17. Mai 2010, 21:39 Krankenhaus-Pauschalen Von der Chaosreform zum Exportschlager

Erst war das Abrechnungssystem der deutschen Kliniken umstritten. Inzwischen ist es weltweit ein Erfolg. China, Zypern und die Schweiz wollen das Modell einführen.

Von Guido Bohsem

Der Patient schien in größter Gefahr. Mediziner, Schwestern und Pfleger würden künftig nur noch von Bett zu Bett hetzen und keine Zeit mehr haben für individuelle Sorgen, befürchtete die Ärzteschaft. Schlimmer noch, Kranke würden mit blutigen Wunden aus der Klinik entlassen. Alarm schlugen auch die Krankenhausverbände und warnten vor einer Chaosreform. Grund der Aufregung: Die Einführung der neuen Fallpauschalen (DRG). Künftig sollten die Kliniken nicht mehr die Verweildauer des Patienten in Rechnung stellen, sondern einen festen Betrag pro Krankheit.

Ärzte und OP-Schwestern in der Berliner Charité: Das deutsche Fallpauschalen-Modell findet weltweit Interesse.

(Foto: Foto: AP)

Das war 1999. Knapp zehn Jahre später pilgern Gesundheitsexperten und Politiker aus aller Welt nach Deutschland, um sich die DRGs anzuschauen. Heimlich, still und leise hat sich das deutsche Abrechnungsverfahren zum globalen Standard gemausert. Die hierzulande als Medizin-Paradies geltende Schweiz hat das deutsche System bereits gekauft. China unterzeichnete kürzlich einen Vorvertrag. In Zypern wird ernsthaft darüber nachgedacht, das dortige Krankenhauswesen von den deutschen DRG-Experten ummodeln zu lassen. Gesundheitsfachleute aus Luxemburg, Irland und auch aus Großbritannien studieren die German-DRGs, wie das System im internationalen Medizin-Jargon heißt.

Ja, sogar im Mutterland der Fallpauschale, den USA, wird aufmerksam registriert, wie die Deutschen das Modell mit typischer Detailversessenheit immer weiter ausbauen. "Wir haben Anfragen aus mehr als 25 Nationen, von den ärmsten bis zu den reichsten Ländern ist alles dabei", bilanziert Frank Heimig, der oberste Verwalter der Fallpauschalen, der Chef des Instituts für das Entgeltsystem im Krankenhaus (InEK).

Auch die Kritik im eigenen Land ist weitgehend verstummt. Sogar die Unikliniken, ehemals die härtesten Gegner, loben das System. Die Einführung der DRGs ist eine der raren Erfolgsgeschichten im ansonsten heftig gescholtenen deutschen Gesundheitswesen. Ein Verkaufsschlager, wie er so oft aus Deutschland kommt: zweckmäßig, hochkomplex, bis ins kleinste Detail ausgetüftelt und ein bisschen unsexy.

1137 Fallpauschalen

Was DRGs angeht, war Deutschland vor zehn Jahren noch absolutes Entwicklungsland. 1984 in den USA erstmals eingeführt, wurde das System zwar von hiesigen Gesundheitsökonomen ausgiebig diskutiert, in der Praxis aber spielte es keine Rolle. "Wir haben zwanzig Jahre lang gepennt", bilanziert der Abteilungsleiter im Bundesgesundheitsministerium, Franz Knieps. Das hatte gravierende Konsequenzen: Obwohl die Krankenhäuser den größten Kostenblock im deutschen Gesundheitswesen ausmachen, konnte keiner sagen, wie sich diese Ausgaben genau zusammensetzen.

Wie teuer ist eine Blinddarmoperation im Schnitt? Niemand wusste es genau. In welcher Abteilung wirtschaftlich gearbeitet wurde und wo verschwenderisch, blieb auch den Managern der Krankenhäuser weitgehend verborgen. Was jeder Mittelständler wissen muss, nämlich die Kosten seines Produkts, war den Krankenhäusern nicht klar. "Jetzt wissen wir, wovon wir reden", sagt Knieps, "die DRGs haben das radikal geändert".

Um nicht bei null anzufangen, übernahmen die Deutschen das australische DRG-System, gegen eine geringe Servicegebühr und die Auflage, es fünf Jahre nicht zu verkaufen. Die Australier hatten 664 Diagnosen aufgelistet, für die es Geld geben würde. Nach Meinung der deutschen DRG-Kritiker viel zu wenig. Deshalb wuchs der Katalog von Jahr zu Jahr. Heute gelten 1137 reguläre Fallpauschalen. Weitere 115 Krankheiten können gesondert abgerechnet werden.

Lesen Sie im zweiten Teil, wie das InEK sein Fachwissen in viele Länder verkauft - und warum die deutschen Patienten davon profitieren könnten.

Weitere dürften hinzukommen, wenn das InEK in dieser Woche den neuen Katalog für 2009 vorstellt. Auch geht es im deutschen DRG-System nicht mehr nur um die Diagnose-Kosten. Inzwischen werden ganze Verfahren berücksichtigt - von der Verpflegung über die Operationskosten bis hin zu dem Arbeitsaufwand der Ärzte, Pfleger und Schwestern. Wenn die fünfjährige Einführungsphase Ende des Jahres ausläuft, sollen die allermeisten der 2100 Krankenhäuser nur noch über DRGs abrechnen.

Schon jetzt werden pro Jahr 15 Millionen Fälle abgewickelt und der größte Teil der 50 Milliarden Euro für die Kliniken über die Fallpauschalen verteilt. Ausgedruckt würde der DRG-Katalog ein Buch mit mehreren tausend Seiten ergeben. Weil sich kein Arzt alles merken kann, übernehmen Computerprogramme, sogenannte Grouper, die Zuordnung.

Kompliziert? Allerdings! Für InEK-Chef Heimig ist gerade das der Schlüssel des Verkaufsschlagers German-DRG. "Es ist diese feine Ausdifferenzierung, die das deutsche System so auszeichnet", sagt er. Das Ausland schätze die typisch deutsche Gründlichkeit, mit der sein Haus die Fallpauschalen entwickele. Heimig leitet das Institut seit seiner Gründung im Jahr 2001. Man könnte den gelernten Krankenhausarzt als Vater des deutschen DRG-Systems bezeichnen.

Das InEK sitzt in Siegburg bei Bonn. Das Städtchen hat 42.000 Einwohner, einen historischen Stadtkern, einmal die Woche ist Markt. Wie mit vielen Exportschlagern der deutschen Wirtschaft ist es mit dem DRG-Katalog. Er wird in der Provinz erarbeitet. Im InEK sind dafür 30 Leute zuständig. Mit dem Institut entstand ein neues Berufsbild: der DRG-Verwaltungsexperte. Und mit dem Erfolg des deutschen DRG-Systems steigt auch der Marktwert der Mitarbeiter.

Kosten gebremst

Denn das InEK verkauft den Schweizern und den Chinesen ja nicht einfach ein Softwarepaket. Es ist die Expertise der Mitarbeiter, die zählt. "Wenn sie zwei Jahre im InEK sind, haben sie ihren Marktwert dauerhaft gehoben", urteilt Heimig. Inzwischen würden seine Leute sogar von Banken und Finanzinstituten umworben.

Eine Hoffnung, die vor allem die Krankenkassen in die DRGs gesetzt hatten, blieb vergebens. Billiger ist das Krankenhaus-System auch seit der Einführung der DRGs nicht geworden. Immerhin: "Die DRGs haben bei der Kostenentwicklung stark auf die Bremse getreten", zeigt sich BMG-Abteilungsleiter Knieps überzeugt. Auch der DRG-Experte des Spitzenverbandes der Gesetzlichen Krankenversicherer, Johannes Wolff, ist überzeugt davon, dass die DRGs die Kliniken effizienter machen. "Jetzt werden die Krankenhäuser belohnt, die wirtschaftlich arbeiten und die bestraft, die es nicht tun." Insgesamt werden die Kassenmitglieder vom Erfolg des DRG-Systems profitieren, ein wenig zumindest.

InEK-Chef Heimig rechnet durch den Verkauf zwar bei weitem nicht mit einem hohen Millionenbetrag, aber die ein oder andere sechs- bis siebenstellige Summe könnte das System schon erreichen und damit den Beitragszahler entlasten.