strafe bekommen haben auch. Auf der anderen Seite: 99% haben Adolf Hitler gewählt. Die meisten waren Mitläufer, die wenigsten konnten etwas gegen die NS machen.

Hat Deutschland 1989 die SED Zeiten aufgearbeitet, alle Nutznieser entlarvt. Wenn Sie denken ja, dann träumen sie weiter. Man hat es nicht gemacht, weil sonst eine ganze Menge Politiker im Westen auch ihren Hut hätten nehmen müssen. Also.

Dass jemand KZ Häftlinge für sein eigenes Geschäft benutzt hat, ist sicher nicht in Ordnung. Aber der liebe und gefeierte Herr Schindler hat es auch getan. Die Frage wäre doch viel mehr, ob Herr Quant sich auch an den Menschen so versündigt, hat, dass er sie ermordet hat. Das wäre wohl ein richtiger Fehltritt.

Berichtet das Fernsehen auch über die Familie Thyssen Krupp? Nein.

Ein grösserer Skandal ist, dass KZ-Häftlinge und Zwangsarbeiter erst in den 90ziger Jahren entschädigt wurden. Mit lächerlichen 5 Milliarden. Die Hälfte hat der Deutsche Staat gezahlt die Hälfte die deutsche Industrie. Und die hat die Hälfte ihrer Hälfe über Abschreibungen zurückbekommen.

Also insgesamt ein sehr dürftiges Zeugnis deutscher Vergangenheitsbewältigung. Entschuldigung.


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