Von Von Karl-Heinz Büschemann

Noch vor einem halben Jahr hofften deutsche Firmen auf ein Riesengeschäft im Irak - die Entführungen machen sie jetzt skeptisch.

Explosion Irak, dpa

Im Irak kommt es immer wieder zu Anschlägen, wie hier auf einem Markt in Bagdad (Foto: dpa)

Das Interesse der deutschen Wirtschaft am Irak ist groß. Nächsten Dienstag findet wieder eine Konferenz statt, auf der sich Firmen über Geschäfte in dem vom Terror geplagten Land informieren können. "Chancen und Perspektiven für kleine und mittelständische Unternehmen im Irak", heißt die Veranstaltung der Industrie- und Handelskammer in Halle. Horst Rehberger, der Wirtschaftsminister von Sachsen-Anhalt, gibt der Veranstaltung die Ehre. Der Botschafter des Irak in Berlin wird ein Rede halten, auch der deutsche Botschafter in Bagdad, Bernd Erbel.

Das Nahostland gilt bei deutschen Unternehmensverbänden als Markt mit Zukunft. "Trotz der prekären Sicherheitslage im Irak bietet der Wiederaufbau des Zweistromlandes vielfältige Möglichkeiten für deutsche Unternehmen", urteilte der Deutsche Industrie und Handelskammertag noch im vergangenen Sommer. Doch nach dem neuen Entführungsfall dürfte auch für Unternehmen klar werden, dass der Irak ein Risikostaat ist.

80 Prozent der Risiken ausschließen

Nur vage sind die Angaben, die Verbände über die Zahl der deutschen Firmenvertreter im Irak machen. Nach Informationen des Deutschen Industrie- und Handelskammertages in Berlin halten sich nur noch etwa 30 deutsche Unternehmensvertreter in dem Krisenland auf. Die meisten deutschen Firmen arbeiteten nur noch mit einheimischen Fachkräften zusammen. Die Deutschen seien zudem fast ausschließlich in den kurdischen Nordprovinzen des Landes beschäftigt, die als relativ sicher gelten.

Über diese Angaben kann Norbert Geisler nur schmunzeln. Der 41 Jahre alte ehemalige Oberstleutnant der Bundeswehr betreibt in der feinen Münchner Maximilianstraße die Beratungsgesellschaft Gateway-Consultants GmbH, die Firmenvertreter auf Auslandseinsätze vorbereitet - auch für den Irak. "Man darf annehmen, dass sich zwanzigmal so viele Deutsche im Irak aufhalten." Geisler sagt, er habe selbst zwei ständige deutsche Mitarbeiter in seiner Niederlassung in der grünen Zone der Hauptstadt Bagdad. "Da ist es relativ sicher." Man könne mit vertretbarem Aufwand etwa 80 Prozent der Risiken für die Mitarbeiter ausschließen, wenn sie auf ihren Aufenthalt gut vorbereitet seien, behauptet Geisler.

Deutsche Unternehmen klingen beim Thema Irak, wo sie sich vom Wiederaufbau langfristige Geschäfte erhoffen, viel zurückhaltender. Allgemein heißt es, die Firmen beteiligten sich am Wiederaufbau der von den Kriegen zerstören Infrastruktur, also am Straßenbau, der Instandhaltung von Kraftwerken, der Wasserversorgung.

Bundesregierung hat Interesse an Wiederaufbau

Der Siemens-Konzern, der eine Mobilfunk-Anlage im Norden des Landes baute, erklärt, deutsche Mitarbeiter würden nur gelegentlich und für kurze Zeit ins Land gebracht. Beim Anlagenbauer Linde AG heißt es, er habe niemanden im Irak. Der Bundesverband des Groß- und Außenhandels teilt mit, alle seine Mitgliedsfirmen hätten ihre Mitarbeiter aus dem Irak abgezogen.

Noch im Juli 2005 schien dagegen die Irak-Begeisterung ganz ungezügelt zu sein. Auf einer deutsch-irakischen Wirtschaftskonferenz in München versammelten sich mehr als 300 Teilnehmer. Sie vertraten Unternehmen wie den Anlagenbauer ABB-Mannheim, die Gelddrucker von Giesecke & Devrient, den Stahlhändler MAN Ferrostaal oder den Baustoffhändler Raab Karcher.

DaimlerChrysler war auf der Veranstaltung, die von Bayerns Wirtschaftsminister Otto Wiesheu eröffnet wurde, genauso vertreten wie Deutsche Bank oder Deutsche Bahn. Der Wiederaufbau des Irak liegt schließlich im Interesse der Bundesregierung. Die große Koalition hat als eine ihrer ersten Taten eine staatliche Ausfuhrgarantie für Exporte in den Irak beschlossen. Doch nach den jüngsten Entführungen ist die Begeisterung wieder gedämpft.

(SZ vom 26.1.2006)

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