18. Februar 2013, 18:26 Zum Tod von Otto Beisheim Verschwiegener Handelspionier

Legende ist ein großes Wort, hier aber trifft es zu: Otto Beisheim, der im Alter von 89 Jahren gestorben ist, hat den Metro-Handelskonzern gegründet und damit den Einzelhandel in Deutschland revolutioniert. Als er spät seinen Namen verewigen wollte, holte ihn seine Vergangenheit aus der Nazi-Zeit ein.

Von Stefan Weber

Die guten alten Zeiten beim Handelskonzern Metro waren für Otto Beisheim spätestens im Spätsommer 2007 vorbei. Ausgerechnet die Familien Schmidt-Ruthenbeck und Haniel, mit denen er in den Sechzigerjahren die Idee des "Cash & Carry"-Handels in Deutschland groß gemacht hatte, hatten ihn verraten. So jedenfalls empfand Beisheim das, was die beiden Mitgesellschafter des Metro-Konzerns hinter seinem Rücken ausgeheckt hatten.

Heimlich hatten sie so viele Aktien zusammengekauft, dass sie mehr als 50 Prozent der Stimmen besaßen. Beisheim war ausgebootet. Von heute auf morgen hatte er den Einfluss auf sein Lebenswerk verloren.

Verbittert und verärgert soll er gewesen sein, erzählten diejenigen, die ihm damals nahestanden. Aber selbst hat Beisheim sich nie öffentlich dazu geäußert, wie man ihn ausmanövriert hat. Die Öffentlichkeit meiden, nur das von sich preisgeben, was unbedingt sein muss - Beisheim hat es bis zuletzt so gehalten wie viele Pioniere im deutschen Einzelhandel, etwa die Aldi-Gründer Albrecht.

Am Montag wurde der Metro-Mitbegründer, der zu den reichsten und einflussreichsten Wirtschaftslenkern der Republik gehörte, mit 89 Jahren tot in seinem Haus in Rottach-Egern am Tegernsee gefunden. Er habe an einer nicht heilbaren Krankheit gelitten und sei aufgrund der Hoffnungslosigkeit seiner gesundheitlichen Lage aus dem Leben geschieden, teilte das Unternehmen mit.

Beisheim sei eine Legende im deutschen Einzelhandel gewesen, würdigte Metro-Chef Olaf Koch den Verstorbenen. Legende ist ein großes Wort, aber auf Beisheim trifft es zu. Der Sohn eines Gutsverwalters aus Vossnacken bei Essen musste früh in seinem Leben kräftig anpacken. Die Eltern hatten kein Geld, um eine aufwendige Schulbildung zu bezahlen. Statt des Abiturs machte der Junior eine Lehre in der Lederindustrie.

Danach wechselte er in eine Elektrogroßhandlung nach Mülheim. Die Entdeckung, die sein Leben verändern sollte, machte Beisheim um 1960 in Amerika: Dort gab es Großhändler, die ihre Waren nicht wie in Deutschland üblich per Rechnung an ihre Kunden aus dem Einzelhandel verschickten. Stattdessen präsentierten sie ihr Sortiment in großen Märkten vor den Toren der Städte und ließen die Kunden die Produkte selbst abholen - gegen sofortige Bezahlung.

"Cash & Carry" hieß diese Handelsform, und Beisheim war überzeugt, dass dieses Prinzip auch in seiner Heimat funktionieren könnte. 1964 eröffnete er in Mülheim an der Ruhr den ersten "Cash & Carry"-Markt in Deutschland. Wirtschaftshistoriker sind sich einig: Das Konzept war einer der wenigen echten Innovationen im Einzelhandel.

Otto Beisheim

(Foto: dpa)

Die Konkurrenz lief Sturm gegen die neuen Märkte. Denn Beisheim hielt seine Läden bis 21 Uhr geöffnet. Zu Zeiten, in den das Ladenschlussgesetz dem Einzelhandel verbot, länger als bis 18.30 Uhr zu verkaufen, war dies ein echter Wettbewerbsvorteil. Zumal die Metro-Märkte sehr großzügig waren bei der Ausgabe von Einkaufsberechtigungen. Eigentlich sollten die Märkte nur Wiederverkäufern vorbehalten sein. Beisheim spürte, dass es einen Bedarf für seine Märkte gibt. Aber noch war er Einzelkämpfer. Er benötigte Know-how und Geld, um das Ladennetz auszudehnen.

Da machte sich der Kontakt zu den Brüdern Michael und Rainer Schmidt-Ruthenbeck bezahlt. Die betrieben einen Spar-Großhandel im Ruhrgebiet und hatten viel Erfahrung in Handelssachen. Für die finanzielle Anschubfinanzierung sorgte die Duisburger Haniel-Dynastie. Die war durch Kohle und Stahl zu Wohlstand gekommen und suchte nach lukrativen Investitionsmöglichkeiten.

Beisheim, Schmidt-Ruthenbeck und Haniel - dieses Trio formte aus dem Mülheimer Großhändler den größten deutschen Handelskonzern, zu dem heute - nach vielen Investments und Desinvestments - neben Kaufhof, die SB-Warenhauskette Real und eine Mehrheitsbeteiligung am Elektronikhändler Media Saturn gehören.

Die langjährige enge Bindung der drei Partner, die ihr Bündnis auch zunächst bis zum Jahr 2000 vertraglich zementierten, erklärt, wie es Beisheim geschmerzt haben muss, dass die Weggefährten ihn 2007 kaltstellten. Weil er sich den Plänen des damals neu angetretenen Haniel-Chefs Eckhard Cordes widersetzte. Der wollte Metro in großem Stil umbauen. "Wir brauchen dich nicht mehr", das war die Botschaft an den alten Mann. Zwei Jahre später, im September 2009, kündigte der Mitgründer seinen Vertrag mit den alten Weggefährten und verkaufte kurze Zeit später gut fünf Prozent seines 18,5 Prozent starken Metro-Aktienpakets.

Finanzielle Gründe dürften da keine Rolle gespielt haben. Beisheim war zu diesem Zeitpunkt schon lange Milliardär und mehr als nur der Metro-Mitbegründer. Um die Großhandelsmärkte herum hatte er ein Imperium vor allem von Internetfirmen und Immobilien aufgebaut. Die Fäden zog er aus der Schweiz, deren Staatsangehörigkeit er seit 1988 besaß, über seine Beisheim Holding Schweiz.

Ins Scheinwerferlicht geriet er nur selten. 1990 beispielsweise, als er dem Medienunternehmer Leo Kirch 2500 Filme abkaufte und ihm damit aus finanziellen Nöten half. Untypisch für den verschwiegenen Handelspionier war sein Investment in Berlin: Am Potsdamer Platz ließ er zu seinem 80. Geburtstag für fast 500 Millionen Euro einen 70 Meter hohen "Beisheim-Tower" errichten, samt zweier Fünf-Sterne-Hotels und teuren Wohnungen. So viel hatte noch kein privater Bauherr in der Hauptstadt investiert.

Mit dem Bauvorhaben in Berlin wurde aber auch wieder über ein Kapitel aus Beisheims Leben zu Zeiten des Zweiten Weltkriegs diskutiert. Er gehörte als Gefreiter einer Division der Waffen-SS an, wie seine Stiftung 2006 bekannt gab. Näheres ist dazu nicht bekannt. Aber es tauchten immer wieder Fragen auf. Etwa als 2006 gegen eine ansehnliche Spende ein Gymnasium am Tegernsee nach ihm benannt werden sollte. Der Aufstand war groß, weshalb sich Beisheim aus diesem Projekt zurückzog. Den Ehrenring der Stadt Mülheim, wo er den ersten Metro-Markt eröffnet hatte, schlug Beisheim aus. Auch dort hatte es Diskussionen über seine Zugehörigkeit zur SS gegeben.

Über gemeinnützige Stiftungen engagierte sich Beisheim seit Jahren auch außerhalb der Wirtschaft. Die Wissenschaftliche Hochschule für Unternehmensführung in Vallendar beispielsweise verdankt ihm eine millionenschwere Zuwendung. Seitdem trägt sie seinen Namen.

Was wird nun aus dem Aktienpaket des Metro-Mitgründers? Zuletzt war der kinderlose Beisheim noch mit gut zehn Prozent an dem Düsseldorfer Handelskonzern beteiligt. Manche Börsianer fürchteten, nach dem Tod von Beisheim könne dessen Anteil verkauft werden und die Aktie möglicherweise noch weiter unter Druck geraten. Aber eine Sprecherin der Beisheim-Holding betonte am Montag, dass keine Verkäufe geplant seien.

"Die Vermögenslage von Otto Beisheim ist seit Langem klar geregelt und sieht vor, dass sein Erbe in die beiden gemeinnützigen Stiftungen Professor Otto Beisheim-Stiftung, Baar, und Professor Otto Beisheim Stiftung, München, übergeht und somit sein kulturelles, karitatives und unternehmerisches Engagement weiterlebt", heißt es in einer Erklärung der Unternehmensgruppe.