Von Michael Kläsgen

Die Anbaufläche für Champagner ist knapp und der Durst auf das Luxusgetränk groß. Darum wollen französische Schaumwein-Häuser künftig auch in Großbritannien keltern.

Champagner

(Foto: Robert Haas)

Der Boden ist teuer in der Champagne, sehr teuer sogar. Wer in der Region im Norden Frankreichs ein Weingut erwerben will, muss für jeden Hektar bis zu einer Million Euro zahlen. In Großbritannien dagegen ist die gleiche Anbaufläche schon für 30.000 Euro zu haben.

Frédéric Rouzaud, Präsident des Champagnerhauses Louis Roederer, und sein Kellermeister Jean-Baptiste Lecaillon haben sich schon in Südengland nach Weinbergen umgesehen, den Boden geprüft und die Hanglage vermessen. Berater Stephen Skelton zeigte den Produzenten der Edelmarke Cristal drei Weingüter und ein brachliegendes Anbaugebiet. Auch Konkurrenten wie Duval-Leroy, Taittinger und Moet & Chandon streckten ihre Fühler aus, allerdings nur heimlich.

Entscheidung fällt Mitte März

Denn eigentlich darf Champagner nur aus der Champagne kommen, wo er seit dem 17. Jahrhundert gekeltert wird. Weil aber die Anbaufläche knapp wird, schauen sich die Champagnerhäuser seit einiger Zeit in Großbritannien um. Daheim in der Region um Reims erhitzt derzeit ein Streit um die Erweiterung der zugelassenen Flächen die Gemüter.

Voraussichtlich am 15. März fällt das staatliche Weinamt Inao eine Vorauswahl darüber, welche Gebiete in der Region für den Anbau der Champagnertrauben noch in Frage kommen. 40 Kommunen buhlen darum, die begehrte Herkunftsbezeichnung tragen zu dürfen.

Das vergleichsweise winzige Gebiet um Reims und Bar-sur-Aube kann den zunehmenden Durst von Russen, Chinesen und Indern nicht mehr stillen. Der Preis für den Boden ist entsprechend gestiegen, er beträgt inzwischen das 30- bis 40-Fache dessen, was man in Großbritannien zahlen muss. In Kent und Sussex durchzieht die gleiche säurehaltige Kalkschicht den Boden wie in der Champagne. Glaubt man Weinkennern, ist diese Kalkschicht für den Geschmack des edlen Tropfens ausschlaggebend.

Als Folge des Klimawandels gedeihen die Champagnertrauben Chardonnay, Pinot Noir und Pinot Meunier inzwischen auch in der Gegend südlich von London. "Der Süden Englands könnte uns neue Entwicklungsmöglichkeiten bieten", heißt es bei Roederer noch sehr vorsichtig.

Das Champagnerhaus hat längst Machbarkeitsstudien in Auftrag gegeben, entschieden ist allerdings noch nichts. Eine Voraussetzung für den Sprung über den Kanal wäre, dass der Klimawandel dauerhaft ist. Es müsste in Kent so warm bleiben, wie es in Bordeaux vor 30 Jahren war, sagt Berater Skelton. Roederer will noch etwas warten und die Temperaturentwicklung beobachten. Statt ein Weingut zu kaufen, kommt auch die Gründung eines Gemeinschaftsunternehmens mit einem britischen Hersteller für Roederer in Betracht.

Manche Winzer in Südengland produzieren ihren Schaumwein seit Jahren nach der Champagnermethode, das heißt mit Flaschen- und Zweitgärung sowie Rütteln. Manche von ihnen behaupten, England habe den Champagner ohnehin erfunden, nur nennen dürften sie ihn so nicht. Großbritannien ist heute nach Frankreich mit Abstand der größte Absatzmarkt für Champagner. Allerdings greifen britische Käufer in den Regalen immer häufiger nach Schaumweinen aus heimischer Produktion.

Für die Champagnerhersteller ist das ein weiterer Grund, mit der Abwanderung nach England zu drohen. Sie schlagen so zwei Fliegen mit einer Klappe: Einerseits begegnen sie dem drohenden Absatzschwund im wichtigsten Exportland; andererseits können sie daheim in Frankreich den Druck erhöhen, die Anbaufläche stärker auszuweiten.

(SZ vom 5.1.2008/hgn)

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