9. Februar 2013 17:05 Wahlkampf in Italien Wie Wirtschaftsbosse Berlusconi verhindern wollen

Italien steht vor einer entscheidenden Wahl. Erstmals mischen sich die Wirtschaftsbosse offen in die Politik ein. Nicht aus Leidenschaft, sondern aus Angst vor dem wirtschaftlichen Niedergang - und um Berlusconi zu verhindern.

Von Thomas Fromm, Rom, und Ulrike Sauer

Der Kandidat rollt im BMW durchs italienische Alpenvorland. Er ist Unternehmer, einer der erfolgreichsten und angesehensten seines Landes. Frontmann des italienischen Industriellenverbandes. Bekannt mit allen wichtigen deutschen Automanagern. Und jetzt ist Alberto Bombassei irgendwo zwischen Bergamo und den Dolomiten unterwegs - im Auftrag von Ministerpräsident Mario Monti.

Der Mann, der mit seinem Unternehmen Brembo die PS-Branche mit edlen Hightech-Bremsen beliefert, trifft Mittelständler in Restaurants und Kleinunternehmer auf Plätzen. Seine Botschaft: "Italien braucht eine entschiedene Wende." Es gibt Situationen, da klingen solche Sätze belanglos. Einfach so daher gesagt. Aber nicht hier. Nicht in einem Land, in dem jeder dritte Italiener unter 24 arbeitslos ist; in dem ein Fünftel der Industrieproduktion seit 2008 weggebrochen ist. Also macht Presidente Bombassei, der Unternehmer bleiben will, jetzt erst einmal Politik.

Für Monti sein, das heißt in diesen Tagen in Italien vor allem eines: gegen Silvio Berlusconi sein.

Auch das ist ein Unternehmer, und was für einer: Medien-Tycoon, mehrfacher Ministerpräsident, Milliardär. Ausgerechnet dieser 76 Jahre alte Mann, der Ende 2011 abdanken musste, weil Italien immer weiter in den Abgrund rutschte, weil die Zinsen für die Aufnahme neuer Staatsschulden dem Land die Luft zum Atmen nahm, weil niemand mehr Italien vertraute, weil die Wirtschaft kurz vor dem Kollaps stand, ausgerechnet er will nun zurück. Trotz Korruptions- und Steuerhinterziehungsaffären. Trotz all dieser Sex-Skandale.

Die Börsianer sind nervös, die Finanzmärkte auf alles vorbereitet. Die Chancen, dass Berlusconi die Wahlen am 24. Februar gewinnt, mögen gering sein. Aber es könnte immerhin ausreichen, das Land wieder unregierbar zu machen. Deshalb schwitzen nicht nur Investoren und Börsianer, wenn sie an Italien denken. Denn wenn ihnen noch etwas fehlte, dann dies: Dass der stets akkurat geschminkte "Cavaliere" wieder da ist.

Italiens Wirtschaft zeigt Flagge

So passiert es, dass diesmal ausgerechnet Italiens Wirtschaft Flagge zeigt. Männer wie Bombassei oder der Berlusconi-Erzfeind und Ferrari-Chef Luca di Montezemolo. Die Zeitung Corriere della Sera veröffentlichte neulich eine Liste mit den Namen von Managern, die angeblich mit Millionengeldern den Wahlkampf von Mario Monti unterstützen. Es ist das Who is who der italienischen Industrie. Namen wie Pirelli-Chef Marco Tronchetti Provera, der Schuhunternehmer Diego Della Valle (Tod's), die Fiat-Familie Agnelli, der Sanitäranlagen-Hersteller Merloni. Vor ein paar Tagen trat der Alt-Industrielle und Verleger Carlo De Benedetti im italienischen Fernsehen auf. Er empfahl Berlusconi, weiterhin glücklich in seinem "Sonnenuntergang" zu leben. Herzliche Grüße an einen, der sein Revival plant.

Es ist nicht so, dass all diese Manager und Unternehmer grundsätzlich politisch links wären und Berlusconi und seine rechts-konservativen Parteifreunde deshalb nicht mögen. Was sie eint, ist die Angst vor dem politischen Chaos und dem wirtschaftlichen Niedergang ihres Landes.

Denn noch nie stand so viel auf dem Spiel. Nie hat Italien mitten in einer so hartnäckigen Rezession gewählt. Der zweiten in nur fünf Jahren. Die Gefahr ist groß, dass es um mehr geht als um eine Rezession. Dass sich Italien für lange Zeit in die zweite oder sogar dritte Liga verabschiedet. Einfach ausfällt.

In den Achtzigerjahren nahm die britische Band The Smiths ein Stück mit dem Titel "Girlfriend in a coma" auf. Heute ist "Girlfriend in a coma" der Titel eines Dokumentarfilms, den die italienische Regisseurin Annalisa Piras zusammen mit dem früheren Chefredakteur des britischen Wirtschaftsmagazin Economist, Bill Emmott, gedreht hat. Die Freundin, das ist hier, anders als vor 25 Jahren bei den Smiths, nur eine Metapher für die Schöne im Koma. In London wurde der Streifen über Mafia, Manipulation und Korruption schon vor Monaten gezeigt. Den Römern ist das Opus über den moralischen und wirtschaftlichen Niedergang wohl nur schwer zuzumuten; die geplante Italien-Premiere in einem Museum wurde zuerst abgesetzt, dann in ein Theater verlegt.

Ein Land im Koma - das ist wohl nicht die richtige Kost für den Wahlkampf.

Berlusconi weiß, wie man Freundinnen, die im Koma liegen, wieder aufmuntert. 8,6 Milliarden Euro will er ans Volk verteilen. Die eine Hälfte bar auf die Hand als Rückerstattung der 2012 von Monti eingezogenen Immobiliensteuer, die andere Hälfte mit der Abschaffung derselben im laufenden Jahr. Obendrauf soll es eine Amnestie für Steuersünder geben. Den Investoren an den Finanzmärkten wird schwindlig bei diesen Versprechen. In dieser Woche stießen Anleger römische Schuldpapiere, die sie sich erst jüngst wieder zugelegt hatten, erst einmal ab. Die Risikoprämie kletterte zwei Wochen vor der Wahl auf die Drei-Prozent-Marke. Und das nach 14 Monaten Monti, der das schuldengebeutelte Land zumindest für's Erste stabilisiert hat.

Genau deshalb fährt Brembo-Präsident Bombassei gerade die Po-Ebene auf und ab - als Gegenfigur zum Berlusconi der Extravaganzen, Orgien und Prozesse. Er soll die Argumente der Gegenseite entkräften. Monti denkt nicht nur ans Sparen, sondern auch an Investitionen. Deshalb der Schulterschluss mit der italienischen Industrie.

Die Nervosität reicht weit über Italien hinaus. Bei Alessandro Marino von der Italienischen Handelskammer in München treffen sich Unternehmer aus zwei Ländern. Aus Deutschland und aus Italien. Alle schauen sie in diesen Tagen nach Rom. Denn bei der Frage nach der politischen Zukunft Italiens geht es auch um: sie selbst. "Die Zeit vor den Wahlen ist eine Phase des Abwartens", sagt Marino. "Wer investiert, will erst einmal politische Stabilität und Sicherheit sehen."

Auch bei Ferruccio Rossi im mittelitalienischen Forlì spürt man die steigende Unruhe. Italienische Kunden hat der Chef des Luxusyacht-Bauers Ferretti kaum noch. Er setzt auf Amerikaner, Chinesen, Brasilianer und Russen. Dennoch wird der Wahlausgang Einfluss auf seine Geschäfte nehmen. Der Manager hofft auf eine Koalition mit der Monti-Allianz. Vor ein paar Wochen saß Rossi in seinem Büro, Schneeflocken tanzten vor dem Bürofenster, und Rossi sagte besorgt: "Jetzt taucht auch noch diese dritte Kraft auf." Den Namen Berlusconi nimmt der Ex-Finanzinvestor lieber gar nicht erst in den Mund. Ein alter Widersacher Berlusconis spricht die Sache offen aus. "Wir müssen diejenigen, die großen Schaden angerichtet haben, nach Hause schicken, damit wir das Land neu aufbauen können", sagt Diego Della Valle, Gründer des Luxuskonzerns Tod's.

Am Eingang der Italienischen Handelskammer in München liegen Hochglanzzeitschriften mit schönen Bildern aus einem schönen Land. Eine mit dem Namen "All about Italy" wirbt für die "unbekannte Toskana" und das "unerforschte Umbrien". Daneben Broschüren zum Verdi-Jahr 2013. Am 2. März wird im Herkulessaal der Münchner Residenz Giuseppe Verdis "Messa da Requiem" gespielt. Die Totenmesse, eine Woche nach den Wahlen.