Ein Kommentar von Detlef Esslinger

48 Prozent mehr Lohn für Arbeitnehmer - das gibt's nicht? Gibt es doch: Bei der Lufthansa - allerdings nur in der Chefetage. Nun wollen auch die unteren Lohngruppen ihren Teil abhaben.

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Streik bei der Lufthansa: Gewerkschaft unter Druck. Foto: dpa

48 Prozent also. Wer bisher dachte, den Rekord in Maßlosigkeit bereits im vergangenen Jahr erlebt zu haben, der darf sich nun mit einer anderen Größenordnung vertraut machen. 2007 - dies war das Jahr der Lokführer; ihre Lohnrunde, dies war der Tarifkonflikt, der so schnell nicht vergessen wird. Ein Grund dafür war, dass sie eine Forderung in einer Höhe stellten, die sich zuvor kaum einer getraut hatte: 21 Prozent mehr Gehalt verlangten sie.

Und nun die Lufthansa. 48 Prozent mehr für Arbeitnehmer, geht das? Es geht nicht nur, es ist schon so. Um exakt diesen Prozentsatz sind die Einkommen dort gestiegen - allerdings nicht die aller Beschäftigten, sondern nur die von Vorstandschef Wolfgang Mayrhuber und seiner beiden Kollegen.

Das ist zugegebenermaßen ein etwas polemischer Vergleich, hart an der Grenze zur Aufwiegelei. Aber er hilft doch zu verstehen, warum die Auseinandersetzung in dem Unternehmen nun so erbittert geführt wird, warum es zum ersten Mal seit einem Vierteljahrhundert dort einen unbefristeten Streik von Kabinen- und Bodenpersonal gibt - von Beschäftigten, die sich normalerweise so sehr mit ihrem Unternehmen identifizieren, dass sie sich selbst gern als "Lufthanseaten und Lufthanseatinnen" bezeichnen.

Aus drei Quellen wird der Konflikt gespeist. Erstens hat es das Unternehmen mit einer Gewerkschaft zu tun, die unter immensem Druck steht. Zweitens fällt die Auseinandersetzung in eine äußerst schwierige Zeit, nämlich in einen Moment, der allgemein als die Phase zwischen Aufschwung und befürchtetem Abschwung erachtet wird. Und drittens tun sich die Konzernlenker, wie so oft, schwer damit, das ihnen anvertraute Unternehmen wirklich als das zu begreifen, was es doch ist: eine Leistungsgemeinschaft aller, vom Oberflächenbeschichter bis zum Vorstandschef.

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Angriff von vielen Seiten

Verdi fordert eine Gehaltserhöhung von 9,8 Prozent; dies ist nicht nur die höchste Forderung, die eine Gewerkschaft in diesem Jahr bisher erhoben hat. Wahrscheinlich wird sie auch niemand mehr überbieten. Selbst die IG Metall, die immer relativ hohe Abschlüsse erzielt, dürfte eine etwas geringere Forderung erheben, wenn sie im Herbst in ihre Tarifrunde zieht. Die Forderung von Verdi ist deshalb so hoch, weil sie sich an ein Unternehmen richtet, das zwei Jahre hintereinander Rekordgewinne verzeichnet hat. 2007 betrug das Ergebnis 1,7 Milliarden Euro, nach Steuern.

Und sie ist so hoch, weil Verdi hier auch stellvertretend für andere DGB-Gewerkschaften kämpft. Verdi muss beweisen, dass auch eine Großorganisation fähig ist, hohe Zuwächse zu erzielen, dass der Verbund von Mechanikern und Sachbearbeitern, von Köchen und Flugbegleitern doch noch zu effektiver Interessenwahrnehmung in der Lage ist.

In den vergangenen Jahren sind die nach Branchen organisierten DGB-Gewerkschaften von kleinen Berufsgewerkschaften angegriffen worden, die meinen, die Interessen einzelner Berufsgruppen besser vertreten zu können. Die Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer (GDL) ist das spektakulärste Beispiel dafür; Verdi wird in der Gesundheitsbranche von der Ärzte-Vertretung Marburger Bund herausgefordert, und in der Luftfahrt gleich von zwei Organisationen: der Pilotenvereinigung "Cockpit" sowie der "Unabhängigen Flugbegleiter-Organisation" (Ufo).

Letztere wird zum Jahresende um mehr Geld kämpfen, und sie fordert nicht 9,8, sondern 15 Prozent. Schönen Gruß übrigens von Manfred Schell, dem mittlerweile im Ruhestand befindlichen ehemaligen Vormann der GDL. Er sagt zu dieser noch bevorstehenden Auseinandersetzung: "Wenn Ufo sich genauso sehr auf ihre Mitglieder verlassen kann wie wir, lohnt es sich, einen langen Atem zu haben."

Geringe Quote

Mag sein, dass der Ex-Haudegen da irrt. Bei der GDL waren drei von vier Lokführern der Bahn organisiert; eine Quote, die Ufo bei den Flugbegleitern längst nicht erreicht. Dementsprechend geringer ist das Druckpotential. Bei der Lufthansa kann solcher Druck nur Aussicht auf Erfolg haben, wenn ihn am einen Tag diese und am nächsten Tag jene Berufsgruppe ausübt. Der Vorstand muss abwägen, was er für schlimmer hält: einer Großgewerkschaft nun einen Verhandlungserfolg zu ermöglichen oder aber auf lange Sicht in Kauf zu nehmen, dass sich mehr und mehr Beschäftigte den kleinen Berufsgewerkschaften zuwenden - und dann permanent in Tarifverhandlungen zu stecken.

Was aber nicht funktionieren wird, ist der Versuch, die Beschäftigten ausgerechnet in dem Moment auf eine nachlassende Konjunktur einzuschwören, in dem man selbst ein Plus von 48 Prozent kassiert. Das wird auch nicht dadurch aussichtsreicher, dass der Vorstandschef Mayrhuber den Mitarbeitern schreibt, das liege am variablen Anteil der Bezüge, der wiederum vom operativen Ergebnis abhänge. Könnte es vielleicht sein, dass zu den vielen Faktoren, die das operative Ergebnis einer Firma bestimmen, auch die Gehaltskosten zählen? "Das Gehalt der Führungsspitze ist nicht unser Kernproblem", schreibt Mayrhuber tatsächlich noch. Interessante These. Er käme vielleicht billiger davon, ginge er selbst nicht mit so hübsch gefüllten Taschen voran.

Lufthansa

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(SZ vom 30.07.2008/tob)