Von Frank Nienhuysen

In den schlechten Zeiten sind russische Unternehmen zunehmend bereit, einen großen Teil der Gehälter in einem Kuvert zu übergeben.

Russland

Eine Weile war den Russen der Gehaltszettel wichtig, um bei den Banken Kredit zu bekommen. Doch diese Zeiten sind inzwischen vorbei. Foto: AFP

Ob der Briefumschlag weiß oder blau ist, spielt für viele Angestellte und Unternehmen in Russland keine Rolle, solange das Geld darin "grau" ist. Graues Gehalt ist ein Teil des Gesamtlohns, der jedoch still vorbeifließt an den russischen Steuerbehörden, und in Zeiten der Krise schwillt dieser Strom mächtig an.

Das Forschungszentrum der Stellenbörse SuperJob.ru berichtete, dass immer mehr Unternehmen bereit seien, einen großen Teil der Gehälter in einem Kuvert zu überbringen. Und von den Arbeitnehmern sagten nur noch 21 Prozent der Befragten, dass sie ihren Lohn unter keinen Umständen schwarz empfangen wollten. Anders gesagt: Die Mehrheit der Beschäftigten würde auf einen Vertrag sogar ganz verzichten.

Angst vor der Arbeitslosigkeit

In der Finanzkrise, die Russland besonders hart getroffen hat, sind offensichtlich die meisten Russen erst einmal daran interessiert, überhaupt eine Arbeitsstelle und ein Einkommen zu haben, in welcher Farbschattierung auch immer. Die Zahl der Arbeitslosen nimmt zu, und rapider noch wächst nur die Angst der Übrigen, dass es auch sie treffen wird.

Sogenanntes weißes Gehalt, also der offiziell deklarierte Lohn, war noch in den vergangenen Jahren des Booms ein wichtiges Argument dafür, bei den Banken Bonität für einen Kredit zu beweisen. Doch seit Beginn der Krise haben die meisten russischen Angestellten bei den Geldinstituten ohnehin kaum noch Aussichten auf ein Darlehen. Am Mittwoch erst sagte Finanzminister Alexej Kudrin, dass die russischen Banken insgesamt 151 Milliarden Dollar Schulden hätten.

Die Schattenwirtschaft im postsowjetischen Russland hat bereits seit Beginn der neunziger Jahre einen maßgeblichen Anteil beim Geldfluss ausgemacht. Alexej Schewljakow, Direktor des Instituts für sozial-ökonomische Probleme, sagte der Zeitung Nesawissimaja Gaseta: "Schon vor zwei Jahren flossen 31 bis 32 Prozent aller Einkünfte der Russen inoffiziell".

Viele Arbeitnehmer, die sehr gut verdienten, würden einen großen Teil ihres Gehaltes sogar ins Ausland bringen. Während der Krise aber arbeiteten viele Unternehmen am Rande der Rentabilität, und so sei die Verlockung größer geworden, die Gesetze zu verletzen, auch bei der Auszahlung der Gehälter.

Der Direktor des Instituts für strategische Analysen, Igor Nikolajew, ist ebenfalls überzeugt, dass derzeit der Umfang der grauen Löhne steigt, auch wenn es keine offiziellen Statistiken gibt. "Dieser Prozess läuft, das ist sicher", sagt er. Der Wirtschaftsexperte Michail Deljagin meint, die Unternehmen in Russland müssten bei allem sparen, "und eine echte Kontrolle durch die Regierung gibt es nicht".

Im nächsten Jahr droht nach Ansicht der Experten der Anreiz für die Firmen sogar zu steigen. Ihr Beitrag für die einheitliche Sozial- und Krankenversicherung wird dann von derzeit 26 Prozent auf 34 Prozent erhöht.

Andererseits hofft die russische Regierung, dass sich die Winde bis dahin gedreht haben und die Krise bereits überwunden sein wird. Die mangelnde Steuermoral ist bereits ein traditionelles Dilemma für den russischen Staat, und fast so alt sind die Versuche, die Steuereinnahmen zu erhöhen.

-       0   -  

Auch Staatspräsident Dmitrij Medwedjew, nun seit fast einem Jahr im Amt, stemmt sich wie seine Vorgänger Boris Jelzin und Wladimir Putin gegen Schattenwirtschaft und Korruption. Der Leiter der Präsidialadministration, Sergej Naryschkin, hat jetzt auf Medwedjews Geheiß eine Anordnung unterzeichnet, nach der höchste Staatsbeamte bis zum 1.April ihre Einkünfte offenlegen müssen. Kremlchef Medwedjew selber will dabei den Anfang machen.

Ob es hilft, wird sich erst zeigen. Der frühere Staatspräsident Jelzin hatte 1997 bereits eine ähnliche Verordnung erlassen, allerdings wurde die Pflicht des Präsidenten zur jährlichen Auskunft damals ausgenommen, und die Minister mussten ihre Einkünfte nur auf eine entsprechende Anfrage offizieller Medien offenlegen. Putins Gehalt wurde vor einigen Jahren übrigens einmal mit etwa 2000 Euro deklariert. Neu ist künftig, dass auch die Ehefrauen und Kinder der Staatsbeamten ihre Verdienste und ihr Eigentum bekannt geben müssen. "Ich hoffe jedenfalls, dass meinem Beispiel andere folgen werden", sagte Medwedjew.

Die Zeitung Iswestija erinnerte daran, dass der jetzige Präsident bereits vor einem Jahr seine Bilanzen veröffentlicht hatte. Damals habe er auf seinen Bankkonten insgesamt 2,7 Millionen Rubel (nach derzeitigem Kurs etwa 60000 Euro) gehabt und eine Wohnung von 367 Quadratmetern deklariert. Aber auch das hat die Bevölkerung offenbar nicht sonderlich beeindruckt.

(SZ vom 26.03.2009/hgn)