19. Februar 2013 09:30 Arbeitsbedingungen bei Amazon Ausbeutung als Teil des Geschäftserfolgs

Ein Kommentar von Thomas Öchsner

Ein Arbeitgeber wie in frühkapitalistischen Zeiten: Bedingungen wie beim Versandhändler Amazon sind mittlerweile zu einem Symbol für Exzesse im Land des Jobwunders geworden. Dabei hat Leiharbeit gute und schlechte Seiten - und Letztere müssen von der nächsten Regierung bekämpft werden. Ob die Zustände so bleiben, hängt aber von den Kunden ab.

Es sind gespenstische Bilder aus einer Schattenwelt der Arbeit: Die ARD-Reportage "Ausgeliefert - Leiharbeit bei Amazon" zeigt, wie der Versandhändler mit falschen Versprechungen Hilfskräfte aus ganz Europa in die Bundesrepublik gelockt hat, sie 15 Tage lang ohne Ruhetag mies bezahlt schuften lässt und nach Ende ihrer Schicht in heruntergekommene Ferienanlagen pfercht. Dort werden sie von Sicherheitsmännern überwacht, die sich wie Neonazis kleiden.

Weltweit haben die hässlichen Bilder Entsetzen ausgelöst. Wieder geht es dabei um Leiharbeit, wie damals in der Schlecker-Affäre, als die Drogeriekette Verkäuferinnen zuerst entließ, um sie danach als billige Leiharbeiter wieder anzuheuern. Das Vermieten von Arbeitnehmern ist mittlerweile zu einem Symbol für Exzesse im Land des Jobwunders geworden. Trotzdem wäre die Arbeitswelt nicht automatisch besser, wenn man Leiharbeit einfach verbieten würde. Sie hat gute und schlechte Seiten. Nur gibt es von den schlechten zu viele in Deutschland.

Arbeitsleben ist nicht mehr gleich Arbeitsleben. Die große Mehrheit der Beschäftigten hat nach wie vor einen Vollzeitjob, meist tariflich bezahlt und nicht bei einer Leiharbeitsfirma, wenn auch der Anteil solcher normalen Arbeitsverhältnisse schwindet. Zugleich ist das Heer der Minijobber, befristet Angestellten, Teilzeitkräfte und Leiharbeiter gewachsen. Vor gut 20 Jahren wurde die Arbeitskraft von 130.000 Menschen verliehen, heute sind es gut 800.000, etwa zwei Prozent aller Erwerbstätigen.

Anders als bei den Mini- und Teilzeitjobbern, von denen ein großer Teil freiwillig weniger arbeitet, ist kaum einer freiwillig Leiharbeiter. Man wird es, weil sonst nur die Arbeitslosigkeit bleibt. Im schlimmsten Fall landen diese Menschen dann als moderne Arbeitssklaven ganz unten, bei Firmen wie Amazon, die Leiharbeit missbrauchen.

Arbeitskräfte mieten - das sollte Unternehmen ursprünglich helfen, bei Auftragsspitzen leichter Arbeitskräfte auf Zeit einsetzen zu können. Zugleich war es als Brücke für Arbeitslose gedacht, um einen Job zu finden. Was gut gemeint war, ist jedoch teilweise schlecht geraten. Die Brücke ist ein schmaler Steg. Nur einer Minderheit von Leiharbeitern gelingt es, in die Stammbelegschaft aufzurücken.

Außerdem gibt es viele Firmen, die Leiharbeiter ständig einsetzen. Das spart Lohnkosten, und man kann sich von ihnen schnell wieder trennen. Dennoch wirkt sich Leiharbeit unterm Strich positiv aus: Ohne sie gäbe es zwar mehr normale Arbeitsverhältnisse, zugleich aber Hunderttausende Jobsuchende zusätzlich, weil zwei Drittel aller neuen Leiharbeiter vorher nicht beschäftigt waren.

Es kommt also darauf an, die schlechten Seiten dieser Beschäftigungsform zu bekämpfen. Ein Anfang ist gemacht: Seit November erhalten Leiharbeiter in der Metall- und in der Chemieindustrie nach sechs Wochen Zuschläge, wenn sie in ein und demselben Betrieb arbeiten - ein Vorbild für andere Branchen. Das Schlecker-Modell wurde von Arbeitsministerin Ursula von der Leyen verboten. Aber ihr Gesetz gegen den Missbrauch lässt noch zu viele Schlupflöcher für ein Geschäftsgebaren im Stil von Amazon. Die nächste Regierung sollte sie stopfen.

Bei dem US-Konzern ist das Ausbeuten von Menschen allerdings Teil des Geschäftserfolgs. Die Mitarbeiter zahlen den Preis für die Niedrigpreise und den Service, den die Amazon-Kunden so schätzen: Der Versandhändler ist nicht für Tariflöhne bekannt. In einigen Logistikzentren gibt es keinen Betriebsrat. Das Unternehmen behandelt Beschäftigte wie potenzielle Diebe, die es - wie Gäste am Flughafen - täglich kontrolliert. Es hat mit Hilfen der Arbeitsagenturen Arbeitslose mehrmals hintereinander auf Probe und ohne Bezahlung beschäftigt, ohne dass sie - anders als versprochen - eine feste Anstellung bekommen hätten. Hinter Amazon verbirgt sich ein Arbeitgeber, der gut in frühkapitalistische Zeiten gepasst hätte.

Ob das so bleibt, hängt vor allem von den Kunden ab. Deren Macht ist groß: Der Textilhändler Kik führte in Deutschland firmeninterne Mindestlöhne ein, nachdem die miserable Bezahlung von Mitarbeitern und Nähern bekannt geworden war. Schlecker bescherten die negativen Schlagzeilen gewaltige Umsatzeinbußen. Es war der Anfang vom Ende. Amazon wird sich Bilder wie in dem ARD-Film ebenfalls nicht leisten können. Der dubiose Sicherheitsdienst ist bereits gefeuert.

Die Kunden des Online-Händlers können mit einem Klick im Internet abstimmen. Tausende tun es bereits und sagen vorerst: Nein, danke. So ein wohldosierter Käuferstreik hilft beim Nachdenken. Die Chefs können ihre Mitarbeiter ja anständig behandeln und ordentlich bezahlen.