19. Februar 2013, 05:32 Entschädigungen nach Fukushima-Katastrophe Greenpeace wirft Tepco Versagen vor

Ein Greenpeace-Bericht belegt, dass Tausende Fukushima-Opfer erneut zu Verlierern werden, weil Tepco keine angemessenen Entschädigungen zahlt. Die Aufräumarbeiten nach der Katastrophe kosten Milliarden, ehemalige Zulieferer des Kraftwerksbetreibers könnten dabei erneut profitieren.

Von Markus Balser

Es war ein kalter Morgen, jener 12. März 2011, der das Leben von Yukiko Kameya, 68, auf den Kopf stellte: Erdbeben und Tsunami hatten ihre Heimatstadt Futaba, nur einen Steinwurf vom Atomkraftwerk Fukushima entfernt, erschüttert. "Es gab nach all dem keinerlei Information", erinnert sich Kameya. Möglich, dass etwas Radioaktivität aus dem nahen AKW entwichen sei, ließen sie die Sicherheitsbehörden wissen. Da war die Kernschmelze schon in vollem Gange.

Yukiko Kameya traute der Ruhe nicht und floh. Seit zwei Jahren lebt sie nun mit ihrem Mann Namie in einem Vorort Tokios in einer vorläufigen Behausung - und weiß kaum noch, wie es weitergehen soll. Zurück kann Familie Kameya nicht. Vorwärts aber geht es auch nicht. Für einen Neuanfang fehlt das Geld. Denn der Atomkonzern Tepco zahlte bislang einen Entschädigungsvorschuss von 12.000 Euro - zu wenig für ein neues Leben.

So wie den Kameyas geht es laut einer Greenpeace-Studie, die an diesem Dienstag in Tokio veröffentlicht wird und der Süddeutschen Zeitung vorliegt, vielen der 160.000 Evakuierten aus Japans Katastrophenregion um Fukushima. Es gebe massive Verzögerungen bei Entschädigungen, kritisiert die Umweltorganisation. Den Flüchtlingen aus der Region würden teilweise kaum akzeptable und viel zu niedrige Angebote gemacht. Für Schäden und Verluste sei noch keine einzige finale Zahlung erfolgt. Bislang gebe es neben monatlichen Transfers, etwa für die Miete von Ersatzunterkünften, nur geringe Vorschüsse, die von Tepco auch noch zurückgefordert werden könnten.

Der brisante Bericht führt zahlreiche Beispiele der bislang kaum dokumentierten wirtschaftlichen Folgen für die früheren Bewohner auf. So habe der für die Entschädigungen verantwortliche Betreiber Tepco das 180 Jahre alte und 300 Quadratmeter große Haus einer evakuierten Frau aus Okuma in der Präfektur Fukushima auf 5900 Euro geschätzt - nur einen Bruchteil des Werts vor der Katastrophe. Die Betroffenen wollten dagegen vorgehen, dass lediglich der mit der Katastrophe drastisch gesunkene Verkehrswert der Immobilie gezahlt wird, und versuchten, den früheren Wert des Hauses von Immobilienexperten schätzen zu lassen. Doch die wagten sich dem Bericht zufolge nicht in das Sperrgebiet um den Katastrophenreaktor.

Solche Fälle seien weit verbreitet, so die Studie weiter. Tausende Evakuierte hätten für ihre Immobilien in der Katastrophenregion Kredite aufnehmen müssen und zahlten nun wertlose Häuser ab. "Das wird eine Klagewelle nach sich ziehen", sagt der Anwalt Yasushi Tadano. Er geht seit Dezember 2012 mit einer Sammelklage gegen Tepco vor. Die bislang in Aussicht gestellten Entschädigungen seien für die meisten Opfer nicht akzeptabel.

Angesichts des Streits fordern Umweltschützer nun ein weltweites Umdenken bei der Haftung für Atomunfälle. Es dürfe für Unternehmen keine Grenze für Entschädigungen bei Katastrophen mehr geben, so der deutsche Greenpeace-Experte Tobias Riedl. Auch Zulieferer der Anlagen müssten zur Rechenschaft gezogen werden. Die Atomkatastrophe in Japan zeige, dass die Nuklearindustrie davor geschützt werde, die wahren Kosten der Technik zu tragen. In Japan hafte der Steuerzahler für Tepco. Es gebe für die Betroffenen keine Möglichkeiten, gegen Tepco-Manager oder Zulieferer wie den US-Konzern General Electric (GE) vorzugehen.

Dabei geht es um kaum vorstellbare Summen. Der Fukushima-Betreiber Tepco hatte die Kosten für die Aufräumarbeiten und Entschädigungen nach der Atomkatastrophe selbst auf umgerechnet 97 Milliarden Euro geschätzt. Die Dekontaminierung verstrahlter Gebiete und die Entschädigung derer, die durch das Unglück ihre Arbeitsplätze oder ihr Zuhause verloren haben, werde voraussichtlich das Doppelte der im April veranschlagten Summe kosten, erklärte Tepco Ende 2012. Das wären rund zwei Prozent des japanischen Bruttoinlandsprodukts.

Für Tausende aus der Katastrophenregion bleibt die Rückkehr auf lange Sicht versperrt: Eine Fläche von 30.000 Quadratkilometern ist auf Jahrzehnte hinaus verstrahlt. Während die Allgemeinheit für die Kosten aufkäme, seien die Ausrüster des Kraftwerks nicht nur vor Regressforderungen geschützt, klagt Greenpeace. Die Atomfirmen verdienten auch noch an den Folgen des Unfalls. Die japanische Regierung hat bereits 25 Milliarden Euro in die de facto verstaatlichte Stromfirma Tepco gesteckt, die als Monopolist den Großraum Tokio versorgt. Für Entschädigungen und Dekontamination hatte sie schon früher 50 Milliarden Euro bereitgestellt. Dagegen könnten Firmen wie GE, Toshiba oder Hitachi, die wichtige Vertragspartner von Fukushima gewesen seien, weitermachen wie bisher, so das Papier. Die Zulieferer könnten im Gegenteil sogar von der Katastrophe profitieren und seien in die Aufräumarbeiten eingebunden.

Dass sich ein ganzes Heer von Mitarbeitern um die Entschädigungen kümmert, macht die Sache für die Betroffenen offenbar nicht leichter. 12.000 sind es bei Tepco. Yukiko Kameya hat ihre Erfahrungen gemacht mit der Entschädigungsbürokratie der Atomfirma. Rechnungen für Benzin und neue Kleidung auf der Flucht habe der Konzern sehen wollen. "Wenn Sie um Ihr Leben gerannt wären, hätten Sie das aufgehoben?", fragte Kameya den Tepco-Beschäftigten. Die Antwort? Schweigen.