36 000-Prozent-Steigerung von Cynk-Aktienkurs Spekulanten machen Briefkastenfirma zum Milliardenunternehmen

Innerhalb weniger Tage steigt der Wert der unbekannten Tech-Firma Cynk um 36 000 Prozent - obwohl das Unternehmen keine Umsätze macht und nur einen Mitarbeiter hat. Wie konnte das passieren?

Von Johannes Kuhn, San Francisco

Keine Mitarbeiter, keine Umsätze, kein Vermögen - und auf dem Papier trotzdem fast vier Milliarden Dollar wert. Das Phantomunternehmen Cynk ist das Rätsel der Stunde.

Bis zu dieser Woche kannten nicht einmal Insider die Firma, geschweige denn ihr Produkt: IntroBiz, eine verwaiste Webseite, die behauptet, gegen Geld Kontakt zu Prominenten und Geschäftsleuten zu vermitteln. Wer sich registrieren möchte, findet statt der Allgemeinen Geschäftsbedingungen nur Blindtext.

Bis Mitte Juni war Cynk noch ein sogenannter Pennystock, eine Aktie kostete sechs US-Cent. Doch dann stieg der Preis des Papiers. Auf zwei Dollar, vier Dollar - und in den vergangenen Tagen auf über zwölf, am Donnerstag zwischenzeitlich sogar auf mehr als 21 Dollar, eine Steigerung von 36 000 Prozent. Plötzlich war das Unternehmen sechs Milliarden Dollar wert - und Gesprächsstoff für Finanzexperten und Journalisten.

Business Insider, Wall Street Journal, Buzzfeed und andere begannen, die Firma zu durchleuchten. Und fanden heraus, dass es eher eine Pseudo-Firma ist. Ursprünglich 2008 von einem Eventmanager aus Las Vegas gegründet, hat das Unternehmen seither mehrmals den CEO gewechselt - der laut offiziellen Dokumenten als einziger Mitarbeiter auch als Finanzvorstand, Direktor und Chefbuchhalter fungiert. "Es ist mehr oder weniger eine Briefkastenfirma, von der nichts existierte, außer einer Geschäftsidee", erklärte der zuständige Buchprüfer CNBC.

Erst Anfang Juni verkaufte der bisherige Chef Marlon Sanchez, ein Sprecher der Medizintourismus-Kammer im mexikanischen Tijuana, seine Anteile an einen Mann namens Javier Romero. Der ist für die Fischereibehörde in Belize tätig. In dem zentralamerikanischen Staat hat das Unternehmen nun auch seine offizielle Adresse. Offiziell bedeutet in diesem Fall: Die angegebene Zimmernummer in einem Bürokomplex existiert offenbar nicht.

Was bedeutet "sechs Milliarden Dollar wert"?

In der Theorie ist Cynk ein Milliardenunternehmen - in der Praxis jedoch nicht: Der Preis berechnet sich aus dem aktuellen Kurs der 291 Millionen Aktien, die existieren (210 Millionen davon gehören dem Besitzer). Allerdings wird nur ein winziger Teil davon auch wirklich gehandelt, und zwar nicht an der Börse, sondern auf dem freien Markt. Selbst am Donnerstag wechselten nur 385.000 Papiere den Besitzer. Dies erklärt auch, weshalb mögliche Leerverkäufer gerade Probleme haben dürften, an Aktien zu kommen (siehe unten).

Eine schlecht gemachte Webseite, die plötzlich Milliarden wert ist, das erinnert an die hysterischen Dotcom-Zeiten um die Jahrtausendwende. "Vorsicht, Tech-Blase!" zu rufen, wäre aber zu einfach. Die Angelegenheit sei komplizierter und habe nichts mit einer bestimmten Branche zu tun, sagt Timothy Sykes. Der 33-Jährige spekulierte schon erfolgreich mit Pennystocks und beschäftigt sich mit Manipulationen in Bullenmärkten, also in Zeiten verbreiterter Kursanstiege.

"Solche exponentiellen Kurssteigerungen gibt es häufiger, ich nenne sie Supernovae", erklärt Sykes. Pump & Dump nennt es sich, wenn Insider in billige Aktien wertloser Unternehmen investieren und deren Kurs dann durch Gerüchte künstlich hochtreiben (pump), um sie teuer - und mit großem Gewinn - abzustoßen (dump). Kinozuschauer sahen so ein Schema im Film "The Wolf of Wall Street" mit Leonardo DiCaprio, der auf der Geschichte eines tatsächlichen Pump-&-Dump-Betrügers aus den Achtzigern basiert.

Diese Manipulation ist illegal, weshalb Sykes damit rechnet, dass die Börsenaufsicht bald eingreifen wird: "Die Aktie wird jetzt langsam fallen und am Freitag, spätestens Anfang nächster Woche wird der Handel ausgesetzt und es werden Ermittlungen beginnen."

In der Regel funktionieren Pump & Dumps geräuschloser, weil Kursexplosionen nur die Aufmerksamkeit der Börsenkontrolle wecken. Was also lief schief?

Eine einfache Erklärung könnte sein: Es sitzen nun einige Spekulanten in der Falle, die den Cynk-Anstieg beobachtet hatten und über Leerverkäufe vom erwartbaren Einbruch des Kurses profitieren wollten.

Weil aber zu wenige Papiere der Firma im Umlauf sind, suchen sie nun panisch nach "echten" Cynk-Aktien, um ihre Positionen auszugleichen - und treiben so den Preis nach oben. "Short Squeeze" nennt sich dieses Phänomen. Einige Händler schätzen, dass es sich gerade um einen der größten Short Squeezes der Börsengeschichte handeln könnte.

"Vielleicht gibt es einen Lerneffekt", hofft Händler Sykes. "In Bullenmärkten spekulieren die Händler mit allen möglichen Kleinaktien, sobald sie gute Nachrichten über sie hören." Im Herbst werde sich der Markt womöglich abkühlen und die Gemüter beruhigen.

Die Cynk-Aktien erholte sich nach dem Einbruch am Donnerstag sogar wieder auf 13,95 Dollar. Das Unternehmen ist damit "nur" noch vier Milliarden Dollar wert.