Playboy-Bettwäsche und Totenkopf-Uhren: Ein Blick in den aktuellen Quelle-Katalog zeigt, warum die Firma am Abgrund steht.
"Unvergängliche Schönheit und Eleganz": Der Versandkatalog repräsentierte mal die Geschlossenheit des kleinbürgerlichen Weltbilds. Foto: ddp
Ja, es gibt sie noch, "unsere kleinbürgerliche Hölle". Mit diesen Worten hatte 1960 der junge Hans Magnus Enzensberger das Warenangebot von Neckermann in kulturkritischer Absicht charakterisiert. Er begründete damit für die junge Bundesrepublik das Genre der Versandhauskatalog-Rezension. Diese Art der Lektüre wurde seitdem immer wieder bemüht, um in den Konsumbibeln des Wirtschaftswunders von Neckermann, Otto oder Quelle dem Zeitgeist auf die Schliche zu kommen.
Im noch bis Ende Juli gültigen Quelle-Hauptkatalog Frühjahr/Sommer 2009, der jetzt doch noch im Seehofer-Gedenkkatalog einen Nachfolger gefunden hat, beginnt zum Beispiel auf Seite 862 die Gardinen-Hölle.
Da findet man in beeindruckend reicher Auswahl die "Blumenfenster-Stores" aus "echter Plauener Macramé-Spitze", also jene halbhohen, halbdurchsichtigen Fenster-Verkleidungen über den Pflanzentöpfen der Fensterbänke, welche die deutsche Provinz so furchtbar verhangen machen.
Unvergängliche Eleganz vor den Fenstern in der Provinz
Doch die Gardinenverkäufer aus Fürth behaupten im Katalogtext über diese mit Stickereien verzierten Stores ganz unbeirrt: "Sie zeichnen sich durch unvergängliche Schönheit und Eleganz aus und haben einen hervorragenden Ruf in aller Welt."
Und wenn man aufmerksam weiterblättert im Quelle-Katalog, findet man auch all die anderen Schrecklichkeiten: die Vitrinenschränke, die Rauchglas-Kronleuchter. Oder die beigen Sandalen und Freizeit-Blousons, die immer in den Fernsehnachrichten zu sehen sind, wenn das Problem der demographischen Entwicklung dramatisch bebildert werden soll.
Nun könnte man meinen, genau solche Dinge seien es, die das Prinzip Versandkatalog in wirtschaftliche Schwierigkeiten gebracht haben - weil sie eben so sehr von gestern sind wie Kurorte und Heimatfilme. Aber da kann man sich leicht täuschen: Denn eigenwilliger Geschmack hat immer eine Zukunft. Ein Blick in ein deutsches Möbelhaus oder in eine Volksmusiksendung genügt, um das zu zeigen.
Nein, wenn man die 1400 Seiten mit Zehntausenden Produkten studiert, muss man feststellen, dass der Quelle-Katalog eine ganz andere Schwierigkeit zum Ausdruck bringt: Es ist die Unsicherheit darüber, wie man den Wunsch nach dem "Modernen" in der Warenwelt ansprechen kann, ohne sich dabei komplett von der Geschlossenheit des kleinbürgerlichen Weltbildes zu verabschieden, die der Versandkatalog einmal repräsentiert hat.
Das häufigste Wort im Quelle-Katalog heißt heute nämlich "Trend", beinahe auf jeder Seite ist etwas ungeheuer trendig. Möbel begegnen den Kunden als "moderne Partner für Ihr neues Esszimmer", die Herrenbekleidung verspricht "Style & Power", es gibt "Outfits, die Exotik in den Alltag bringen," und Badehosen im "coolen Lässig-Look".
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In diesem Artikel:
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Wirtschaft ist witzig