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Interview: Hans von der Hagen

Klare Sprache? Lesbare Briefe? Das schaffen auch Firmen! Eon Westfalen-Weser hat das probiert. Und spart jetzt sogar Geld - sagt die Sprachbeauftragte Birgit Paehlke.

Sagen Sie mal ...: Warum können Unternehmen kein Deutsch reden?

(Grafik: sueddeutsche.de)

Im Jahr 2003 entstand Eon Westfalen-Weser aus der Fusion dreier Regionalversorger. Alle Unternehmen taten zwar das Gleiche, doch sie sprachen und schrieben unterschiedlich.

Daher wurde beschlossen, die Sprache zu vereinheitlichen - und gleichzeitig moderner zu machen. Auch viele Anglizismen sind weggefallen. Nicht aus ideologischen Gründen, sondern weil Sprache so verständlicher wird.

In den vergangenen Monaten wurden sämtliche Anschreiben neu formuliert - und es entstand ein Handbuch, das Mitarbeitern helfen soll, klarer zu formulieren.

Birgit Paehlke aus dem Bereich Unternehmensentwicklung und Kommunikation erläutert, was sich geändert hat.

Birgit Paehlke: "Die Kunden haben deutlich weniger Fragen." (Foto: Martin Leclaire)

sueddeutsche.de: Wenn Sie mich anschreiben, bin ich dann immer noch "sehr geehrt" und bitten mich "höflichst um Beachtung"?

Birgit Paehlke: "Sehr geehrt" ja - aber die "Bitte um Beachtung" gibt es bei uns nicht mehr. Wir wollen mit den Kunden auf Augenhöhe sprechen, darum schreiben wir ab und an auch "Guten Tag". Allerdings sollte in dem Fall der Briefschreiber schon einige Male mit den Kunden telefoniert haben.

sueddeutsche.de: Das lapidare "Hallo" geht nicht?

Paehlke: Höchstens in E-Mails.

sueddeutsche.de: Warum tun sich viele Unternehmen mit dem Deutsch so schwer?

Paehlke: Vor allem wenn komplexe Sachverhalte kommuniziert werden müssen, verfallen Firmen in Behörden- oder Technikersprache. Die mag dann zwar sachlich richtig sein, wird aber durch viele Fachausdrücke unverständlich.

sueddeutsche.de: Sie setzen mittlerweile auf eine klarere Sprache. Haben Ihre Kunden Sie auch nicht mehr verstanden?

 
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Paehlke: Ich hoffe nicht. Auslöser war vielmehr die Fusion unserer Unternehmen im Jahr 2003. Das war die Chance, eine einheitliche und klarere Sprache in unserem Unternehmen zu entwickeln. Auch erfordert die Komplexität der energiewirtschaftlichen Themen eine offene und moderne Sprache.

sueddeutsche.de: Wie sind Sie verständlicher geworden?

Paehlke: Wir formulieren mit mehr Verben, schreiben im Aktiv, verwenden eindeutige Begriffe und sind knapper und präziser geworden.

sueddeutsche.de: Und - geht die neue Verständlichkeit zu Lasten alter Genauigkeit? Gab es Widerspruch aus der Rechtsabteilung?

Paehlke: Wir schreiben weiterhin sachkundig, nur eben zeitgemäßer. Darum haben wir die Juristen schon früh in das Projekt eingebunden. Feststehende juristische Begriffe bleiben selbstverständlich bestehen.

sueddeutsche.de: Spiegelt sich die freundlichere Sprache auch in einem veränderten Auftritt Ihres Unternehmens gegenüber Kunden wider? Etwa durch ein kulanteres Verhalten in Streitfällen?

Paehlke: Fehler gestehen wir ein. Das heißt auch, dass wir Kunden entsprechend kulant behandeln. Auch zeigen unsere Kundenberater in Gesprächen Interesse und Verständnis, damit sich unsere Kunden abgeholt fühlen.

sueddeutsche.de: Hilft die verständlichere Sprache, Kosten zu reduzieren?

Paehlke: Das ist tatsächlich so. Die Kunden haben deutlich weniger Fragen. Das entlastet unsere Berater. Außerdem haben wir zahlreiche Formulare abgeschafft. Das macht sich ebenfalls auf der Kostenseite bemerkbar.

sueddeutsche.de: Wie umfassend war die Sprachumstellung? Ging das nur nach außen oder auch nach innen?

Paehlke: Sämtliche Unternehmensbereiche wurden einbezogen. Das betrifft alle internen und externen Medien. Für unsere Kundenzeitschrift haben wir sogar eine Auszeichnung des Vereins Deutsche Sprache bekommen.

sueddeutsche.de: Wo war der Aufwand am größten?

Paehlke: Bei der Neuformulierung der 800 Standardanschreiben für unsere Kunden. Das hat sich mehrere Monate hingezogen.

sueddeutsche.de: Haben die Beschäftigen geholfen?

Paehlke: Oh ja, die Mitarbeiter der einzelnen Abteilungen haben die Schreiben eingereicht, sie wurden mit Hilfe eines externen Instituts überarbeitet und dann zusammen mit den Mitarbeitern in sogenannten Werkstätten diskutiert.

sueddeutsche.de: Was haben Sie mit der E-Mail gemacht?

Paehlke: Im Kundenkontakt spielt die E-Mail nicht die gleiche Rolle wie der herkömmliche Brief. Aber innerhalb des Konzerns werden viele E-Mails geschrieben. Dabei sollen die gleichen Regeln angewandt werden, die im Verkehr mit dem Kunden gelten.

sueddeutsche.de: Die lapidar in kleinen Buchstaben geschriebene Mail gibt es bei Ihnen nicht?

Paehlke: Sie ist sogar ausdrücklich untersagt. Die Mails brauchen Anrede und einen vernünftigen Abschluss. Eine Mail soll bei uns die gleiche Wertigkeit wie ein Geschäftsbrief haben.


» Wenn ich Meeting statt Besprechung sage, ist das Englisch, aber nicht moderner. «

Birgit Paehlke

sueddeutsche.de: Mehr noch als über hölzernes Deutsch stolpert man über rätselhaftes Englisch, etwa auf Visitenkarten ...

Paehlke: Bei uns steht mittlerweile nur noch der Geschäftsbereich und die Funktion auf den Karten. Und zwar in der Regel auf Deutsch. Diejenigen, die international tätig sind, bekommen eine zweite Karte in englischer Sprache.

sueddeutsche.de: Und das ging ohne Proteste?

Paehlke: Nicht ganz. Denn nicht nur englische Begriffe, sondern auch die meisten akademischen Titel sind weggefallen. Da wurde sicher zunächst mancher in seiner Eitelkeit getroffen. Inzwischen ist das kein Thema mehr.

sueddeutsche.de: Gerade die englischen Bezeichungen sind mittlerweile weit verbreitet und werden von vielen auch als moderner wahrgenommen. Gab es da keine Einwände?

Paehlke: Wenn ich Meeting statt Besprechung sage, ist das Englisch, aber nicht moderner. Wir fordern die Mitarbeiter ganz klar dazu auf, deutsch zu reden, um verständlicher zu werden. Darum gibt es bei uns auch kein Attachment, keine Benchmark und kein Customer Care mehr.

sueddeutsche.de: Sie sagen jetzt Handtelefon statt Handy?

Paehlke: Nein. Wenn die englische Bezeichnung wie etwa auch beim Wort Laptop allgemein gebräuchlich ist, darf die schon weiter verwendet werden.

(sueddeutsche.de)


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Leserkommentare (12)



18.04.2008 18:09:23

Wilhelm Dieburg:

Wie Ludwig Thoma schrieb in seinem Essay "Der Einser".

Zur Sprache der Juristen: Er war Jurist und auch sonst von mäßigem Verstande.


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