28-Milliarden-Euro-Panne Eine sagenhafte Überweisung und viele ungeklärte Fragen

Bei der Überweisungspanne soll kein finanzieller Schaden entstanden sein.

(Foto: Arne Dedert/dpa)
  • Die Deutsche Bank hat im März aus Versehen 28 Milliarden Euro auf ein Verrechnungskonto bei der Terminbörse Eurex überwiesen.
  • Eine Überweisung auf das dortige Konto war zwar vorgesehen gewesen, allerdings in wesentlich geringerer Höhe.
Von Meike Schreiber, Frankfurt

Als hätte es noch weitere Gründe gebraucht, um den Abgang der glücklosen IT-Vorstandsfrau der Deutschen Bank in dieser Woche zu erklären, ist nun auch noch eine peinliche Überweisungspanne bekannt geworden.

Wie ein Sprecher der Bank bestätigte, hat Deutschlands größtes Geldhaus im März aus Versehen sagenhafte 28 Milliarden Euro auf ein bankeigenes Verrechnungskonto bei der Frankfurter Terminbörse Eurex überwiesen.

Die Panne war durch einen Bericht der Nachrichtenagentur Bloomberg bekannt geworden. Vorgefallen war der Fehler im März bei einer Routinemaßnahme im täglichen Derivategeschäft. Tatsächlich war eine Überweisung auf das dortige Konto der Bank vorgesehen gewesen, allerdings in wesentlich geringerer Höhe.

Bei der Panne mag kein finanzieller Schaden entstanden sein, auch waren keine Kunden betroffen. Sie wirft aber erneut ein Licht auf eines der großen Probleme der Deutschen Bank: ihre veraltete EDV. Man mag sich nicht ausmalen, was passiert wäre, wenn der Betrag auf einem Konto gelandet wäre, wo er nur schwer hätte zurückgeholt werden können.

Wunderwaffe half nicht wie erhofft

Eigentlich hatte John Cryan, der gerade abgelöste Vorstandschef, den Umbau der IT nach Amtsantritt im Sommer 2015 zur Chefsache gemacht. Das Sammelsurium an vielen Dutzenden von Betriebssystemen und Programmen aufzuräumen, sei eine Hauptaufgabe. Als Wunderwaffe im Kampf gegen die veraltete IT hatte Cryan die Boeing-Managerin Kim Hammonds in den Vorstand geholt.

Allein, weder Cryan noch Hammonds konnten ihre Aufgaben beenden. Cryan wurde kurz nach Ostern und auf Druck großer Aktionäre von Privatkundenvorstand Christian Sewing abgelöst; Hammonds verlässt die Bank Ende Mai. Zwar gibt es für den Abgang der Amerikanerin mehrere Ursachen, die wichtigste aber dürfte sein, dass sie weniger erreicht hat als erhofft.

Die Bank jedenfalls ist noch weit entfernt von den Zielen, die man sich 2015 gab und bis 2020 umgesetzt haben will. Bis in zwei Jahren sollten von 45 IT-Systemen nur noch vier übrig sein, angelangt ist man bei 32. Auf einer internen Konferenz hatte Hammonds die Bank unlängst als "unfähigstes Unternehmen der Welt" bezeichnet - offiziell sagte sie stets, die IT-Systeme liefen heute viel stabiler als früher.

Der Vorfall von März stellt die Aussage ein Stück weit infrage. Nach einer der letzten großen Überweisungspannen hatte die Bank ein neues Sicherheitssystem namens "Bear-Trap" (zu Deutsch Bärenfalle) installiert. Das System griff bei der März-Überweisung aber nicht richtig.

Konkret hatte die Bank die Milliarden an ihr eigenes Konto bei der Terminbörse überwiesen, um dort Sicherheiten zu hinterlegen. Dazu sind Banken im Derivatehandel verpflichtet, und für diese Sicherheiten stehen Instituten theoretisch Milliardensummen zur Verfügung. Die Deutsche Bank verfügt über Liquiditätsreserven von 280 Milliarden Euro - auch wenn sie selbst an der Börse weniger als ein Zehntel davon wert ist.

Nicht der erste peinliche Fehler

Normalerweise verlassen große Summen aber nicht einfach so die Bank. Es gilt das Vier-Augen-Prinzip: Ein Kollege oder aber ein System müssen die Überweisung prüfen. Damit sollen die recht häufigen "Fat-Finger-Fehler" vermieden werden. So werden im Bankerjargon Missgeschicke genannt, deren Ursache ein falscher Tastendruck am Handelscomputer ist.

Der Deutschen Bank sind schon häufiger peinliche Fehler dieser Art unterlaufen. Im Sommer 2015 hatte die Bank versehentlich sechs Milliarden Dollar an einen amerikanischen Hedgefonds überwiesen. Sie konnte das Geld zwar sofort zurückholen. Der Schreck aber war groß. Ein Jahr später beunruhigte sie ihre Privatkunden mit einer Panne im Onlinebanking. Dort waren zum Monatswechsel fällige Beträge - etwa für Miete, Versicherungen oder Strom - gleich zweimal gebucht worden, Tausende Konten rutschten tief ins Minus.

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Ein Einzelfall ist die Deutsche Bank freilich nicht. Die Staatsbank KfW hatte vor einem Jahr 7,6 Milliarden Euro aus Versehen auf Konten von vier Geschäftsbanken überwiesen. Auch dieses Geld kam komplett zurück. Anders in der Finanzkrise, als die KfW 320 Millionen Euro an Lehman Brothers überwies, obwohl da die Pleite der US-Bank bereits seit Stunden feststand. Die KfW bekam den größten Teil später zurück, aber eben nicht alles.

Fast alle Kreditinstitute in Deutschland müssen noch viele Milliarden in ihre EDV-Systeme investieren. Oft haben sie diese vernachlässigt, weil ihnen die Rendite wichtiger war. Nun müssen sie sich nicht nur gegen eigene Fehler und Hacker-Angriffe absichern, sondern auch technologiegetriebenen Finanz-Start-ups etwas entgegensetzen. Die Finanzaufseher dürften die jüngste Panne der Deutschen Bank daher mit Sorge verfolgen.

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