Wirtschaftsnobelpreis für Angus Deaton Entschiedener Gegner von Entwicklungshilfe

Der gebürtige Schotte Angus Deaton erhält den Wirtschaftsnobelpreis. Seine Themen sind gerade vor dem Hintergrund der Flüchtlingskrise relevant.

Wieder geht ein Wirtschaftsnobelpreis in die USA. Doch anders als in vielen Jahren zuvor erhält ihn dieses Mal nicht ein Vertreter der "Chicagoer Schule", also einer der Ökonomen an der University of Chicago, sondern Angus Deaton. Der 69-jährige lehrt an der Universität Princeton. Er gilt als einer der führenden Mikroökonomen - das sind jene Vertreter der Wirtschaftswissenschaften, die sich mit den wirtschaftlichen Entscheidungen der Menschen befassen und dann vom Kleinen auf das große Ganze schließen wollen.

Spezialisiert hat er sich auf Themen wie Armut und Ungleichheit. Sein berühmtestes Buch heißt dann auch "The Great Escape" - darin geht es um Gesundheit, Wohlstand und die Ursachen von Ungleichheit. Es ist eines dieser typischen Bücher von US-Ökonomen, in denen versucht wird, ökonomische Themen aus der Geschichte heraus allgemeinverständlich zu erklären. So macht es auch Deaton, der in seinem Werk die Entwicklung von Ungleichheit aufzeigt.

Tanz zwischen Fortschritt und Ungleichheit

Wo es Fortschritt gebe, entstehe zwangsläufig auch Ungleichheit, sagt Deaton. Die einen könnten Chancen nutzen und auch dorthin ziehen oder "fliehen", wo es sie gebe, die anderen blieben daheim.

Er schreibt dabei von einem "endlosen Tanz zwischen Fortschritt und Ungleichheit". Zuweilen sei Ungleichheit hilfreich, weil sie neue Wege aufzeige und Anreize berge, die Differenzen zu verkleinern. Problematisch sei es aber, wenn jene, die die neuen Wege beschritten hätten, die "Fluchtrouten" hinter sich kappten, um die eigene Position zu sichern.

Deaton gilt als scharfer Kritiker von Entwicklungshilfe. Daher werden seine Thesen bei Hilfsorganisationen kontrovers diskutiert. Er sagt: Nicht Geldmangel sei das Problem, sondern die sinnvolle Verwendung von Geld. Es sei verheerend, wenn etwa die Unterstützung für ein Land nur für den Kauf von Waffen verwendet werde. Entwicklungshilfe mache Regierungen auf gefährliche Weise unabhängig von ihren Wählern - die Staaten bekämen Geld, ohne darüber Rechenschaft ablegen zu müssen. Wo indes eine Regierung auf das Geld ihrer Bürger angewiesen sei, müsse es eine Art Übereinkunft zwischen Staat und Steuerzahlern geben. Erst sie ermögliche Wirtschaftswachstum.

Seine Denkanstöße sind gerade vor dem Hintergrund der Flüchtlingskrise relevant: Denn den europäischen Staaten ist noch immer nicht klar, wie die Situation in den Herkunftsländern der Flüchtlinge verbessert werden kann.

Deaton pocht gar auf ein neues Mandat für die Weltbank: Sie müsse aufhören, Geld zu verleihen. Vielmehr solle sie ihr reichlich vorhandenes Wissen für Beratung nutzen. Die Weltbank, so schlug er es in einem Vortrag in London vor, könnte eine Art McKinsey für Entwicklungsländer werden.

Kein echter Nobelpreis

Der Alfred-Nobel-Gedächtnispreis für Wirtschaftswissenschaften, wie er eigentlich heißt, wird seit 1969 für herausragende Leistungen in der Ökonomik verliehen. Die Ökonomik liefert das methodische Instrumentarium, um zu verstehen, wie Wirtschaft funktioniert.

Der Wirtschaftsnobelpreis gilt als höchste Auszeichnung für Wissenschaftler auf diesem Gebiet. Obwohl er jährlich gemeinsam mit den anderen Nobelpreisen verliehen und ebenfalls mit einem Preisgeld von etwa einer Million Dollar bedacht wird, handelt es sich nicht um einen echten Nobelpreis - Alfred Nobel hatte nie im Sinn, Ökonomen zu ehren. Eine offizielle deutsche Bezeichnung gibt es nicht. Die schwedische Reichsbank stiftete den Preis 1968 anlässlich ihres 300-jährigen Bestehens zu Ehren Alfred Nobels. Die Schwedische Akademie der Wissenschaften wählt die Preisträger aus, allerdings nicht deren Nobel-Komitee.

In den Sozialwissenschaften ist der Preis umstritten: Die öffentliche Wahrnehmung als "Wirtschaftsnobelpreis" erhebe die Ökonomik in den Status einer Naturwissenschaft in einer Reihe mir der Physik oder der Chemie, bemängeln Kritiker. In der Soziologie und Psychologie gibt es keine vergleichbaren Auszeichnungen. Der viel beachtete Preis ist einer der Gründe, warum die Ökonomik die einflussreichste Sozialwissenschaft ist - und gerade der große politische Einfluss wird häufig kritisiert. Immer wieder nutzen Preisträger ihre neu gewonnene Prominenz, um ihren Einfluss auszubauen. Beispiele hierfür sind der libertäre Ökonom Milton Friedman oder der Keynesianer Paul Krugman.

Bisher nur ein deutscher Preisträger

In 46 Jahren ging der Preis 23 Mal an einen Wissenschaftler allein; die Politikwissenschaftlerin Elinor Ostrom erhielt ihn 2009 als erste und bislang einzige Frau (musste sich den Preis aber mit einem Mann teilen). Der jüngste Preisträger war 1972 der US-Amerikaner Kenneth Arrow im Alter von 51 Jahren, damals gemeinsam mit John Hicks ausgezeichnet für seine Beschreibung wirtschaftlicher Gleichgewichte und die Einführung komplexer mathematischer Methoden in der Ökonomik. Im vergangenen Jahr bekam der eher unbekannte französische Industrieökonom Jean Tirole als erster Nichtamerikaner seit sechs Jahren den Preis. Generell profitieren besonders US-Ökonomen von der Auszeichnung. Einziger deutscher Preisträger bislang war der Spieltheoretiker Reinhard Selten (1994, mit John Nash und John Harsanyi).

Als im vergangenen Jahr Angus Deaton noch leer ausgegangen war, soll seine Frau ihm gemailt haben: "Wir sind frei", weiß die FAZ. Mit der Freiheit ist es nun vorbei.