Von Hans-Jürgen Jakobs

T-Online hat viel Geld und hohe Ziele — ein Thema ist die Übernahme von America Online.

(SZ vom 13.11.2003) — Es war ein Duell, das über Jahre hinweg die Freunde des Internets elektrisierte. Die Deutsche Telekom aus Bonn mit ihrer Tochter T-Online gegen den Eroberer aus den fernen Vereinigten Staaten, der den ambitionierten Namen America Online (AOL) trug.

Die Kontrahenten kämpften mit allen Mitteln um die Märkte in Europa – Gerichtsprozesse, Kampfpreise und PR-Kampagnen inbegriffen. Für zusätzlichen Reiz sorgte, dass der Medienkonzern Bertelsmann, angetrieben vom damaligen Vorstandschef Thomas Middelhoff, mit den Amerikanern bei AOL Europe gemeinsame Sache machte.

Heute ist alles anders. Seit dem Frühjahr 2000 sind die Bertelsmänner nicht mehr dabei und Manager Middelhoff ist Partner bei der Kapitalgesellschaft Investcorp in London.

Der Finanzprofi sucht Anlagechancen in aller Welt und hat insbesondere nach Amerika gute Kontakte, wo er im Aufsichtsrat der New York Times sitzt; aus den Deals der Neunziger Jahre kennt er auch viele im Konzern von Time Warner, der AOL vor fast vier Jahren euphorisch gekauft hat und nun mit dem Online-Wesen hadert.

Die Time-Warner-Leute haben die Buchstaben AOL bereits aus dem Firmennamen getilgt – und denken offenbar an einen weitreichenden Verkauf von Anteilen der Firma. Der wohl heißeste Kandidat ist nach Informationen der SZ eben diese T-Online AG aus Darmstadt, die sich seit langem eine internationale Expansion verordnet hat, bei der sie aber längst nicht alle Ziele erreicht hat.

Ein Modell sieht vor, dass die Deutschen 70 Prozent der Aktien von AOL übernehmen und 30 Prozent bei Time Warner bleiben – ein Pakt, der die Medienszene aufwühlen würde. Und der, käme er zustande, auch auf den Vermittlungskünsten von Middelhoff beruhen würde.

Kaufpreis: eine Milliarde Dollar — vielleicht

Es soll der ehemalige Bertelsmann-Chef und jetzige Investmentbanker sein, der eine Annäherung zwischen T-Online und Time Warner gefördert hat. Nach Informationen aus dem Umfeld von T-Online soll es bereits zu einem Treffen zwischen dem Time-Warner-Chef Richard Parsons und dem T-Online-Vorstandschef Thomas Holtrop gekommen sein.

Die Näherungswerte: erheblich. Als Kaufpreis ist dem Vernehmen nach eine Summe von mehr als einer Milliarde Dollar vorbesprochen. Das ist weit entfernt von den einst astronomisch hohen Bewertungen der einst von Middelhoff-Freund Steve Case gepuschten Firma.

Im Scheitelpunkt kaufte AOL den Time Warner-Konzern für 112 Milliarden Dollar. Zuletzt verlor der Dienst aber Kunden. Derzeitiger Abonnentenstand: knapp 25 Millionen.

Der Manhattan Transfer wäre für Holtrop und seine Mannen leicht bezahlbar. Auf den eigenen Konten liegen noch rund vier Milliarden Euro. Das Kapital braucht ein Ziel, damit die börsennotierte T-Online die geplanten ehrgeizigen Wachstumsziele einhält.

Middelhoff war für eine Stellungnahme nicht zu erreichen. Ein Sprecher von T-Online wollte Spekulationen rund um AOL nicht kommentieren: „Jedes Quartal wird die Frage gestellt: Was macht Ihr mit Eurem Geld?“

Grundsätzlich gehe es intern um zwei Säulen bei der Strategie: Einmal um „anorganisches Wachstum“, also Zulegen durch Zukauf, andererseits um Abwarten der Konsolidierungstendenzen: Da scheide der ein oder andere wohl von alleine aus dem Markt aus.

Ein Deal mit AOL hätte für die Deutschen den besonderen Charme, dass ihnen auf einmal das amerikanische Terrain offen stünde. Dabei spielen Kooperationsmöglichkeiten mit T-Mobile eine große Rolle, der Schwester im Reich der Deutschen Telekom. Die beiden T-Firmen arbeiten bei „T-Zones“ zusammen, dem Verbreiten bunter Inhalte auf Handys. Hier liefert T-Online Inhalte – was bei den angeschobenen US-Investitionen von T-Mobile wichtig sein könnte.

Endgültige Entscheidung steht noch aus

Das Projekt AOL läuft unter größter Geheimhaltung. Eine endgültige Entscheidung von Online-Chef Holtrop steht noch aus. Es gibt auch Risiken – vor allem kartellrechtliche Prüfungen. In Deutschland etwa hat AOL gegen die T-Männer nie entscheidend Boden gut gemacht. Aus Konzernsicht müsste bei einer Verschmelzung AOL Deutschland, das zuletzt erheblich sparen musste, eigentlich vom Markt verschwinden.

Am Dienstag hat Holtrop erstmals einen Quartalsgewinn ausgewiesen. T-Online hat nunmehr 12,9 Millionen Kunden – fast neun Prozent mehr als im Vorjahr. Vier Fünftel leben allerdings in Deutschland, Zeit also für einen kühnen Sprung. Ja, T-Online schaue sich um, sagt Holtrop – und es werde wirklich nicht mehr „Jahre dauern“, bis er etwas zu verkünden habe.

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