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Hauptsache, nicht krank
Hartz IV
27.05.2005, 17:00
Wer keinen Anspruch auf Arbeitslosengeld II oder Sozialhilfe hat, muss sich um die gesetzliche Krankenversicherung selbst kümmern. (Foto: dpa)
Die Geschichte klingt wie aus einem Entwicklungsland. Sein Freund, erzählt der Obdachlose Matthias Schneider (Name geändert), habe sich die Bänder im Fußgelenk gerissen. Normalerweise hätte ihm ein Arzt eine Schiene angelegt. Doch die Freunde haben den Fuß nur gekühlt, mehr nicht.
Die beiden Obdachlosen sammelten abends das Trockeneis zusammen, das ein Fischladen in den Hinterhof schüttete. „Wenn es kein Eis gab, musste mein Kollege den Fuß in einen See halten.“ Die Geschichte spielt in München, einer Stadt mit 225 Orthopäden im Telefonbuch. Schneider und sein Freund gingen zu keinem von ihnen. Sie hatten keine Krankenversicherung.
So wie viele im Land. 188.000 Menschen ohne jeden Schutz gegen Krankheit zählte das Statistische Bundesamt im Mai 2003 – fast doppelt so viele wie 1995. In diesem Jahr soll die Zahl der Unversicherten sogar auf bis zu 300.000 gestiegen sein: Durch die Hartz-IV-Reform verlieren Jobsuchende ihre gesetzliche Krankenversicherung, wenn sie nicht Anspruch auf Arbeitslosengeld II oder Sozialhilfe haben.
Das betrifft vor allem Arbeitslose, die ohne Trauschein mit einem Partner zusammenleben, der Einkommen oder Vermögen hat. Sie müssen sich selbst um die gesetzliche Versicherung kümmern. Wer das verbummelt, steht nach drei Monaten ohne Schutz da und muss sich um private Absicherung bemühen.
Sozialverbände kritisieren das: „Der Gesetzgeber denkt viele Probleme nicht bis zum Ende durch“, sagt VdK-Präsident Walter Hirrlinger. Oft sind auch gescheiterte Unternehmer oder klamme Kioskbesitzer betroffen, welche die Prämien ihrer Privatversicherung nicht mehr zahlen können.
Unversicherte müssen für ihre Therapie selbst aufkommen. Wer das nicht kann, für den ist Deutschland eine Medizin-Wüste. Der wird nur behandelt, wenn er in Lebensgefahr ist. Oder er muss eine der wenigen Oasen in der Medizin-Wüste finden – großzügige Ärzte oder Hilfswerke, die eigentlich für Obdachlose oder Menschen ohne Aufenthaltserlaubnis gedacht sind.
Zum Beispiel die Wohnungslosen-Praxis von Barbara Peters-Steinwachs in einem Münchner Unterkunftsheim. Hier sieht es fast aus wie bei anderen Ärzten: Ein Wartezimmer mit Medizinzeitschriften und der Tageszeitung vom Vortag, Janosch-Zeichnungen an der Wand, am Ende des Flurs eine Theke.
Nur tragen die Patienten hier oft speckige Jeansjacken oder haben eine Fahne. Dreimal pro Woche fährt die Ärztin mit einem zur Praxis umgebauten Krankenwagen durch die Stadt und untersucht Obdachlose.
Viele von ihnen könnten ihre Lage selbst verbessern: Sie haben Anspruch auf Stütze und damit auf Krankenversicherung. Aber sie stellen keinen Antrag, weil sie Ämtern misstrauen oder sich schämen. Viele wüssten auch nicht, dass man nach ein paar Monaten ohne Versicherung nur schwer eine neue Kasse finde, sagt Peters-Steinwachs.
Allgemeinmediziner, die Unversicherte behandeln, gibt es wenige. Spezialärzte sind noch seltener. Ein Problem, das Irene Frey-Mann gut kennt. „Ich versuche, viel selber zu machen“, sagt die Leiterin der zweiten Münchner Wohnungslosen-Praxis im Kloster St. Bonifaz. „Wenn ich etwas nicht weiß, schildere ich den Fall einem Kollegen vom Fach. Der sagt mir dann, was er machen würde.“
An der Tür zum Wartezimmer hängt ein Zettel: „Hier werden auch Patienten behandelt, die die 10 Euro Praxisgebühr nicht bezahlen können.“ Gegenüber gibt es Duschen, eine Etage darüber Gratis-Suppe. „Eigentlich wollte ich in die Entwicklungshilfe“, sagt Frey-Mann. „Die Arbeit hier kommt einem ein bisschen ähnlich vor.“
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