7. Februar 2013 10:41 Buch von Facebook-Managerin Sandberg Ran an den Tisch!

Von Varinia Bernau

Auch sie saß schon heulend im Büro. Facebook-Managerin Sheryl Sandberg hat es trotzdem weit gebracht - und kennt sich in politischen Machtzirkeln und in obersten Konzernetagen aus. In ihrem Buch erzählt sie nun, wie schwierig diese Karriere ist. Und wie es Frauen besser machen können.

Das Selbstbewusstsein ihres Bruders machte sie schon damals stutzig. So manches Mal hatte er das Seminar im College geschwänzt, von den zwölf besprochenen Büchern hatte er gerade einmal in eines geschaut. Er war das Gegenteil, so erinnert sich Sheryl Sandberg, von ihrer fleißigen Freundin, die den Kurs kein einziges Mal verpasst und alle Bücher gelesen hatte; manche sogar im Original. Aber nach der Klausur, da haderte sie doch mit sich, ob sie das mit der Hegelschen Dialektik gut genug auf den Punkt gebracht hatte. Ihr Bruder hingegen war sich sicher, dass er die beste Note bekommen wird.

Sheryl Sandberg hat diese Anekdote vor etwas mehr als zwei Jahren auf einer Konferenz in Washington erzählt. Sie wollte dem weiblichen Publikum deutlich machen, warum es Männer in der Wirtschaft so viel weiter bringen. Weil sie, wenn man sie fragt, warum sie einen guten Job gemacht haben, antworten: "Ich bin eben ein toller Kerl." So als sei dies die logischste Sache der Welt. Die Frauen aber, die würden sagen, dass ihnen jemand geholfen habe, dass sie Glück gehabt hätten, dass sie hart gearbeitet hätten.

Ein gewisser Mark Zuckerberg

Sandberg, 43, hat es selbst ziemlich weit gebracht. Sie war noch nicht einmal 30 Jahre alt, als Larry Summers sie unter der Regierung des Demokraten Bill Clinton zur Stabschefin seines Finanzministeriums in Washington machte. Später zog es sie zu einem damals noch kleinen Startup namens Google ins Silicon Valley. Irgendwann hatte sie das Gefühl, dass ihre dortige Karriere ins Stocken geriet, da kam ihr das Angebot eines gewissen Mark Zuckerberg ganz gelegen: Er suchte für sein Startup Facebook eine erfahrene Managerin, die sich um das Tagesgeschäft kümmern sollte. Sandberg griff zu. Da war sie noch keine 40. Sie ist diejenige, die einem technikverliebten Jungen gezeigt hat, wie aus seiner Idee ein Milliardengeschäft werden kann.

Auch deshalb hören Frauen aufmerksam zu, wenn Sandberg Karrieretipps gibt. Nun hat sie die Gedanken, die sie damals in ihrer Rede in Washington aufgeworfen hat, vertieft. "Lean In: Women, Work, and the Will to Lead", heißt das Buch, das daraus entstanden ist und im März erscheinen soll. Die deutsche Übersetzung folgt im April: "Frauen und der Wille zum Erfolg". Die 240 Seiten sind reich an persönlichen Erlebnissen. Ihr geht es nicht um Teilzeitstellen, Mentorenprogramme und um all das, über das sich Personalabteilungen bereits reichlich Gedanken gemacht haben. Ihr geht es um die Frage, was jeder Einzelne für Gleichberechtigung im Büro tun kann.

"Auch ich habe noch keine einfache Antwort gefunden", räumte Sandberg damals auf der TED Women-Konferenz ein. Aber ein paar Empfehlungen hatten sie damals durchaus: Setzt euch bei wichtigen Besprechungen an die Tische, statt euch mit den Plätzen am Rand zu begnügen, so rief sie ihrem weiblichen Publikum zu. Sucht euch einen Mann, der ein echter Partner ist. Und behaltet den Fuß auf dem Gaspedal. "Niemand kriegt das schicke Eckbüro, wenn er sich bei Besprechungen nicht mit an den Tisch setzt. Und niemand kriegt die Beförderung, wenn er nicht selbst an sich glaubt."

Gewiss, Sheryl Sandberg hat es leichter gehabt als viele andere Frauen: In Florida wuchs sie als Tochter eines Augenarztes und einer Französisch-Lehrerin auf, studierte an der Harvard-Universität Wirtschaft. Mit Larry Summers hat sie einen einflussreichen Mentoren gehabt. Der Ökonom war einer ihrer Professoren in Harvard, später holte er Sandberg als Beraterin nach Washington. Erst zur Weltbank, später ins Regierungsviertel.

Auch deshalb, so heißt es nun in einer ersten Rezension im Wall Street Journal, sei Sandbergs Buch zwar eindrucksvoll, aber als Ratgeber für die allermeisten Frauen schlichtweg ungeeignet. Dass selbst eine erfolgreiche Managerin wie Sandberg schon heulend im Büro saß, dürfte manch einer Frau in schwachen Momenten Trost spenden. In jedem Fall machen persönliche Erlebnisse wie diese deutlich, welch ein Minenfeld die obersten Etagen für Frauen noch immer sind.

Sandberg ist niemand, der anderen den Weg vorschreibt. Dass es für Frauen schwerer als für Männer ist, sich zwischen persönlicher Erfüllung und beruflichem Erfolg zu entscheiden, hält sie jedoch für ein gravierendes Problem. Auch sie, so gestand sie damals, als sie im taillierten schwarzen Kleid auf der Bühne in Washington stand, fühle sich manchmal schuldig, wenn ihre kleine Tochter sie zum Abschied umarmt und fleht, sie möge nicht ins Flugzeug steigen und auf einer Dienstreise verschwinden. Wenn sich eine Frau für eine Karriere entscheidet, dann müsse sie mit solchen Situationen zurecht kommen.

"Verabschiedet euch nicht, ehe ihr euch wirklich verabschiedet"

Aber sie dürfe sich eben nicht dahinter verstecken. Sie dürfe nicht hinter ihren männlichen Kollegen zurückstecken, nur weil sie mit dem Gedanken spielt, irgendwann vielleicht einmal Kinder zu haben. "Verabschiedet euch nicht, ehe ihr euch wirklich verabschiedet", appellierte sie bereits auf der TED Konferenz an die Frauen. In ihrem Buch greift sie diesen Gedanken nun wieder auf: Frauen, so schreibt sie, treffen nicht die eine Entscheidung, einen Job zu beenden - so wie die Männer. Sie treffen viele kleine. Sie zögern, zaudern und wundern sich, wenn ein Mann das prestigeträchtigere Projekt übernimmt. Nicht zurücklehnen, sondern nach vorn, das ist ihre Botschaft. Sandberg hat sie gleich in den Titel gepackt.

Ihr Buch empfiehlt sie auch Männern zur Lektüre. Selbst ihr, der so viel an der Gleichberechtigung, passieren manchmal dieselben Fehler wie ihren männlichen Kollegen in den Chefetagen: Bei Facebook, so erzählte sie einmal, hielt sie eine Rede - und versprach am Schluss, auf zwei Fragen zu antworten. Erst danach sagte ihr eine junge Kollegin, dass sie an dem Tag gelernt habe, die Hand oben zu lassen. Denn tatsächlich ließ Sandberg dann doch vier statt zwei Fragen zu. Nur: Da meldeten sich nur noch die Männer. Der Managerin war das gar nicht aufgefallen.