Die Stunde der Entscheidung: Bertelsmann-Eigentümerin Liz Mohn - Milliardenkauf statt Börsengang?
Liz Mohn Foto: dpa
Im vorigen Jahr, als die Bertelsmann AG zur Party in ihrer Berliner Repräsentanz ("Kommandatur") lud, gab es ein schönes Bild. Zwei blonde Frauen standen beinander, und jemand meinte, sie sähen sich so ähnlich. Es waren Liz Mohn aus der Eigentümerfamilie des Medienkonzerns und die Schauspielerin Veronica Ferres (Schtonk!, Die Manns).
Eigentlich sollte Ferres dann in einem Kurzfilm der Bertelsmann-Produktionsfirma Teamworx die oberste Bertelsmann-Frau spielen - zu Ehren von Liz' Mann, dem Hauspatron Reinhard Mohn, der am 19. Juni 85 Jahre alt wird.
Inzwischen hat Ferres abgesagt, das interne Filmprojekt ist trotzdem in Vorbereitung und soll den Werdegang des Unternehmers Mohn würdigen, der aus den Kriegsruinen eines mittelständischen Verlags einen Weltkonzern formte. Der über Hunderte von Buchclubs, über den europäischen TV-Giganten RTL Group sowie weltweite Journale von Gruner + Jahr (G + J) gebietet.
Auch erscheint bald ein neues Buch über die Mohn-Dynastie, diesmal vom Biografen Rüdiger Jungbluth, der über die Quandts, Oetkers und Ikea geschrieben hat. Zwei zuvor über Bertelsmann publizierte, etwas bissige Bücher haben in Gütersloh für Aufregung gesorgt.
In Jungbluths quasi offiziellem Werk wird Liz Mohn eine besondere Rolle spielen - jene Aufsteigerin, die als Telefonistin im Konzern begann und heute nach einem Schlaganfall ihres Mannes die Geschicke lenkt. Sie ist die mächtigste Medienfrau des Landes, und juristisch ist die Familienmacht im Detail geregelt: "In Gütersloh gilt weiter das Reinhards-Gebot", so das Fachblatt Text intern.
Die 64-Jährige muss in diesen Tagen über einen möglichen Rückkauf von 25,1 Prozent der Kapitalanteile der Bertelsmann AG entscheiden, die im Zuge der Übernahme der RTL Group an den belgischen Finanzinvestor Albert Frère und seine Groupe Bruxelles Lambert (GBL) geraten waren. GBL hat das Recht, von Bertelsmann nach dem 22. Mai einen Börsengang zu verlangen - den Liz Mohn aber ablehnt. Sie will ihn verhindern.
Es bliebe ihr nur ein Rück-Erwerb des Aktienpakets, das mehr als vier Milliarden Euro wert ist. Seit Jahren haben sich die Mohns auf diesen worst case vorbereitet, doch ein befreundeter Investor, der die 25,1 Prozent übernimmt, fand sich nicht.
Ein Bankkredit zur Finanzierung der Milliarden käme zu teuer und würde die Unabhängigkeit gefährden. Ein anderes Modell sah vor, dass die Gütersloher in Tranchen den GBL-Anteil kaufen und den Belgiern für den Rest eine Garantiedividende gewähren - doch offenbar will der einstige Stahlhändler Frère partout raus aus der Aktie Bertelsmann und den garantierten "Exit" nutzen.
Zur Finanzierung könnte Liz Mohn auch Konzernteile verkaufen. Im Spiegel wurde ein Papier des Investmenthauses Goldman Sachs publik, wonach Bertelsmann 17,4 Milliarden Euro wert sei, was sich inbesondere auf die RTL-Gruppe und den Dienstleister Arvato gründete.
Auf der jüngsten Bilanzpressekonferenz zählte Vorstandschef Gunter Thielen ungefragt die Buchsparte Random House zum Kernbereich. In den Blickpunkt aber geraten Aktivitäten, an denen Bertelsmann nicht hundert Prozent besitzt: Gruner + Jahr (74,9 Prozent) und die Musikfirma Sony BMG (50 Prozent). Die Musiksparte würde, Spekulationen zufolge, an den Partner Sony fallen. "Ich kann mir das alles gar nicht vorstellen", sagte Thielen zu solchen Verkaufsszenarien.
Am Dienstag weilte Eigentümerin Liz Mohn in Hamburg beim G + J-Blatt Gala - wegen einer Blattkritik. Eine Stunde lang redete sie über die bunte Zeitschrift und über ihren Alltag. Die Chefredaktion, die sie eingeladen hatte, gab ihr das Gala-Lexikon der Lebensart mit. Liz Mohn wiederum lud nach Gütersloh ein.
Dort ist sie die Herrscherin, eine Königin Elisabeth, die sich zusammen mit Tochter Brigitte schon mal in rosa Kostüm zeigt. Das Haus neben ihrer Villa auf dem Familienanwesen steht leer. Manche glauben, es sei ihr Wunsch, dass dort eines Tages wieder ein Vorstandsvorsitzender einziehe.
"Blut ist dicker als Wasser", sagt ein Vertrauter. Ihre Kinder Christoph und Brigitte sollen einmal leitende Funktionen übernehmen. Eine permanente Börsen-Kontrolle mit ausufernden Hauptversammlungen, renitenten Fonds, nervenden Analysten oder aber Einzelausweisen der Vorstandsbezüge von jährlich insgesamt fast 40 Millionen Euro - das alles passt nicht ins System.
Liz Mohn wird erleichtert sein, wenn das Thema Frère erledigt ist. Die Frau, die sich beizeiten für Angela Merkel ausgesprochen hat, schrieb neulich in der Frankfurter Allgemeinen über den Streik im Öffentlichen Dienst. Ihr Fazit: "Eine Streitkultur kostet letztendlich nur Nerven, Zeit und Geld und vergeudet die Kräfte, die für den Erfolg des Gemeinwesens so wichtig sind." Friede sei mit Euch.
(SZ vom 24.3.2006)



Wirtschaft ist witzig