24. November 2012, 13:02 Unsichere Konjunkturprognosen Klippen im Nebel

Die Weltwirtschaft wird nächstes Jahr um 3,6 Prozent wachsen, sagt der IWF. Das hört sich präzise an, ist es aber nicht. Auch die Prognosen des Währungsfonds beruhen nur auf Annahmen. Die können vor allem von der Politik durcheinander gewirbelt werden.

Von Catherine Hoffmann

An Heiligabend schneit es bei minus elf Grad, bis Mitternacht wächst die Schneedecke auf 28 Zentimeter. Der Spott wäre den Meteorologen sicher, wenn sie genau das verkünden würden. "Weihnachten!", würde es heißen. "Bis dahin sind es noch gut vier Wochen." Woher wollen sie schon heute auf Grad und Zentimeter genau wissen, wie dann der Winter aussieht?

In der Wirtschaft ist das anders. Der Internationale Währungsfonds (IWF) zum Beispiel liefert jeden Herbst brav eine präzise Prognose für das kommende Jahr ab: Um 3,6 Prozent soll die globale Wirtschaftsleistung zunehmen. Nun sind die IWF-Ökonomen nicht dumm. Sie wissen, dass diese Zahl mit großer politischer Unsicherheit behaftet ist.

Also warnen sie, dass ihre Vorhersage nur dann zutreffen wird, wenn die USA das Haushaltskliff umschiffen und die europäischen Politiker die Währungsunion zusammenhalten. Der IWF hätte die Liste der Unberechenbarkeiten mühelos verlängern können, etwa um die neue chinesische Führung. Schafft sie es tatsächlich, für acht Prozent Wirtschaftswachstum zu sorgen, wie angenommen? Oder ist das Ziel unerreichbar?

Haushaltsprobleme in den USA

Die Antwort auf diese Fragen hat großen Einfluss auf die Konjunktur im neuen Jahr. Gelingt es Demokraten und Republikanern in den USA nicht, sich auf einen Haushaltskompromiss zu einigen, laufen zahlreiche Steuererleichterungen aus, zugleich greifen automatische Ausgabenkürzungen - Amerika stürzt über das sogenannte Fiscal Cliff, die Haushaltsklippe.

Sollten alle Vorhaben wie gesetzlich vorgesehen umgesetzt werden, würde das Defizit der US-Bundesregierung um 600 Milliarden Dollar sinken; das entspricht fünf Prozent der amerikanischen Wirtschaftsleistung. Die Folge des abrupten Bremsmanövers: Die USA fallen 2013 in eine Rezession - mit üblen Konsequenzen für die Weltwirtschaft. An den Finanzmärkten könnte das große Unruhe auslösen. Weitere Rating-Agenturen dürften dem Beispiel von Standard & Poor's folgen und den USA die Bestnote "AAA" wegnehmen.

Was wird aus Griechenland?

Unabsehbar ist auch, wie es in der Euro-Zone weitergeht, die schon heute in einer Rezession steckt, weil die Sparpolitik die Konjunktur stark belastet und Unternehmer durch die Finanzkrise verunsichert sind. Hinzu kommt ein in weiten Teilen marodes Bankensystem. Am offenkundigsten ist das in Spanien, wo die Regierung trotz aller Schwierigkeiten ein Hilfsgesuch beim Europäischen Rettungsschirm scheut.

Ganz zu schweigen von Griechenland: Nach der gescheiterten Nachtsitzung in dieser Woche herrscht Ratlosigkeit in der Euro-Gruppe, wie es mit dem Land weitergehen soll: Neue Kredite? Schuldenschnitt? Oder Rauswurf? Die meisten rechnen mit einem Weiterwursteln, doch ein großer Knall ist nicht ausgeschlossen. Ökonomen schätzen, dass ein unkontrolliertes Auseinanderbrechen der Währungsunion die griechische Wirtschaft um 13 Prozent in die Tiefe reißen würde, und Deutschland um sieben Prozent. Nach einem solchen Einbruch wäre die Vorhersage des IWF ohne Wert.

Das zeigt das Dilemma aller Punktprognosen im Verlauf von Schuldenkrisen: In Zeiten großer Ungewissheit über den politischen Kurs sind sie nahezu nutzlos. "It's politics, stupid" ließe sich in Abwandlung eines Slogans sagen, mit dem Bill Clinton 1992 die US-Präsidentschaftswahlen gewann: "It's the economy, stupid", schrieb ihm damals sein Stratege James Carville auf. Heute bestimmt nicht die Wirtschaft die Politik. Heute ist es umgekehrt.

Oder, wie Joachim Fels, der Chefvolkswirt von Morgan Stanley, glaubt: Die erhöhte politische Unsicherheit der Industrieländer und die zähe Suche vieler Schwellenländer nach einem neuen Wachstumsmotor belasten die globale Konjunktur. Die Weltwirtschaft sei "im Zwielicht versunken", in einer neblig-grauen Zone. "Es ist unklar, ob es die Dämmerung ist zwischen anbrechendem Tag und Sonnenaufgang oder die Dämmerung zwischen Sonnenuntergang und Nacht."

Zwielicht, Tag oder Nacht? Auch Fels weiß nicht, was uns im kommenden Jahr erwartet. Also macht er nicht eine Prognose, sondern drei. Am wahrscheinlichsten sei es, dass die Weltwirtschaft im Halbdunkel bleibt und gerade noch um drei Prozent wächst, so viel wie dieses Jahr und deutlich weniger als im langfristigen Durchschnitt (3,7 Prozent). Das setzt voraus, dass die USA die Haushaltsklippe umschiffen und deutlich weniger sparen wird, dass die EZB ihren Leitzins bald senkt und im ersten Quartal 2013 spanische Staatsanleihen kauft, um die Renditen zu drücken. Banken- und Fiskalunion machen kleine Fortschritte, Griechenland bleibt im Euro.

Die Politiker müssen sich einen Ruck geben

Wenn das nicht klappt, dann wird es Nacht: Sollten die USA die Fiskalklippe nicht überwinden, die EZB weder die Zinsen kappen noch erfolgreich Anleihen kriselnder Euro-Staaten aufkaufen, dann droht auf beiden Seiten des Atlantiks eine Rezession. Die angeschlagenen Länder der Währungsunion müssen dann noch mehr sparen, um die gesetzten Haushaltsziele zu erreichen, was die Talfahrt nur beschleunigt. In der Euro-Zone dürfte die Wirtschaft dann 2013 um 1,4 Prozent schrumpfen, weltweit um zwei Prozent wachsen.

Aber auch für Konjunkturszenarien gilt: je schwärzer die Nacht, desto schöner der Tag. Fällt das Grauen aus und halten die Politiker Kurs auf Wachstum, dann könne die Weltwirtschaft 2013 um stolze vier Prozent zulegen, rechnet Morgan Stanley vor. Dazu müssten Republikaner und Demokraten sämtliche automatischen Ausgabenkürzungen und Steuererhöhungen stoppen und sich auf einen moderaten Konsolidierungskurs verpflichten. Gleichzeitig verständigen sich die europäischen Regierungschefs auf eine Bankenunion und ebnen den Weg Richtung Fiskalunion; die EZB hilft mit ermäßigten Zinsen; vor allem sie kauft im großen Stile Schuldpapiere wankender Euro-Staaten, damit diese sich günstig finanzieren können. Dann könnte die Euro-Zone 2013 eine Rezession knapp vermeiden, 2014 würde die Wirtschaft wieder deutlich wachsen.

Doch so weit ist es (noch) nicht. Die kommenden Monate dürften eher der Nacht gleichen als dem Tag. Nur wenn sich die Politiker einen Ruck geben, dann wird es endlich Tag.