9. November 2012 08:16 Verlagsbranche Lotto-Unternehmer will bei Langenscheidt einsteigen

Die Geschäfte des Sprachbuch-Verlags Langenscheidt laufen schon lange nicht mehr gut. Nach 156 Jahren soll das Familienunternehmen nun einen neuen Herren bekommen.

Von Michael Tibudd und Caspar Busse

Bald wird bei dem traditionellen Familienunternehmen Langenscheidt nichts mehr so sein wie es war.

(Foto: dpa)

Das blaue L auf gelbem Grund ist weltweit bekannt. Es ist natürlich zu sehen vor der Langenscheidt-Zentrale an der Mies-van-der-Rohe-Straße Nummer 5 im Münchner Norden, direkt an der Autobahnauffahrt Richtung Nürnberg. Die kleinen Wörterbücher mit dem typischen Zeichen helfen seit Jahrzehnten in allen Lebenslagen. Papst Benedikt hat eines dieser Werke auf seinem Schreibtisch. Und der US-Astronaut David Wolf benutzte einst ein Deutsch-russisches-Wörterbuch, um sich in der Raumstation Mir zurechtzufinden.

Bald indes wird bei Langenscheidt, dem traditionellen Familienunternehmen, der kulturellen Zier der Deutschen, nichts mehr so sein wie es war. Die Geschäfte laufen schon lange nicht mehr gut - aber jetzt endet ein Kapitel der Unternehmensgeschichte, das am 1. Oktober 1856 in Berlin begonnen hatte. Die Familie Langenscheidt wird bald nicht mehr das Sagen haben. Ein Investor soll einsteigen, die Familienholding des Lotto-Unternehmers Walter Günther. Die Familie verkauft das Gros ihrer Anteile, will aber mit einer Minderheit weiter im Geschäft bleiben. "Die Familie Langenscheidt wird sich an einer zukünftigen Langenscheidt GmbH beteiligen", heißt es offiziell.

Denn so sieht der Plan aus: Die bisherige Langenscheidt KG soll in eine GmbH umgewandelt werden, an der dem Vernehmen nach nur drei der Langenscheidt-Erben weiter eine Minderheit der Anteile halten wollen. Die anderen sieben wollen aussteigen. Dabei vollzieht sich ein Generationswechsel - mehrere der bisherigen Kommanditisten wie der langjährige geschäftsführende Gesellschafter Karl Ernst Tielebier-Langenscheidt, 91, könnten ebenso ausscheiden wie Andreas Langenscheidt, 60. Er führte den Verlag bis 2010. An einer Beteiligung weiter interessiert sind angeblich Florian Langenscheidt, 57, und Beate, die beiden Geschwister von Andreas.

Es sind diese Drei, die seit Jahrzehnten für Langenscheidt stehen: Der Vater, der große, legendäre Patron, und seine beiden Söhne. Andreas führte lange als persönlich haftender Gesellschafter die Geschäfte, Bruder Florian hat schon seit vielen Jahren nur eine Beteiligung, er war nicht mehr im Management aktiv, dafür in der Öffentlichkeit umso präsenter: In Talkshows, in den Kolumnen der Klatschpresse. Er war der "Party-Literat", der auch mal die FDP beraten hat, und brachte eigene Bücher heraus. Die wurden zwar nicht in Literaturjournalen gewürdigt, sie waren dafür populär: "Langenscheidts Handbuch zum Glück" etwa oder "Das Beste an Deutschland - 250 Gründe, unser Land heute zu lieben".

Mehr als 150 Jahre Unternehmensgeschichte

Vater Karl Ernst Tielebier-Langenscheidt wurde bis zuletzt immer wieder im Verlag gesehen. Er schaute nach dem Rechten; bis noch vor wenigen Jahren fuhr er selbst im hellblauen Mercedes in die verlagseigenen Tiefgarage. Er ist der Urenkel von Gustav Langenscheidt, der 1856 in Berlin die Verlegerdynastie gegründet hatte. Er rief einen eigenen Sprachverlag ins Leben. Erstes Produkt: Ein Französisch-Selbstlernkurs mit der neuen Lautschrift "Methode Toussaint-Langenscheidt". Kein etablierter Verlag hatte damals angebissen, deshalb wurde der erst 22-Jährige kurzerhand Unternehmer. 1863 gab er das erste Wörterbuch in Auftrag. Das Start-up florierte, im Berliner Stadtteil Schöneberg gibt es heute eine Langenscheidt-Brücke.

Tielebier-Langenscheidt übernahm die Firma 1951 in vierter Generation. Während der Berlin-Blockade war er zeitweise nach Berchtesgaden geflüchtet, vom bayerischen Finanzministerium konnte er das halbfertige Theater in einer Jugendherberge mieten. Da saß dann zeitweilig die Firmenleitung. Schließlich kehrte er nach Berlin zurück und baute die Geschäfte aus. Als im August 1961 die Mauer gebaut wurde, entschloss er sich, Berlin endgültig zu verlassen. Die ganze Firma siedelte nach München um. 1968 wurde ein eigenes Verlagsgebäude bezogen, der Umsatz wuchs, auch international. Wörterbücher waren gefragt. Langenscheidt expandierte, kaufte den Brockhaus-Verlag, die Reiseführer Polyglott und APA, Berlitz, Duden, Meyers.

Es war eine rauschhafte Expansion. Doch sie galt nur für die Zeit der Druckmedien, nicht für die Ära des Digitalen. Die Gratiskultur des Internet raubte den Langenscheidts ihr Geschäftsmodell. Schritt für Schritt stießen sie ab, was erworben worden war. Nun die Zäsur bei den Unternehmensanteilen. "Die Familie Langenscheidt will nicht verkaufen", hatte Andreas Langenscheidt noch vor ein paar Jahren betont - heute gilt das nicht mehr. In einer Mitteilung heißt es verklausuliert: "Langenscheidt wird voraussichtlich ab dem Frühjahr 2013 durch das finanzielle Engagement eines strategischen Investors unterstützt."

Im Verlagsgebäude erfuhren die Mitarbeiter am Mittwochmorgen von den Veränderungen. Der Termin um zehn Uhr hatte sich zu allen durchgesprochen. Aus den Büros kamen sie geschlossen in den Veranstaltungssaal. Alle wollten hören, was die Geschäftsführung zu verkünden hat. Auch Kollegen mit Kinderwagen tauchten auf - wer konnte, unterbrach seine Elternzeit. Was sie hörten, erfreute niemanden. "Die Kollegen waren sehr erschrocken", berichtet die Betriebsratsvorsitzende Marion Siblewski. "Hier arbeiten so viele kompetente Leute - es ist schlimm, dass Kollegen gehen müssen." Der Langenscheidt-Verlag will 10 bis 15 seiner 165 Mitarbeiter entlassen. 40 gehen zum Stuttgarter Konkurrenten Klett - Langenscheidt verkauft sein Geschäftsfeld "Erwachsenenbildung und Schule".

Der Clan konnte nicht mehr mit der rasanten Entwicklung in der Buchbranche mithalten. Die Glücksmomente, die Erbe Florian in seinem Bestseller beschreibt, fehlten. Die Firmenchronik, die 2006 aus Anlass des 150-jährigen Bestehens angefertigt wurde, zeugt noch von einer Zeit des scheinbar ewigen Aufschwungs. 2005 lag der Jahresumsatz noch bei 255 Millionen Euro; heute ist man nicht mehr so auskunftsfreudig. Die Zahlen sind offenbar stark zurückgegangen. Freilich auch, weil Langenscheidt nach und nach Geschäftsbereiche verkaufte. 2009 trennte man sich von der Beteiligung am Brockhaus-Verlag Bibliographisches Institut, 2010 verkaufte man sein Logistik-Zentrum, baute 70 Stellen ab und verkündete, sich nun auf das "Kerngeschäft Sprachen und Reisen" zu konzentrieren - nur um 2011 auch die Polyglott-Reiseführer zu verkaufen.

Der digitale Wandel erfordert neue Geschäftsmodelle

Wieder ein Jahr später wollen die meisten der Familiengesellschafter den digitalen Wandel nicht mehr mitmachen. Wie andere klassische Verlage auch kämpft Langenscheidt um Erlöse. Als recht lukrativ gilt das Feld der Selbstlernkurse. Der Hoffnungsträger von Langenscheidt trägt den Namen "IQ": Das Paket soll "individualisiertes Lernen" ermöglichen. Smartphone-App, USB-Stick, Computer, klassisches Buch - das Konzept will alle Medien verknüpfen und mit einem persönlichen Online-Coaching verbinden. Die Produktmanager hoffen, damit so etwas wie den Sprachkurs 2.0 erfunden zu haben.

Zum Konzept gehört auch eine aufwendige Verpackung: Das Lernmaterial steckt in feiner Kartonage, schon das Auspacken soll Spaß machen. Offenbar hat man sich vom US-Konzern Apple inspirieren lassen, der seine Produkte stets hübsch einpackt. Aus dem Hause Langenscheidt sollen in nächster Zeit 24 Produktideen und Neuerungen auf den Markt kommen. Geschäftsführer Jan Henne De Dijn setzt auch aufs Geschäftsfeld "Kinder und Entertainment". Das klassische Langenscheidt-Wörterbuch wird es weiterhin geben - wenn auch von Frühjahr an in einem überarbeiteten Erscheinungsbild. Gestalter tüfteln an einer modernen Variante des typischen blauen L auf gelbem Grund.

Diese weltbekannte Marke ist der Schatz der Langenscheidts. "Die Leute denken, wenn es gelb ist, ist es sicherlich richtig", sagt Patron Tielebier-Langenscheidt.