Aufruhr in Reykjavik: Demonstranten sind in Islands Notenbank eingedrungen und forderten den Rücktritt von Chefbanker Oddsson. Eine ganze Nation ist wütend über die desolate Lage der Wirtschaft. Mit Video.

Demonstranten besetzen die isländische Notenbank, Sicherheitskräfte halten sie in Schach. Foto: AP

Eigentlich haben die Isländer den Ruf, ein friedliches Volk zu sein. Die Kriminalitätsrate in dem Inselstaat ist niedrig, und bis zuletzt waren die Menschen auch mit ihrer politischen Führung zufrieden. Zustimmungsraten von 75 Prozent meldet das Auswärtige Amt auf seinen Internetseiten. Allerdings: Der Eintrag datiert aus dem Februar 2008.

Inzwischen ist diese Zufriedenheit mit der politischen Führung in Island drastisch gesunken. Der kleine Inselstaat leidet besonders unter der weltweiten Finanz- und Wirtschaftskrise. Innerhalb weniger Wochen mussten die größten Banken des Landes unter staatliche Obhut gestellt werden, die Währung ist massiv eingebrochen, die Arbeitslosigkeit steigt. Alleine im Oktober hat sich die Quote fast verdoppelt.

Angesichts der desolaten wirtschaftlichen Lage platzt sogar den sonst so friedliebenden Isländern der Kragen. Am Montag sind mehrere hundert Demonstranten in die Isländische Zentralbank (Seðlabanki Íslands) eingedrungen. Zuerst schlug die Menge gegen die Glastür, später wurden die Menschen dann in das Gebäude hineingelassen. In der Lobby erklangen Protestlieder und sie skandierten "Weg mit David".

Protestlieder gegen Notenbankchef

Mit "David" ist David Oddsson gemeint. Der isländische Notenbankchef machte als Ministerpräsident von 1991 bis 2004 den Inselstaat zu einem wirtschaftsliberalen Musterland. Oddsson privatisierte Banken, öffnete die Geldmärkte und ermöglichte so der Finanzbranche ein rasantes Wachstum. Nun kreiden die Isländer ihm den Absturz des Landes an.

Eineinhalb Stunden, so berichtet ein isländischer Blogger, sei die Sedlabanki besetzt gewesen. Die Demonstranten hätten sogar Farbe und Eier an das Gebäude geworfen. Polizisten drohten nach Angaben des Mannes damit, die Menge mit Pfefferspray zu verjagen. Als die Demonstranten dann jedoch erfuhren, dass sich der ungeliebte Notenbankchef gar nicht im Gebäude befindet, seien sie friedlich abgezogen.

"Die Regierung hat Roulette gespielt"

Die Belagerung der Notenbank war dabei nur ein Höhepunkt eines seit Wochen schwelenden Ärgers der Bevölkerung. Seit acht Wochen, so berichtet das Newsportal Island Review, gäbe es wegen der Wirtschaftskrise regelmäßig Demonstrationen.

Dabei stand am Montag vor der Belagerung der Notenbank eigentlich das Feiern im Vordergrund: Tausende Isländer begingen in der Hauptstadt Reykjavik den 90. Jahrestag der Unabhängigkeit Islands von Dänemark. Doch die Folgen der Finanzkrise ließ das Inselvolk selbst bei dieser Feierstunde nicht los. "Die Regierung hat Roulette gespielt und das ganze Land hat verloren", rief der Schriftsteller Einar Mar Gudmundsson den Menschen zu. Nach der Kundgebung machten sich die Demonstranten dann zur Notenbank auf.

Zuvor hatte Premierminister Geir Haarde die Bevölkerung auf eine wirtschaftliche Durststrecke eingestimmt. Im kommenden Jahr, so der Regierungschef, würde das Bruttoinlandsprodukt in Island drastisch schrumpfen, die Arbeitslosigkeit würde steigen. Gleichzeitig lehnte Haarde es ab, die Verantwortung für die Krise zu übernehmen und zurückzutreten. Der Internationale Währungsfonds (IWF) hatte das Land zuletzt mit einem Kredit in Höhe von 2,1 Milliarden Euro gestützt.

(sueddeutsche.de/AP/tob/mel)